Es ist Sonntag, als der Student Oleh Saakjan vor etwa fünfzig Leuten auf einem Parkplatz in Donezk das Wort ergreift. Es regnet heftig. Oleh trägt einen Anorak und einen Schal in den Farben der Ukraine. "Wenn einer jetzt noch was bewegen kann", ruft er, "dann ist es Achmetow. Also – lasst uns mit ihm reden. Auf zum großen Oligarchen."

Einen Tag zuvor ist wieder ein Stück aus dem Fundament seiner Heimatstadt herausgebrochen. Prorussische Separatisten haben schwer bewaffnet die Polizeiwache in Donezk gestürmt, plötzlich schienen überall Polizisten überzulaufen: in Donezk, in Slawjansk, in Kramatorsk und Krasni Liman. Die Separatisten sollen vor allem Waffenarsenale geplündert haben. "Jetzt haben wir hier Bürgerkrieg", sagt Oleh.Dann setzt sich der Zug in Bewegung, Oleh läuft voran, es geht stadtauswärts, über einen matschigen Trampelpfad, manche halten blau-gelbe Fahnen. Vorbeifahrende Autofahrer grüßen sie mit Stinkefinger.

"Wird es Attacken geben?", fragt einer, der sich Igor nennt. "Schon möglich", brummt Oleh.

Seit Wochen schläft er kaum, zur Uni schafft er es nur selten. Oleh studiert Politikwissenschaften, und eigentlich, sagt er lächelnd, habe er immer mit einem kühlen Blick die Welt betrachtet. Jetzt erkenne er sich selber nicht mehr wieder. Jetzt kämpft er auf der Straße für die Einheit seines Landes.

Oleh kennt die Sowjetunion nur aus den Geschichten seiner Großeltern, bei denen er aufwuchs. Er ist ein Mensch, der in Möglichkeiten denkt, und nach allem, was er weiß, sind diese Möglichkeiten für ihn in Russland eher begrenzt. Auch deshalb war er einer der ersten, der dazu aufrief, sich zu wehren.

Anfangs blieben die Proteste friedlich, aber dann bekam die Sache eine immer bedrohlichere Dynamik. Es fing an mit Drohungen im Internet, dann wurde ein Demonstrant von prorussischen Angreifern erstochen, jetzt wollen sie die Macht über Donezk.

Eigentlich, sagt Oleh, hätten sie heute einen Trauerzug abhalten wollen für den getöteten Mann, aber es sind zu viele Gewehre in den falschen Händen. Niemand da, der sie schützt. Stattdessen kamen sie auf die Idee, mit Achmetow zu reden.

Achmetow hatte Anfang der Neunziger als Kohlehändler angefangen. Heute besitzt er ein Imperium aus Kohlegruben, Stahlfabriken, Gasfeldern, Kraftwerken, Banken, Fernsehsendern und einem Fußballclub. Mit einem Vermögen von mehreren Milliarden Dollar gilt er als reichster Mann des Landes.

Seit Tagen warnt er vor dem Zerfall der Ukraine. Auch wenn Oleh glaubt, dass vor allem Geschäftsinteressen dahinterstecken, so scheint es ihm doch wie eine überraschende Gemeinsamkeit, auf der sich vielleicht etwas aufbauen ließe. Ausgerechnet ein Oligarch, der vor Kurzem noch Janukowitsch gestützt hat, ist nun Olehs letzte Hoffnung.

Die Polizei schützt offenbar nicht mehr. Die ukrainische Armee, der hinter der Grenze 40.000 russische Soldaten gegenüberstehen, soll Kommandeure zu Verhandlungen in die besetzte Regionalverwaltung geschickt haben. Und die Regierung in Kiew zeigt sich schwach. Der Innenminister stellt immer wieder Ultimaten an die Besetzer, um sie dann einfach verstreichen zu lassen.

"Wo bleiben die anderen?", fragt Oleh. "Warum sind wir die Einzigen, die hier den Kopf hinhalten?"

Warum, fragt er sich, lassen sie zu, dass Russland in einer offensichtlich koordinierten Aktion Fakten schafft wie auf der Krim? Warum lassen sie es sich gefallen, wenn der russische Außenminister ätzt, nun zeige sich die Unfähigkeit der Kiewer Regierung, Verantwortung zu übernehmen für das Schicksal ihres Landes? Oleh glaubt inzwischen, dass in Kiew einige mit dem Gedanken spielen, den Osten der Ukraine aufzugeben, um dafür den Westen enger an die EU zu binden.