Aitizaz war nie der Schnellste. Auf dem Fußballplatz stand er herum und ertrug die Witze der anderen Jungs über seinen massigen, ungelenken Körper. Wenn sie böse sein wollten, riefen sie: Du bist so langsam, du hältst mit keinem mit. Wenn sie nett sein wollten, nannten sie ihn "Wrestler" – weil niemand es schaffte, Aitizaz zu Boden zu reißen. Er war 14 oder 15 Jahre alt, so genau weiß das keiner in dem Städtchen Ibrahimzai, gelegen in einer hügeligen Idylle im Nordwesten Pakistans.

Aitizaz neigte dazu, seinen Schulweg zu vertrödeln. Es war ein kalter Wintermorgen im Januar 2014, als er mit einem Freund am Metalltor ankam, das auf den Schulhof führte. Kurz vor halb neun, gerade noch rechtzeitig. In diesem Moment sahen die beiden einen Jungen, vor dem die anderen Schulkinder zurückgewichen waren wie vor einem Gespenst. Der Fremde war vielleicht 13 Jahre alt, er trug Schuluniform wie alle, aber die falsche Mütze dazu. Jemandem war die Bombenweste unter der Uniform aufgefallen, und jetzt brüllten alle "Attentäter, ein Attentäter!" und rannten weg.

Aitizaz rannte nicht weg. Man hörte ihn noch sagen, er werde den Selbstmordattentäter aufhalten.

Was ging in Aitizaz vor? Wollte er denen, die über ihn lachten, etwas beweisen? Dachte er an die vierhundert Jungs, die drinnen auf dem Schulhof schon in engen Reihen standen, um gleich wie jeden Morgen die pakistanische Nationalhymne herunterzuleiern? War ihm klar, dass so viele Schüler, die meisten Schiiten wie er, ein perfektes Ziel boten für eine sunnitische Terrorgruppe? Sah er voraus, was in ein paar Augenblicken geschehen würde, wenn er nichts unternähme?

Aitizaz stapfte los, auf den Angreifer zu. Zwei Jungs, fast noch Kinder, jetzt Feinde. Der eine mit der Figur eines Wrestlers, der andere mit sechs Kilo Sprengstoff am Leib. Der Angreifer zögerte. Gleich würde sich Aitizaz auf ihn stürzen, wenn er seine Bombe noch zünden wollte, musste es jetzt sein. Jetzt. Ein heller Blitz, ein Knall, die Druckwelle.

Als der Vizedirektor der Schule herbeieilte, sah er die Überreste des Terroristen, Arm- und Beinteile, einen Kopf. Zwischen ihnen lag Aitizaz, leblos, sein Unterleib eine blutige Masse. Er hatte sehr viele Schülerleben gerettet, aber nicht sich selbst; um den Angreifer zu überwältigen, war Aitizaz nicht schnell genug.

Die Mutter soll mehrere Tage lang geweint haben. Als der Vater, Lkw-Fahrer in Dubai, in der Heimat eintraf, redeten schon alle über Aitizaz, auf der Straße, auf Twitter, in den Zeitungen, im Fernsehen. Aitizaz, der Süßigkeiten mochte und Manchester United, der schlechte Noten nach Hause brachte und jeden Spott lächelnd ertrug, war jetzt ein Held in einem Land, das Helden braucht. Auch wenn sie tot sind.

Der Freund, der Schuldirektor und der Vater erzählen über Skype davon, wie Aitizaz dem Opferkult der Terroristen seine eigene Tat entgegensetzte. Opfer gegen Opfer, wie in einem Wettbewerb. Der Computer steht in Aitizaz’ Kinderzimmer, man sieht ein Regal mit Bildern und Stofftieren, draußen Vogelgezwitscher, Kindergeschrei.

"Ich möchte seinem Beispiel folgen und mich für andere opfern", sagt der Freund.

"Wir heißen jetzt Märtyrer-Aitizaz-Hasan-Highschool", sagt der Schuldirektor.

"Wir danken Gott, wir sind stolz auf seinen Tod", sagt der Vater; seine traurigen Augen erzählen eine andere Geschichte.

Über den Angreifer ist nichts bekannt. Klar ist, die Terroristen feiern ihn als Märtyrer, so wie der Staat Aitizaz feiert. Über Aitizaz’ Grab weht die pakistanische Flagge. Der Generalstab der Armee hat einen Blumenkranz geschickt. Und der Vater muss nicht mehr nach Dubai, wegen der vielen Geldgeschenke.

Jemand nimmt den Computer und trägt ihn durch das Zimmer, man sieht einen Tisch, darauf Schmuckteller, Medaillen, die höchsten Auszeichnungen der Islamischen Republik Pakistan. Kurz bevor die Verbindung abbricht, sieht man ein Foto an der Wand. Es zeigt einen freundlichen, pausbäckigen Jungen mit einem Flaum über den Lippen: den Märtyrer Aitizaz Hasan, der zwar nicht der Schnellste war, dafür aber mutiger als alle anderen.