Auf einer Kunstmesse ist, wenn sie gut läuft, viel los. Als Besucher trifft man alte Bekannte, wechselt von einem Gespräch zum nächsten, und auch für die Augen gibt es ein Überangebot, so jetzt wieder auf der Art Cologne. Innerhalb von Minuten kann der Blick von Franz Marcs Malerei über Skulpturen afrikanischer Stämme bis zu den goldpolierten Fahrradrädern von Ai Weiwei wandern: eine Weltreise. Aber dann gibt es, wenn man Glück hat, Momente, in denen ein einzelnes Kunstwerk die Aufmerksamkeit fesselt und der Trubel in die Ferne rückt. Am Messestand der Galerie Utermann hing so ein Werk: ein honigbraunes Holzrelief von Karl Hartung. So warm und einladend und handschmeichlerisch ist es, dass man es sofort anfassen will – und man darf es sogar! Karl Hartung (1908 bis 1967) war ein Tischlersohn, der eine Lehre zum Holzbildhauer absolvierte und während seines Studiums an der Hamburger Kunstgewerbeschule ein Stipendium für einen längeren Paris-Aufenthalt bekam, das war 1929/30. Besonders die Plastiken von Rodin und Maillol bewunderte er. Nicht viel später, in Florenz, entdeckte Hartung die Kunst der Etrusker für sich. Fast könnte man meinen, auch in diesem Relief, das er in der Zeit um 1954 schuf, hätte einmal ein etruskisches Königspaar gesteckt, denn die Formen, die an Hälse und Schultern erinnern, haben etwas würdevoll Aufrechtes. 1954 war Hartung schon Professor für Bildhauerei an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin und nahm 1955 an der ersten Documenta teil. Die westdeutsche Nachkriegsmoderne suchte nach dem Krieg ihr Heil in der Abstraktion. Und doch, bei all der wohligen Wärme des Reliefs, ist auch das Wissen um die Schrecken der Vergangenheit zu spüren, als sei der Verlust der konkreten Form mit Trauer behaftet. Wie ausgewaschen vom Meer wirkt sein Werk, als wären die Figuren durch die Witterung friedlich verschmolzen und wieder eins geworden mit der Natur.

Lisa Zeitz ist Chefredakteurin von Weltkunst und Kunst und Auktionen