Es muss den Parteichef selbst überrascht haben, wie reibungslos in der vergangenen Woche die Säuberung in den eigenen Reihen über die Bühne ging. Es dauerte wenige Stunden, dann war die peinliche Angelegenheit erledigt. Nach einem wohl sehr einseitigen Vieraugengespräch hatte Andreas Mölzer, der freiheitliche Spitzenkandidat für die Wahlen zum Europäischen Parlament, ohne große Gegenwehr auf seine Kandidatur verzichtet. Er war über zwei, selbst für FPÖ-Verhältnisse dümmliche Sprüche gestolpert sowie über eine zwei Jahre alte Jeremiade in seiner völkischen Wochenschrift, in der ein vorgeblich anonymer Autor namens F. X. Seltsam recht primitiv David Alaba, das junge Fußballidol aus Wien, in rassistischer Paranoia angepöbelt hatte.

Selbst von all jenen Fußsoldaten, die insgeheim zu dem Burschenaftler Mölzer, dem Bannerträger der reinen Lehre, ein nibelungentreues Naheverhältnis verspüren mögen, waren keine Widerworte zu vernehmen. Auch im freiheitlichen Parlamentsklub, in dem fast die Hälfte der Mandatare dem Lager der schlagenden Studentenverbindungen entstammen, regte sich kein Unmut. Andreas Mölzer, der selbst deklarierte "nationalliberale Kulturdeutsche", der seit Jahrzehnten als Parteiideologe gilt, ging sang- und klanglos unter.

Der tagelange Rummel, in dessen Verlauf von allen Seiten Rassismusvorwürfe auf die einschlägig beleumundete Partei eingehagelt waren, kam für die Freiheitlichen zu einem erdenklich schlechten Zeitpunkt. Im Zug der Auseinandersetzung um einen Untersuchungsausschuss zum Finanzdesaster der Kärntner Skandalbank Hypo Alpe Adria war es der FPÖ gelungen, sich aus dem parlamentarischen Schmuddeleck herauszumanövrieren. In trauter Einigkeit drängte die vereinigte Opposition ein ums andere Mal die Regierung in die Defensive. Zwischen den sonst spinnefeinden Parteichefs herrschte bei gemeinsamen Auftritten tadellose Courtoisie. In allen Meinungsumfragen erlebte die FPÖ einen Höhenflug: Bei Nationalratswahlen prophezeiten die Demoskopen der Partei eine unangefochtene Spitzenposition, bei den Europawahlen lieferte sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den beiden Regierungsparteien. Eigentlich hätte Parteichef Heinz-Christian Strache nur mehr die Zeit für sich arbeiten lassen müssen.

Dann tauchten die anstößigen Kommentare von Andreas Mölzer auf, wie häufig inklusive geschmackloser Nazi-Analogie, und schon sahen sich die Freiheitlichen wieder in einem alten Muster gefangen: Immer wenn es für die Partei zu glatt zu laufen scheint, vergisst ein übermütiger Funktionär die strategische Zurückhaltung und provoziert einen Eklat. Den Flohzirkus rechter Ressentiments im freiheitlichen Lager im Zaum zu halten, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Die Liste der Missetäter ist lang. Kleine Maulhelden rasch und möglichst dezent zu verräumen gehört zur Routine der Parteiführung. Bei der Entmachtung von Spitzenleuten wie etwa dem ehemaligen dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, der Bundespräsidentschaftskandidatin und einstigen Landeschefin in Niederösterreich Barbara Rosenkranz oder eben Andreas Mölzer müssen Strache und sein Adjutant Herbert Kickl aber regelmäßig ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen. Zwar stammt nur ein ziemlich kleiner Teil der Wählerschaft aus deutschnationalen und völkischen Schichten, doch in den Strukturen der Partei bilden diese Gesinnungsfreiheitlichen der alten Schule weiterhin das Gerüst. Sie sind es, die seit je zu verhindern wissen, dass die Freiheitlichen auf ideologische Abwege geraten. Vor allem Andreas Mölzer, ein mitunter zynischer Spötter, der üblicherweise die Kunst der feinen Dosierung seines Gedankengutes durchaus beherrscht, sieht sich als Bewahrer des traditionellen Geists der FPÖ und wird auch in dieser Funktion anerkannt und geschätzt. Als er bei den Europawahlen im Juni 2004 mit einem Vorzugstimmenwahlkampf gegen den offiziellen Kandidaten der damals noch von Jörg Haider geführten Partei antrat, vereinigte er fast 22.000 Unterstützer hinter sich und eroberte dadurch das einzige FPÖ-Mandat. Zumindest für diese Fraktion innerhalb der Partei repräsentiert Mölzer die wahren Werte der Freiheitlichen. Parteichef Strache konnte sich deshalb keineswegs seiner Sache sicher sein, als er den knorrigen Kandidaten zum Rücktritt drängte – noch dazu, da Mölzer finster entschlossen schien, die Affäre auszusitzen. Doch er musste bald zur Kenntnis nehmen, dass er innerhalb der Partei viel Vertrauen eingebüßt hatte, wie er selbst einräumte. Im Zweifelsfall überwiegt auch bei gesinnungstreuen Freiheitlichen der Opportunismus über den völkischen Idealismus. Zu viele meinen, sie stünden kurz vor dem Ziel. Die schöne Aussicht auf Posten und Einflusszonen wollen sie sich nicht von einem störrischen Rechtsaußen zunichtemachen lassen. Das lieb Vaterland soll da eine Zeit lang ruhig sein.

Der Konflikt rund um den 62-jährigen Polemiker aus Kärnten stellt aber nur die jüngste Auflage der Auseinandersetzung zwischen Fundis und Realos bei den Freiheitlichen dar. Das Dilemma der Partei liegt darin begründet, dass beide Flügel aufeinander angewiesen sind. Ohne den pragmatischen Populismus der Realos bliebe das Wählerpotenzial der FPÖ überschaubar gering, und keine andere Partei würde mit ihr eine Koalition eingehen wollen. Ohne das Gesinnungsfundament der Traditionalisten hingegen würde die Partei rasch zu einem konturlosen Allerweltsprotestlertum zerrinnen. Beide Strömungen in der richtigen Balance zu halten ist allerdings bislang noch niemandem gelungen, weder dem lockeren Jongleur Haider noch seinem krakeelenden Nachfolger Strache.