Es war um 1968, als die DDR beschloss, den Krieg zu erwerben. Besser gesagt: Der Krieg, dieses unglaubliche Gemälde von Otto Dix; das kühnste Werk, das der Künstler je schuf. Dix, damals schon weit über 70 Jahre alt, verlangte für sein Bild 500.000 Mark – West natürlich. Und er verstand das als Sonderangebot, als ausgesprochene Geste an seine alte Heimat – hatte Dix doch ein anderes Gemälde gerade erst für eine Million Mark nach Stuttgart verkauft.

Die Frage lautete also, woher der devisenklamme ostdeutsche Staat so einen Batzen Geld nehmen sollte! Die zuständigen Funktionäre entschieden sich zu einem drastischen Schritt. Um den Dix zu finanzieren, verscherbelte man Meissener Porzellan, Gemälde aus dem Depot der Dresdner Sammlungen, vor allem aber: Prunkstücke aus deren Rüstkammer. Reitschwerter, Dolche, Streithämmer, Pulverflaschen, Radschlossgewehre, Armbrüste – sowie eine besonders edle Turnierrüstung. Man verkaufte gewissermaßen ein ganzes Waffenarsenal, nur um den Krieg zu finanzieren.

Was ist das für ein Bild, das damals schon von solchem Wert, das so begehrt war?

Man muss wissen: Keine gedruckte Abbildung kann einen auf dieses monumentale Gemälde wirklich vorbereiten. Auf den Moment, in dem man vor ihm steht. Denn wohl kein zweites Werk des 20. Jahrhunderts stellt den Krieg so schonungslos, in so schrecklicher Deutlichkeit und Düsternis dar. Den modernen Krieg, den Weltkrieg; den Krieg der Maschinen, der Millionen getötet, der Städte und ganze Länder unbewohnbar gemacht hat: Hier kann man ihn sehen, auf diesem Triptychon mit Sockelbild, das Dix, selbst Veteran des Ersten Weltkriegs, 1932 vollendet hat.

Jetzt, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, widmet das Dresdner Albertinum dem Krieg eine eigene Ausstellung. Die Staatlichen Kunstsammlungen lenken damit endlich den Blick einer breiten Öffentlichkeit auf diesen gewaltigen Schatz, der nun seit beinahe einem halben Jahrhundert in Dresden zwar zu sehen ist – aber bislang noch von zu wenigen gesehen und begriffen wurde. Ein Werk findet den Weg ans Licht.

Wer vor diesen vier Tafeln steht, diesen vier einzeln gerahmten Teilen des Kriegs, der begreift sofort, warum Dix dieses Bild immer als sein Hauptwerk ansah. Lange vier Jahre hat er daran gearbeitet; mehr Kraft investiert als in jedes andere. Es ist das Bild seines Lebens geworden.

Nichts hat auf dieses Leben so stark eingewirkt wie die Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Dix kämpfte meistens dort, wo die Schlacht am schlimmsten tobte, in den Gräben der Westfront. Noch Jahrzehnte später erinnerte er sich an das, was er da gesehen hatte: "Schon die Eindrücke auf dem Weg zur Front waren furchtbar", sagte er. Beschrieb "Verwundete und die Gaskranken mit eingefallenen gelben Gesichtern". Sprach von den "aufgeweichten kreideweißen Gräben der Champagne", vom "Leichengestank der herumliegenden Toten".

Dix war keiner, der davor verängstigt zurückgewichen wäre: Er war ein Krieger. Als Stoßtruppführer drang er mit dem Maschinengewehr in die feindlichen Linien ein; für seine Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Hatte er keine Angst? Doch, sagt Dix, "wenn man vorging an die Front", da war "eine Hölle von Trommelfeuer, na ja – jetzt kann man lachen –, da war Scheiße in den Hosen … Aber je weiter man vorkam, um so weniger hatte man Angst …"

Gerade das Grauenhafteste suchte Dix nicht zu verdrängen. Was wollte er zeigen, als er den Krieg malte?

Lassen wir auch hier zunächst ihn selbst sprechen: "Ich habe vor den früheren Bildern das Gefühl gehabt, eine Seite der Wirklichkeit sei noch gar nicht dargestellt", so Dix: "das Hässliche. Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges, das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen. (...) Vielleicht muss man das direkt mitgemacht haben."

Es gibt viele Kriegsbilder, aber wenn man fragt, was Dix’ Gemälde zum bedrohlichsten macht, dann ist es wohl: dass er "mitgemacht" hat, dass er sich vom Krieg sogar geradezu mitreißen ließ. Was Dix malt, ist ambivalenter als das, was Pablo Picasso, Ernst Barlach oder Käthe Kollwitz schufen: Wer den Krieg betrachtet, dem kommt Picassos Guernica, obschon es noch berühmter ist, plötzlich sehr abstrakt und formal vor. Für Barlach und Kollwitz drückt sich der Krieg vor allem in der Trauer der Hinterbliebenen aus; sie dachten ihn sozusagen um die Ecke herum. Was dagegen ist für Dix der Krieg? Nicht nur Trauer, sondern auch greller Schmerz. Krieg ist bei Dix etwas, das mit dem Körper geschieht; der physische Schrecken in seiner unmittelbaren Gestalt.