Jeden Tag um kurz nach drei treffen sie sich. Der Herr aus dem zweiten Stock, der mit seiner Gattin immer links am Tisch sitzt, Frau Doktor mit ihrem Mann, dem Herrn Professor, manchmal die Enkelin der Frau aus dem ersten, der Sohn der Dame aus dem zweiten Stock. Zu acht sind sie heute, sitzen in der Cafeteria, essen Torte. Von Weitem könnte man glauben, eine Gruppe von Freunden hält ein Kaffeekränzchen.

Erst wenn man näher herantritt, sieht man, dass manche stumm bleiben, dass der Herr Professor lächelt, wenn es nichts zu lachen gibt. Dass der Herr links minutenlang auf die Tischplatte starrt. Man sieht Herrn Brummer, in Hemd und Bügelfaltenhose, mit einem Schmunzeln um den Mund und wachen Augen. Neben ihm seine Frau, im Rollstuhl, den Mund offen. Den Blick starr ins Nirgendwo gerichtet.

Fast jeden Tag sitzt er hier, der 86-jährige Willy Brummer, trinkt Kaffee, isst Kuchen. Immer kurz nach zwei Uhr steigt er zu Hause in einem kleinen Dorf bei München in seinen Peugeot, beim Konditor Richter kauft er Sahnetorte. "Die mag sie so", sagt er. Dann fährt er die Landstraße entlang, rechts und links der Wald. Er fährt zu ihr. Ins Pflegeheim.

Es war ein grauer Wintermorgen, der 7. Januar 2008, als Herr Brummer seine Frau ins Heim brachte. Demenz. "Sie lief fort, wanderte nachts durchs Haus, es ging nicht mehr." Fragt man Herrn Brummer heute nach diesem Tag, erinnert er sich kaum. Er weiß nicht mehr, was er dachte, als er ihre Sachen packte, nicht, was er sagte, als er sich das erste Mal von ihr verabschiedete. Nur die Worte von Schwester Theodorika sind ihm im Ohr geblieben, als er ihr zum Abschied die Hand gab an jenem Tag. "Vergiss sie nicht", sagte die Heimangestellte.

Am nächsten Tag fuhr er ins Pflegeheim, um seine Frau zu besuchen. Am übernächsten auch. Und am Tag danach. Herr Brummer hat die Frau, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist, nicht vergessen. Er ist bei ihr, fast jeden Tag, seit sechs Jahren.

Manchmal gibt Brummer eine kleine Party für seine Frau. An Jahrestagen, an Ostern. Vor ein paar Wochen haben sie ihren Geburtstag gefeiert. Ein Foto zeigt die Familie um den Rollstuhl von Frau Brummer. Sektgläser, lächelnde Gesichter. Frau Brummer inmitten ihrer Lieben. Ihr Blick ist leer.

Während Herr Brummer seiner Frau den Kuchen reicht, erzählt er von dem gemeinsamen Sohn, von der Enkelin, die nicht weiß, was sie studieren soll, von den Nachbarn, den Blumen im Garten. "Es fängt ja dieses Jahr schon alles so früh an zu blühen", wirft jemand aus der Runde ein. "Ja, ja, der Winter war so mild", antwortet Frau Doktor. Ihr Mann isst stumm das dritte Stück Kuchen. Frau Brummer faltet wieder und wieder ihre Serviette.

Dann erzählt Herr Brummer, wie die Mutter seiner Frau mit dem Kinderwagen über den vereisten Rhein fuhr, 1929. Herr Brummer erzählt Geschichten, die seine Frau einst ihm erzählte. "Liebes, weißt du das noch?" Frau Brummer schluckt den Kuchen hinunter, ein wenig Erdbeersoße läuft ihr aus dem Mund.

"Das ist nicht mehr meine Mutter", sagt der Sohn, der einmal die Woche vorbeischaut, wenn man ihn nach seiner Mutter fragt.

"Sie erkennt mich nicht mehr", sagt die Schwiegertochter, die Frau Brummer nur noch selten besucht.

Herr Brummer sagt: "Sie ist ein Teil von mir, sie ist immer noch meine Frau."

Herr Brummer ist noch gut beieinander. Den Garten versorgt er selbst, Kochen ist sein Hobby. Er könnte Freunde treffen, reisen. Er würde so gern einmal nach Griechenland fahren, das war immer sein Traum. Aber wer wäre dann bei seiner Frau? "Ich mache das, wenn ich mal viel Zeit habe", sagt er und reicht ihr den Tee, mit Zitrone und Honig, wie sie es mag. Er sagt nicht: "wenn sie nicht mehr lebt".

Brummers Hände zittern, als er die Tasse abstellt. Das Alter hat angefangen, sich auch seiner zu bemächtigen. Herr Brummer weiß das. Die Zeit wird knapp, auch seine. Vielleicht wird er Griechenland niemals sehen. Er hat diese Wünsche aufgegeben. "Solange sie lebt, will ich bei meiner Frau sein."

Manchmal versucht Brummer, einen Tag lang nicht ins Heim zu fahren, freizumachen. Dann setzt er sich daheim in den Sessel, schaut sich die Gemälde an, die an der Wand hängen. Dann fährt er doch wieder zu ihr. "Und wenn es nur für eine Stunde ist."

Noch ein Stück Sahnetorte. Während Frau Doktor vom Skifahren erzählt, tupft Brummer seiner Frau den Mund ab. "Wir sind früher jedes Jahr nach St. Moritz gefahren. Das war herrlich", sagt er, und für einen Moment schaut sie ihn an. Brummer streicht ihr über die Wange. "Nicht wahr, mein Schatz?", fragt er. Frau Brummer macht den Mund auf, als wollte sie antworten. Dann schaut sie auf die Torte. Brummer lächelt. Der letzte Happen.

Es ist kurz nach fünf, als Herr Brummer seiner Frau einen Abschiedskuss gibt, "bis morgen, Schatzi". Zweieinhalb Stunden haben sie beieinandergesessen, die Angehörigen. Eine eingeschworene Gemeinschaft von Ehepartnern, Töchtern, Enkeln, die Tag für Tag ihre Liebsten besuchen. Die ihr Leben zurückstellen, weil sie für einen anderen Menschen da sein wollen.

Während das Pflegeheim im Rückspiegel kleiner wird, sagt Brummer: "Mein größter Wunsch ist, dass sie vor mir geht." Er schweigt eine Weile.

Denkt er an die Reise nach Griechenland?

Er fragt leise: "Wer soll sich denn sonst um sie kümmern, wenn ich nicht mehr bin?"