Warum opfert sich ein Mensch für einen anderen? Aus Liebe? Aus religiöser Überzeugung? Bei Katharina Bennefeld-Kersten geschah es aus Wut. Und aus dem Gefühl, niemand könne ihr etwas anhaben.

Am Abend des 26. Februar 1996 riskiert die damals 48-Jährige ihr Leben. Sie leitet die Justizvollzugsanstalt Celle-Salinenmoor, ein Männergefängnis mit mehr als 200 Schwerverbrechern, Mördern, Sicherungsverwahrten. Sie will gerade heimgehen, als die Meldung kommt, die Sozialarbeiterin S. sei unauffindbar, ihr Dienstzimmer auf der Station der Sicherungsverwahrten verschlossen, der Schlüssel weg. Im Gefängnis spürt man, wenn Gefahr aufzieht. Sobald etwas anders ist als gewohnt, macht sich unter den Bediensteten stille Panik breit – lange bevor der Alarm ausgelöst wird. So ist es auch jetzt. Plötzlich geht das Telefon der Anstaltsleiterin. Es ist die verschwundene Frau S., ihre Stimme klingt dünn und resigniert. Sie sagt: "Der Geiselnehmer verlangt absolute Ruhe."

Der Geiselnehmer. Das ist der 37-jährige Sicherungsverwahrte M. Er hat sich mit der Sozialarbeiterin in deren Büro verschanzt. Den Schlüssel hat er von innen ins Schloss gesteckt. Den Aktenschrank vors Fenster geschoben. Forderungen hat er nicht. Aber ein scharfes Messer.

Und er hat ein Amt. Er ist Sprecher der Sicherungsverwahrten, ein großspuriger Interessenvertreter mit betont männlich-lässigem Auftreten. Die Anstaltsleiterin kennt ihn und weiß, dass er vernünftige Seiten hat. Unter vier Augen, wenn keiner dabei ist, kann er aufgeschlossen sein. Sie ruft ihn an. Schon an der Stimme erkennt sie, dass er jetzt für sie unerreichbar ist. Sie weiß, er ist gefährlich, wenn es ihm gelingt, sein Opfer "zur Ameise zu machen", wie sie es nennt. M. hat bereits mehrere Sexualdelikte begangen. Und: M. ist ein Mörder. Er hat eine Frau von der Straße weggefangen, vergewaltigt und erdrosselt. Bevor er sie tötete, hatte er ihr angekündigt, dass sie jetzt sterben werde.

Bennefeld-Kersten fürchtet sehr um das Leben der sensiblen und schüchternen Frau S. Dann, erzählt sie, habe eine ungeheure Empörung von ihr Besitz ergriffen: Was erlaubt der sich – hier mitten in meinem Knast. "Ich fühlte mich stark an diesem Tag. Ich dachte: Mit dem werd ich fertig!" Zu M. spricht sie ins Telefon: "Lassen Sie Frau S. gehen. Ich tausche mich ein."

Katharina Bennefeld-Kersten hat diesen Austausch überlebt, wenn es auch phasenweise nicht danach aussah. Heute ist sie pensioniert, sitzt in ihrer Küche und hat gute Laune. Eine große, schmale Rothaarige, der man ihre 66 Jahre nicht ansieht. Hin und wieder kommt ihr vierter Ehemann herein und stellt Tulpen in die Vase oder holt den schafsgroßen Hund unter dem Tisch hervor für einen Spaziergang. Diesen Mann hatte sie damals noch nicht. Eine spätere Folge der Geiselnahme war auch, dass sie sich aus der abgelaufenen Ehe mit seinem Vorgänger löste.

Nach dem Geiselaustausch muss sich die Anstaltsleiterin im Sozialzimmer auf den Boden setzen. Von dort aus redet sie mit dem Täter. Sie ist Psychologin, Krisensituationen sind für sie nichts Neues. Sie fürchtet sich nicht. Die Polizei ist mittlerweile im Haus und hat mit M. telefoniert, der Einsatzleiter hat ihn gebeten, den Hörer auf dem Schreibtisch liegen zu lassen, sodass akustisch klar ist: Die Geisel ist wohlauf. Alles bewegt sich auf ein gutes Ende zu. Es wird ausgemacht, dass gleich jemand kommt, mit Cola und einer Liste der diensthabenden Wachtmeister, von denen sich M. denjenigen aussuchen kann, dem er am meisten vertraut. Der soll ihn auf seine Zelle eskortieren.

Aber niemand erscheint. In der Einsatzleitung ist Streit über das weitere Vorgehen ausgebrochen. Eine volle halbe Stunde lang geschieht gar nichts. Dann ist draußen ein Polizeihubschrauber zu hören. Die Stimmung kippt. M. verliert das Vertrauen in seine Verhandlungspartner. "Schon an seiner Stimme merkte ich, das Blatt wendet sich", sagt Bennefeld-Kersten. Er wurde roh, seine Wortwahl primitiv. Dr. Jekyll war gegangen, das hier war Mr. Hyde.

Der abgenommene Telefonhörer liegt noch da. Plötzlich hat M. Forderungen: Er will einen Haufen Geld und einen 5er BMW als Fluchtauto. Die Polizei sagt, sie melde sich in zwei Stunden wieder. M. legt den Hörer auf. Jetzt hat er Zeit für seine Geisel. "Ich hatte den Eindruck, ich säße in der Wüste und über mir nur der Himmel", sagt diese heute. M. fesselt ihr die Hände auf den Rücken und stopft ihr eine Damenstrumpfhose (erst jetzt erkennt sie: Die muss er der Sozialarbeiterin ausgezogen haben) in den Mund. Danach macht er sich daran, Katharina Bennefeld-Kersten zu vergewaltigen. Jetzt ist die Anstaltsleiterin das Opfer eines Sexualstraftäters. Sie verliert nicht die Nerven und schlägt nicht um sich, sondern registriert kühl, welches Bild sie für mögliche Beobachter abgibt. "Es war eine absolut undenkbare Situation", sagt Katharina Bennefeld-Kersten 18 Jahre später in ihrer Küche: "Eine Anstaltsleiterin hat Verkehr mit einem Sicherungsverwahrten in einem Dienstzimmer." Um dem Schrecken, aber auch der Absurdität zu entgehen, widmet sich die Geisel gedanklich dem Mobiliar des Raumes und grübelt über die Beschaffenheit des Teppichs nach. Dann ist es vorbei.