Hans Glantschnig rettet auch die Leichtsinnigen und Unvernünftigen. Menschen, die das Schicksal herausfordern, so wie der slowenische Snowboarder, der vergangenen Februar bei Lawinenwarnstufe 3 das Skigebiet von Heiligenblut verlässt und ins freie Gelände hineinfährt, trotz Nebel. Plötzlich verschluckt ihn milchiges Licht, er steckt fest. Um ihn herum nur Weiß, still und kalt. White-out heißt das Wetterphänomen, wenn Himmel und Erde ineinander übergehen, wenn man nicht mehr weiß, ob es bergauf geht oder bergab.

Hans Glantschnig ist an diesem Tag mit zwei Gästen am Berg unterwegs. Ein großer Mann mit breiten Händen. Er sagt Sätze wie: Fahr langsam. Steig nicht so hart in den Hang.

Einen echten Bergführer erkennt man daran, dass er voraussieht, wann einer stürzt. Glantschnig hat das Beobachten vom Vater gelernt. Mit sieben Jahren begleitete er ihn zum ersten Mal auf den Großglockner, den höchsten Berg Österreichs, 3798 Meter über dem Meer. Mit 16 ging er zur Bergrettung, mit 20 bekam er die Bergführerlizenz, damals der jüngste des Landes. Jetzt ist er 59 und wacht über die Schneeräumung an der Großglockner-Hochalpenstraße. Er fährt auf Skiern hinaus zu den Abrisskanten der Lawinen, um sie zu sprengen.

Am Morgen war er schon unterwegs mit den Munitionspaketen im Rucksack. Eine Jahrhundertladung Schnee ist niedergegangen, im Tal schaufelt das Bundesheer die Dächer frei. Oben am Berg, wo der Slowene seit anderthalb Stunden orientierungslos im Schnee sitzt, scheint das Element watteleicht, aber die Kälte kriecht ihm in die Knochen.

Als Glantschnig und seine Begleiter ihn finden, zufällig, weil er auf ihrem Weg durchs Nichts liegt, sind seine Hände eisig, sein Gesicht ist bleich, er wirkt wie ein verängstigtes Kind. Glantschnig streckt ihm den Skistock hin, um ihn hochzuziehen. Der Mann will nicht recht, er ist nass und müde. "Komm", sagt Glantschnig beinahe barsch. Er hat genug Halbtote geborgen, um zu wissen, ob einer es schafft. Gemeinsam fahren sie ins Tal.

Später wird Glantschnig vorwurfsvoll sagen: "Der hatte sich aufgegeben." Aufgeben gilt nicht in der Welt der Bergführer und Bergretter, schon aus Ehrfurcht vor der Natur, vor ihrer Gewalt. Nur 2000 bis 2500 hauptberufliche Bergführer gibt es weltweit, 1200 von ihnen arbeiten in Österreich. Ihre Ausbildung in Fels, Eis und Schnee zählt zum Härtesten, was ein Mensch sich antun kann.

Denn in den Alpen kann man leicht sterben. Das hatte der Slowene nicht bedacht. Seine Geschichte ist harmlos, aber auch sie handelt vom Tod – wie nahe er liegt. An manche Bergung erinnert sich Glantschnig nur mit Grausen. Das 14-jährige Mädchen zum Beispiel, dessen Vater die Familie vom Sicherungsseil nahm, sodass die Tochter einen Eishang hinabstürzte. Man sah die Blutspur schon von Weitem, doch von Nahem erst wurde Hans Glantschnig klar, dass dem Mädchen die Schädeldecke aufgerissen war. "Wir haben ihr vorsichtig den Schädel zugeklappt und einen Hubschrauber bestellt." Als das Mädchen Krämpfe bekam, musste er ihr die Zähne aufzwängen, der Mund war voll Blut, sie biss ihn heftig in den Finger.

Hans Glantschnig spricht nicht gern über seine Arbeit, schon gar nicht über das, was man heute traumatische Erlebnisse nennen würde. Man muss lange bohren, bis er erzählt, wie damals der Oberjäger einen seit drei Wochen vermissten Mann im Flussbett fand. Gemeinsam transportierten sie die gedunsene Wasserleiche durch die Sommerhitze, eingehüllt in eine Wolke von Fliegen. Den Leichengeruch schmecke er bei der Erinnerung noch immer. "So viel Schnaps konnte man gar nicht trinken, um das wegzuspülen."

Jahrzehnte später stand Glantschnig auf zwei ins Eis gerammten Pickeln auf dem Gletscher unterm Großglockner. Ein Verletzter war in der Wand, elf Retter hingen an den Seilen, um ihn zu bergen. Glantschnig sicherte die Seile. Er stand auf den Pickeln, die jetzt sein Leben und das der anderen trugen. Die Pickel ruckten, die Seile zitterten, unten elf Leute. Es stürmte, zwei Stunden lang stand er so, drei Stunden, während die letzte Wärme aus seinen Füßen wich.

Hans Glantschnig hat keine Ahnung, wie viele Menschen er gerettet hat. Er zählt sie nicht, er führt nicht Buch, manche Rettung geschieht nebenbei. An den Einsatz in der Eiswand aber kann er sich erinnern, allein weil sich bis heute immer wieder die Nägel von seinen erfrorenen Zehen lösen.

Ja, sagt er, das Mädchen mit der aufgerissenen Schädeldecke habe wohl überlebt. Nein, es gab früher keine psychologische Betreuung für die Bergretter. Manchmal geht er gern in die Kirche, um für eine Heimkehr zu danken. Und nein, seiner Frau erzähle er fast nichts. "Wenn du nur die Hälfte erzählst, lässt sie dich nicht mehr auf den Berg."

Glantschnig hat vier Kinder, vier Enkel, einen Bauernhof. Sein ältester Sohn Martin, 34, ist auch Bergführer. Auch er war mit 7 schon auf dem Glockner, wie seinerzeit Hans. Das Bergsteigen sei "in unsern Körper eini gfalln", sagt Glantschnig, ein Talent, wie bei Musikern.

Es ist eine besondere Gabe, die bei Hans Glantschnig mit dem Willen einhergeht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, wenn er andere retten kann. Es ist etwas, das er gemein haben mag mit Menschen, die ganz andere und doch ähnliche Berufe haben: Minenräumer oder Feuerwehrleute. Wobei Glantschnig nur Geld verdient, wenn er Touristen auf Gipfel führt, die Einsätze für die Bergrettung dagegen sind Ehrensache.

Die größte Angst, sagt er, habe er damals bei dem Steinhagel in der Pallavicini-Rinne gehabt, einer extrem steilen Eiswand zwischen Klein- und Großglockner. Dorthin trauen sich nur die Besten der Besten, und dort waren vier Kletterer hängen geblieben. Es war warm, und wenn es warm ist, lösen sich oben am Berg die Steine. Dreihundert Meter stiegen Hans und seine Kollegen auf, während um sie herum die Splitter wie Geschosse herabsausten, schon ein kleiner fährt durch einen Menschen hindurch wie durch Butter. In diesem Hagel seilten sie einen Toten und einen Verletzten ab, Meter für Meter.

Man dürfe das alles aber nicht hochspielen, sagt er. Am Ende müsse bei dem Zeitungsartikel rauskommen: "Es ist schön, dass man noch lebt."