Am anderen Ende der Welt gibt es einen Ort, an dem das Gras besonders grün ist, die Kirchtürme besonders weiß sind und die Menschen extra rotwangig: Stockbridge im US-Bundesstaat Massachusetts – 2276 Seelen – ist Norman-Rockwell-Country. Was niemanden verwundert, schließlich hat der Maler hier gelebt und seine Motive gefunden. Rockwell ist ein amerikanisches Phänomen, als Illustrator schuf er zwischen 1916 und 1963 insgesamt 322 Cover für die Zeitschrift Saturday Evening Post, er wurde zu einem der beliebtesten Künstler der Massen, und seine Bilder erzielen heute auf Auktionen Rekordpreise. Von den großen Museen und den Kunsthistorikern wird sein Œuvre ignoriert, nach Stockbridge aber kommen Busladungen von Touristen. Sie suchen ein verlorenes Idyll. Daraus hat sich eine kleine Sehnsuchtsindustrie entwickelt. Man kann sogar Rockwells alte Fahrradroute abfahren. Und wer weiß: Vielleicht begegnet man unterwegs ja jenem Sherman Safford, der vor 50 Jahren als Teenager für Rockwell posierte. Im beigefarbenen Sommeranzug und mit Baseballschläger unter dem Arm.

Wenig später gruppierte der Künstler einige der berühmtesten Baseballspieler seiner Zeit um die Figur des blonden Schlacks Safford herum, am 22. Mai soll das Gemälde bei Christie’s in New York versteigert werden. Die Szene im Umkleideraum, die wir durch Rockwells Augen wie eine Ballerinen-Impression von Degas betrachten, zeigt ein hoffnungsvolles Jungtalent im Kreis altgedienter sportiver Haudegen. The Rookie gehörte 1957 zu den meistdiskutierten Titelseiten der Post, weiß Jeremy Clowe vom Norman Rockwell Museum in Stockbridge: weil der Starspieler der Boston Red Sox, Ted Williams (im Zentrum stehend abgebildet), nicht lebensecht genug geraten war. "Einige überzeugte Red-Sox-Fans nannten das Bild eine Schande für den Baseball." Die "Schande" wurde jetzt vom Auktionshaus Christie’s auf 20 bis 30 Millionen Dollar geschätzt.

Der 1894 in New York geborene Künstler, der sich selbst "Illustrator" nannte, schuf bis zu seinem Tod im Jahr 1978 fast ausschließlich Auftragsarbeiten, meistens für Zeitschriften. Und im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Edward Hopper, der international wesentlich bekannter ist, neigte Rockwell dazu, den Amerikanischen Traum ohne dunkle Schatten zu träumen. Während die Menschen bei Hopper vereinsamt in nächtlichen Bars hocken, sitzen sie in Rockwells Bildern zusammen am Tisch vor dem knusprig braunen Truthahnbraten. "Rockwell malte die Amerikaner so, wie sie sich selbst gern sehen", sagt Clowe, "hilfsbereit, humorvoll, mit Herz für die Gemeinschaft." Und natürlich waren die Bilder nicht wenig nostalgisch. Als Rookie entstand hatte Elvis schon Hound Dog gesungen, und James Dean hatte dem rebellischen Jugendlichen ein Gesicht gegeben. Im Land des passionierten Pfadfindermalers Rockwell aber verübten die Amerikaner weiterhin gute Taten und trugen kurze Hosen statt Bluejeans.

Und nun also 20 oder 30 Millionen Dollar? Wird der Rookie bei der Christie’s-Versteigerung mit amerikanischer Kunst in New York wirklich den Gegenwert eines substanziellen Picassos oder Monets erzielen? Glaubt man Kunstmarktanalytikern, die aus Auktionsdaten nervöse Balkendiagramme zeichnen, dann erinnern die Ausschläge für Rockwell-Bilder an die Vorzeichen eines großen Bebens. Erst im vergangenen Herbst erzielte Rockwells Gemälde Saying Grace bei einer Sotheby’s-Auktion den sagenhaften Preis von 46 Millionen Dollar. Der bisherige Künstlerrekord wurde dabei um das Dreifache überschritten. "Wir zählen rund 50 Millionen-Zuschläge bei Bildern von Rockwell", sagt Christie’s-Spezialistin Elizabeth Beaman. "Davon stammt die Hälfte aus den vergangenen zwei Jahren." Ein ähnlich eindrucksvoller Boom ist gegenwärtig nur vom deutschen Maler Gerhard Richter bekannt. Hier wurde dem Preisanstieg allerdings durch jahrzehntelange kuratorische Museumsarbeit der Boden bereitet. Dagegen ist Rockwell kunstwissenschaftlich gesehen ein Neuling.

Rockwells Gemälde ist nebenbei auch ein Sinnbild der Bigotterie

"Ich habe ein Buch von 1976, das die 5000 wichtigsten Künstler auflistet. Rockwell ist nicht drin", sagt Bill Rau. "Und heute gehört er zu den teuersten Malern der Welt." Die Galerie M. S. Rau in New Orleans zählt zu dem guten Dutzend Kunsthändlern im Land, die größtenteils in Metropolen abseits des Kunstbetriebs Bilder von Rockwell anbieten. Dass die Rezeption Rockwells den Preisen etwas hinterherhinkt, führt Bill Rau auf die "Snobs" in den Kunstzentren, in New York, London und Paris zurück. Lange hätten die Kritiker Rockwell verachtet, weil er als Illustrator arbeitete. "Sie haben den extrem begabten Künstler dahinter nicht erkannt", sagt Rau. Und so findet man heute kein Bild von Rockwell im MoMA, keines im Guggenheim Museum, im Getty, im Art Institute of Chicago oder in den National Galleries in Washington. Wer Rockwell im Museum sehen will, sollte nach Stockbridge fahren, ins National Museum of American Illustration nach Newport oder in das Columbus Museum of Art. In Columbus, Ohio.