In einer Aprilnacht vor zwölf Jahren opfert Ni Yulan ihre Freiheit, ihren Besitz, ihre Gesundheit. All das, weil sie als Rechtsanwältin die Schwachen und Ohnmächtigen verteidigt – in einem Staat, in dem das Recht nur so lange gilt, wie es den Mächtigen nicht in die Quere kommt. In China überschreitet man in diesem Beruf leicht eine unsichtbare Grenze, die in keinem Gesetz aufgeführt ist. Das kann einen die Existenz kosten, mindestens.

Ni Yulan sitzt in ihrem Rollstuhl in einer kleinen, dunklen Wohnung weit hinten in einem Pekinger Altstadthof. Das bisschen, was sie und ihr Mann noch besitzen, passt in ein paar Schränke und Pappkartons, sie leben von den Spenden ihrer Unterstützer. Trotz ihrer 54 Jahre, trotz des Martyriums, das hinter ihr liegt, hat Ni Yulan noch immer etwas Mädchenhaftes. Sie erzählt ihre Geschichte ruhig und mit der Akribie der Juristin. Namen, Zahlen, Daten.

Ni stammt aus einer wohlhabenden Pekinger Familie. Als Anwältin kümmert sie sich anfangs vor allem um Erbrechtsstreitigkeiten. Bis im Jahr 2001 die Tochter eines inhaftierten Anhängers der verbotenen Falun-Gong-Bewegung sie bittet, den Vater zu vertreten. Es ist klar, dass es gefährlich ist, so ein Mandat zu übernehmen, aber weil es sonst keiner tun will, lässt sich Ni darauf ein. Wie gefährlich die Sache ist, wird sie erst ein halbes Jahr später begreifen. Als sie von der Gerichtsverhandlung nach Hause geht, zerren Polizisten sie in ein Auto und schlagen sie, bis ihr Gesicht geschwollen ist. Die erste Warnung.

Es sind die Jahre, in denen sich Peking auf die Olympischen Spiele vorbereitet und ein Altstadtviertel nach dem anderen abgerissen wird – auch das, in dem Ni Yulan wohnt. Die Nachbarn bitten sie um Hilfe. Sie sagen, die Behörden hielten sich beim Abriss nicht an die gesetzlichen Regeln, die angebotene Entschädigung sei viel zu gering.

Wieder sagt Ni zu. Sie macht sich keine Illusionen. Sie weiß, dass China kein Rechtsstaat ist. Sie weiß aber auch, dass diese Leute einen Anwalt verdient haben. Nie hätte sie geglaubt, mit welcher Härte sie für diese Überzeugung bestraft werden sollte.

Im April 2002 eilt Ni zu einer Abrissstelle, um Fotos zu machen. Sie will für den Prozess dokumentieren, was passiert. Tausend, zweitausend Menschen haben sich versammelt. Als Mitglieder des Abrisskommandos ihre Kamera bemerken, reißen sie sie ihr aus den Händen, Polizisten prügeln auf sie ein. Sie zerren Ni in den Streifenwagen, schlagen sie bewusstlos. Ni erwacht auf der Polizeiwache. Mehrere Beamte knien auf ihr und traktieren sie mit Fäusten, Ellbogen, Knien. Sie winden ein Seil um ihren Körper, verdrehen ihre Wirbelsäule. Ni spuckt einen blutigen Zahn nach dem anderen aus. Sie fleht um Gnade, doch die Polizisten schlagen nur noch fester zu. "Seither", sagt Ni, "habe ich nie wieder um Gnade gebeten. Dann glauben sie nur, dass du noch leichter fertigzumachen bist."

Drei Tage lang misshandeln sie sie. "Wenn mich damals gleich ein Arzt behandelt hätte, könnte ich heute noch gehen." Doch niemand holt einen Mediziner. Und als Ni rauskommt, hindern Polizisten die Ärzte daran, sie zu untersuchen. Es soll keine Beweise geben.

Ni Yulan wird angeklagt und verurteilt. Ein Jahr Gefängnis wegen Behinderung öffentlicher Arbeiten, die Anwaltszulassung wird ihr entzogen.

2008 wird auch ihr Haus abgerissen. Als das Abrisskommando auftaucht, im Schlepptau die Polizei, bittet Ni darum, die erforderlichen Dokumente zu sehen. Wieder schlagen die Polizisten zu. Einer von ihnen rennt, stolpert und stürzt zu Boden. Seine Kollegen sagen: "Schau, du hast ihn getreten." Sie nehmen Ni mit auf die Wache. Schlagen, beschimpfen sie. Einer pinkelt auf sie. Ni liegt am Boden, eine kleine versehrte Frau, über ihr steht ein Mann, eins achtzig groß. Er sagt zu ihr: "Du hast mich in die Eier getreten."

Wieder kommt sie vor Gericht, Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Haft wegen Provokation und Verletzung eines Polizisten. Als sie dem Richter ihre Wunden zeigen will, sagt er: "Das tut hier nichts zur Sache."

Im Gefängnis verweigert man ihr den Gehstock. Sie muss kriechen, zur Arbeit, in die Dusche, aufs Klo, die Treppen hinauf und hinunter.

Als sie aus dem Gefängnis kommt, ist ihr Haus weg, ihr Besitz konfisziert. Sie besitzt nicht mal einen Personalausweis. Ihr Mann war ebenfalls in Haft. Sie suchen eine Wohnung, doch wohin sie auch kommen, die Polizei war schon da und hat Vermieter, Verwandte, Freunde davor gewarnt, sie aufzunehmen. Ni und ihr Mann schlafen im Park. Unterstützer, die ihr Schicksal aus dem Internet kennen, bringen Essen und Decken. Wenig später steht Ni wieder vor Gericht. Die Anklage lautet auf Betrug. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, dass sie ihre Unterstützer hintergangen hat: Mit falschen Informationen habe Ni im Internet Mitleid erweckt.

Sie haben ihr alles genommen, nun wollen sie ihr auch ihre Geschichte nehmen. Doch die Zeugenaussagen geben nichts her, woraus sich ein Schuldspruch machen ließe. Ni wird freigesprochen. Sie zieht mit ihrem Mann in die kleine Mietwohnung. Sie hofft nicht auf Gerechtigkeit, "nicht in diesem System", und doch glaubt sie daran, "dass unsere Anstrengungen ein wenig Fortschritt bringen".