DIE ZEIT: Professor Hutter, seit Jahrzehnten beobachten Sie den Kunstmarkt. Macht Kunstsammeln süchtig?

Michael Hutter: Ja, das ist sogar belegt, es entstehen bei einigen Kunstkäufern Abhängigkeiten. Der Kunstkauf löst dann eine Art Rausch aus, und das übrigens ganz unabhängig von der Preiskategorie. Und es gibt – wie bei anderen Suchtvarianten auch – offenbar Menschen, die dafür besonders anfällig sind. Für diese Menschen haben erfolgreiche Galeristen einen Blick. Die können sie dann "anfixen", wie sie selbst in der Sprache der Drogenhändler sagen.

ZEIT: Wer sind diese Sammler? Gibt es da Phänotypen?

Hutter: Es gibt Sammler, die an den Werken selbst interessiert sind. Sei es, weil sie die Kunst ständig um sich haben und betrachten wollen, oder aber, weil sie diese aus Statusgründen zeigen und mit ihr renommieren wollen. Und dann gibt es Sammler, denen die Kunst relativ egal ist, die aber an den Wertsteigerungen interessiert sind. Diese letzte Gruppe der Sammler wächst, das Spekulationspotenzial ist noch nicht ausgereizt.

ZEIT: Die Umsätze auf dem internationalen Kunstmarkt steigen derzeit gewaltig, es werden jedes Jahr neue Rekordpreise gezahlt. Ist die Spekulation mit der Kunst eine Erfindung unserer Zeit?

Hutter: Nein, schon im 17. Jahrhundert wuchs in den Niederlanden das Volumen der Bildverkäufe so stark, dass für bestimmte Genres und Künstler Knappheiten entstanden. Mit diesen Knappheiten stabilisierten sich auch die Preise, und damit begann die Spekulation. Im 17. und 18. Jahrhundert kauften dann englische Sammler massenhaft alte Kunst spanischer und italienischer Meister. Im Paris des 19. Jahrhunderts weitete sich das Kunstsammeln deutlich aus, damals wurde die zeitgenössische Malerei aus den Salons gekauft. Für die richtige Finanzspekulation muss man allerdings ohne großen Aufwand auch wieder schnell verkaufen können. Das ist erst mit dem Entstehen eines professionellen Händlersystems gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Paris einigermaßen möglich, aber selbst heute ist die Liquidität deutlich geringer als bei Finanzpapieren.

ZEIT: Was unterscheidet den Kunstmarkt etwa vom Aktienmarkt?

Hutter: Beim Aktienmarkt hat man nur ein Stück Papier in der Hand, beim Kunstmarkt aber das eigentlich wertschaffende Teil. Also ähnelt der Kunstmarkt dem Immobilienmarkt, wo man auch das Haus besitzt. Bei der Immobilie kann man die Art der Nutzung und damit den Mietzins recht gut vorhersagen. Das Kunstwerk hängt aber an der Wand oder liegt im Tresor, in ihm kann keiner wohnen. Die Wertsteigerung entsteht nur durch die verstärkte Nachfrage nach den Werken dieses Künstlers.

ZEIT: Kann ein Sammler den Wert seiner Kunst steigern?

Hutter: Der Sammler muss das Werk in einen Zusammenhang bringen, der auf das Werk selbst rückwirkt. Er muss es also für Museumsausstellungen ausleihen, zu denen am besten auch noch Kataloge entstehen, auf die der Sammler beim Wiederverkauf verweisen kann. Man kann auch die eigene Sammlung durch Zukäufe wertvoller machen, sodass schließlich die Provenienz ein Wert an sich wird. Großsammler wie Charles Saatchi beeinflussen den Markt zudem über die schiere Masse, die sie aufkaufen. Und man kann Institutionen wie Museen unterstützen, die ihrerseits dafür sorgen, dass Wertzuschreibungen erfolgen ...

ZEIT: Oder man besticht Kunstkritiker, damit sie Positives über die Kunst zu schreiben?

Hutter: Auch das kann vorkommen. Es gibt da richtige Teams, einige Künstler lassen ihre Katalogtexte immer von denselben Kritikern schreiben. Die Kritiker sind dann Experten für das Werk dieses Künstlers, sie schreiben immer euphorisch. Das erfüllt seinen Zweck.

ZEIT: Wieso eignen sich Altmeister-Gemälde kaum zur Spekulation?

Hutter: Auf diesem Spezialmarkt tut sich zu wenig. Die meisten Gemälde von Leonardo oder Caravaggio befinden sich für immer in Museen. Da gibt es zu wenige Transaktionen.

ZEIT: Braucht es dann Fälschungen, um den Kunstmarkt am Laufen zu halten?

Hutter: Fälschungen erweitern den spekulativen Markt sicherlich. Für den Zirkulationszweck ist es nämlich unerheblich, ob die Kunst echt ist – solange die Käufer an die Echtheit glauben. Wenn die Fälschung gelungen ist, kann man ja teilweise sogar einen ästhetischen Genuss aus ihr ziehen. Trotzdem muss der Händler darauf achten, dass zu dumm gemachte Fälschungen aus dem Verkehr gezogen werden. Denn die Werterwartung bei der Kunst beruht ja gerade darauf, dass sie nicht beliebig vermehrbar ist. In den USA hängen viel mehr Gemälde von Renoir in privaten Sammlungen, als Renoir zu Lebzeiten je gemalt hatte. Das wird dann schon ein Problem.