Wer ist John Maynard?" Auf diese Eingangsfrage der berühmten Ballade von Theodor Fontane gibt es eine schlichte Antwort: John Maynard ist der sich aufopfernde Held, wie er im Buche steht.

Bei Fontane steht John Maynard am Steuer eines Dampfschiffes, der Schwalbe, die von Detroit über den Eriesee nach Buffalo fährt. Ein Feuer bricht aus. Die Passagiere drängen sich vorn am Bug, Maynard aber bleibt auf seinem Posten. Er hält das Steuer inmitten von Flammen und Qualm. Die Schwalbe erreicht das rettende Ufer, weil Maynard das eigene Leben gibt: Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt. / Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Fontane, der approbierte Apotheker und Journalist, hat die Stoffe seiner Balladen und Romane gern der Realität entliehen. Tatsächlich ist fürs Jahr 1841 ein aufsehenerregender Schiffsbrand auf dem Eriesee verzeichnet. Allerdings ging er weniger gut aus als bei Fontane. Mehr als 175 Menschen kamen in den Flammen um oder ertranken. Das Schiff selbst, die Erie, sank.

Kein Selbstopfer also, wie Fontane es besingt? Wer weiß. Einer der wenigen Überlebenden des Unglücks war der Kapitän. Vor der Kommission, die den Fall untersuchte, erwähnte er den Steuermann Fuller: "Ich bin der Meinung, dass ich der letzte Mensch war, der die Erie verließ. Als ich dabei war, das Schiff zu verlassen, hörte ich viel Lärm, aber ich erblickte niemanden: Ich denke, dass Fuller auf dem Posten blieb, ohne aufzugeben, bis er zu Tode verbrannte; er war immer ein resoluter Mensch, wenn es darauf ankam, Befehle auszuführen."

Man könnte an der Glaubwürdigkeit des Kapitäns zweifeln: Warum überlebte ausgerechnet er, der er doch als Letzter das Schiff verließ? Und was wusste er wirklich von Fuller, den er ja gar nicht gesehen hatte? Vielleicht zufällig findet sich diese Unklarheit auch in Fontanes Gedicht wieder, auch dort kann Maynards Heldentat nicht direkt bezeugt werden:

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht, / Der Kapitän nach dem Steuer späht, / Er sieht nicht mehr seinen Steuermann, / Aber durchs Sprachrohr fragt er an: / "Noch da, John Maynard?" / "Ja, Herr. Ich bin."

Das Leben des einen als Opfer für die Errettung der vielen: Obwohl dieses Motiv im Bericht des Kapitäns nur vage zu erkennen war, wird es zum Leitgedanken der 1845 anonym verfassten Geschichte The Helmsman of Lake Erie ("Der Steuermann vom Eriesee"). Fuller heißt in dieser in mehreren amerikanischen Zeitungen veröffentlichten Erzählung auf einmal John Maynard. Auch sonst ist vieles wie später bei Fontane: Maynard harrt am Steuer aus, verbrennt, rettet aber alle Passagiere. Gedeutet wird Maynards Tat in der Erzählung mit dem Hinweis auf seine Gottesliebe. Aus dem laut Aussage des Kapitäns "resoluten" und befehlstreuen Steuermann ist ein "Christenheld" geworden.

Auch in Fontanes 1886 veröffentlichter Ballade schwingt die christliche Metaphorik mit. In erster Linie aber sieht Fontane seinen Helden als einen Menschen, der das Wohl der Allgemeinheit über sein eigenes stellt, jenseits jeglicher Religion. Entsprechend ehren ihn die Bewohner Buffalos mit einer Gedenktafel:

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein / schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein.

Man findet diesen Dankspruch heute tatsächlich in Buffalo auf einer Gedenktafel. Er lautet:

Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand / Hielt er das Steuer fest in der Hand, / Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, / Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

Diese Worte sind ein Zitat aus Fontanes Ballade. Wie kann das sein? Und wieso ehrt die Stadt einen Mann, der gar nicht gelebt hat? Ganz einfach: In Stein gemeißelt wurde der Spruch erst in jüngerer Zeit, weil deutsche Touristen dem Fremdenverkehrsamt von Buffalo auf die Nerven gingen mit ihrer Fragerei nach dem "berühmten" Maynard und dem "Dankesspruch" der Stadt. In Amerika war die Geschichte des tapferen Steuermanns längst vergessen.

Wer ist John Maynard? Ein wahrer Held – zwischen Mythos und Historie, zeitlos aktuell. Einer, der niemals fest steht.