Wäre er nicht so stur gewesen, würde er noch leben. Die anderen Jesuiten versuchten wieder und wieder, ihn zur Flucht zu überreden, aber Pater Frans weigerte sich. Er war der letzte Priester in Homs, in der gefährlichsten Stadt Syriens, genauer gesagt: in der seit fast zwei Jahren belagerten Altstadt. Drinnen regierten die Rebellen, draußen standen die Regierungstruppen, und solange noch Zivilisten eingeschlossen waren, wollte Frans van der Lugt auf seinem Posten bleiben.

Es war ein verlorener Posten, eine Friedensmission wie die des Jesus von Nazareth unter den römischen Besatzern. Pater Frans war berühmt für die Sanftheit, mit der er sich um die Ärmsten und Schwächsten kümmerte, für die Freundlichkeit, mit der er allen Syrern begegnete, ohne Ansehen ihres Glaubens. Aber er war auch berüchtigt für die Sturheit, mit der er tat, was er für richtig hielt. Das hieß in diesem Krieg, den Hungernden, Kranken und Sterbenden beizustehen. Den Kämpfern gab der Jesuit und Yogameister ein Beispiel, dass man die Welt nicht durch Gewalt gewinnt, sondern durch Liebe.

Pater Frans, 75, gebürtiger Niederländer, hatte im Kloster von Bustan al-Diwan eine Art Notquartier eingerichtet. Mit den Verzweifelten teilte er sein weniges Brot. Er spendete ihnen Trost. Er hielt Gottesdienst und begrub ihre verhungerten Neugeborenen. Im Januar sendete er eine zornige Videobotschaft an die Vereinten Nationen, endlich diesen Krieg zu beenden. Im Februar gewährte Präsident Assad den Zivilisten von Alt-Homs freies Geleit aus der Stadt. 1400 gingen, vor allem Frauen und Kinder. Verletzte durften nicht raus. Für sie wollte Frans da sein. Sein Regionaldirektor beim Jesuitenflüchtlingsdienst, Pater Nawras in Damaskus, versuchte per Handy, ihn dazu zu bringen, endlich zu gehen. Heute sagt Nawras, er habe schon gewusst, dass das nichts ändern werde. War Frans von etwas überzeugt, bewegte man ihn kein Stück.

Vielleicht muss man so sein, wenn man in einem Land wie Syrien fast 50 Jahre lang humanitäre Hilfe leistet. Frans, der gelernte Psychotherapeut, gründete nahe Homs das Al Ard Center für Behinderte, dort fanden im Krieg auch Flüchtlinge Unterschlupf, allerdings flohen nach und nach alle Mitarbeiter. Bis auf Frans. Bei den Jesuiten ist das die Krisenphilosophie: Wir bleiben, wo andere abziehen. Wir gehen zuletzt. Nawras sagt, Frans habe daran geglaubt, dass sein Dienst an den Menschen wichtiger sei als sein persönliches Wohlergehen. Dieser Glaube ging so weit, dass er keine Angst hatte zu sterben.

Am Montag vergangener Woche wurde er in seinem Kloster in Alt-Homs mit zwei Kopfschüssen getötet. Die Jesuiten wollen über den Mörder nicht spekulieren, um ihre sieben in Syrien verbliebenen Patres zu schützen. Der Papst hat erklärt, er sei sehr traurig über den Mord an seinem beliebten Ordensbruder. Die Zeitungen fragen, wer um Himmels willen seine Feinde waren. Aber ist das nicht klar? Wo Gewalt herrscht, da ist ein Friedensbringer der größte Provokateur.

Fast triumphierend erzählt Pater Nawras von der Trauerfeier für den Ordensbruder. Die Leiche liegt noch in Alt-Homs, deshalb mussten sie außerhalb des Belagerungsringes Abschied nehmen, am leeren Grab. Die Trauerschar: Bischöfe, Imame, Nonnen, Scheichs, Alawiten, Christen, Muslime. Am Ende umarmten sich Menschen, die seit Kriegsausbruch nicht mehr miteinander gesprochen hatten. "Die ihn töteten, wollten ein Symbol töten", sagt Nawras, "doch wir haben eine Auferstehung erlebt."