Man wusste von nichts? Man konnte nichts tun gegen die Judenverfolgung? Das Leben von Luise Meier aus Berlin-Grunewald beweist das Gegenteil. Luise Meier, geboren 1885, ist eine verwitwete Hausfrau und Mutter von vier Kindern. Sie hat weder viel Geld noch politischen Einfluss, noch ein Netzwerk Gleichgesinnter um sich herum. Sie ist gläubige Katholikin und lehnt das NS-System ab, das ist alles.

In Luise Meiers Haus lebt jahrelang eine Jüdin namens Feodora Curth, die dort eine Pension betreibt. Als die Nazis die Pension 1941 schließen, gelingt es Curth, von Berlin aus in die Kleinstadt Singen, unweit des Bodensees, zu fahren und von dort mithilfe Ortskundiger die Schweizer Grenze zu überqueren. So kommt Luise Meier auf die Idee, untergetauchten Juden auf demselben Weg zur lebensrettenden Flucht zu verhelfen.

Erst nimmt sie in ihrer Wohnung ehemalige jüdische Pensionsgäste auf, die sie von früher kennt, später hilft sie auch Juden, die sie nie zuvor gesehen hat. Sie begleitet sie auf der Zugreise, schleust sie durch Kontrollen und führt sie in Singen dem Schlosser Josef Höfler zu. Der hilft ihnen über die Grenze. 28 Menschen rettet Luise Meier, ein Wagnis für sie: Fluchthilfe wird mit Haftstrafen, manchmal mit Einweisung ins Konzentrationslager geahndet.

Im Mai 1944 fliegt Meier auf. Im Gefängnis wartet sie auf ihre Verurteilung. Der Fall geht vor den Volksgerichtshof in Berlin, wird aber nicht mehr abgeschlossen. Zum Kriegsende wird Luise Meier von französischen Truppen befreit.

Später spricht sie mit großer Bescheidenheit und stets ohne Pathos von ihrer selbstlosen Tat. Luise Meier stirbt 1979, im Jahr 2001 wird sie von der israelischen Gedenkstätte Jad Vaschem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt.