Der Mann, der einst Präsident des somalischen Bundesstaates Himan & Heeb war, den seine Untertanen mit "Exzellenz" ansprachen, sitzt an Tisch 24 des Besucherraumes des Gefängnisses von Brügge. Mohamed Moalin Aden, 42, trägt die einheitliche Anstaltskleidung, das Oberteil weiß, das Hemd blau, die Hose braun. Er wirkt fassungslos, auch noch nach sechs Monaten in Haft. So schnell ist alles gegangen, so jäh ist dieser Absturz. An den Nachbartischen reden verurteilte Diebe und Mörder mit ihren Frauen. "Es ist eine schwere Zeit für mich", sagt Mohamed Aden. Seit Mitte Oktober befindet sich der somalische Politiker in Belgiens größtem Gefängnis in Untersuchungshaft. Er ist umgeben von fünf Zäunen, zwei hohen Mauern und einem breiten Wassergraben. Ihm drohen bis zu 45 Jahre Haft: 15 Jahre für die Kaperung eines Schiffes, 30 Jahre für mehrfache Geiselnahme. In diesem Gefängnis endet vorläufig eine außergewöhnliche Geschichte, in der die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen.

Es gab lange Jahre nicht viele gute Neuigkeiten aus Somalia, doch Aden galt als rarer Hoffnungsschimmer. Der IT-Berater aus dem US-Bundesstaat Minnesota war in sein Geburtsland Somalia zurückgekehrt, um auf dem Gebiet seines Clans eine moderne Verwaltung aufzubauen. In der Region, groß wie Schleswig-Holstein, versöhnte er verfeindete Stämme, ließ Checkpoints abbauen, integrierte bewaffnete Banden in eine neue Armee. Die Hauptstadt Adado florierte und entwickelte sich zum Zufluchtsort von Menschen aus dem umkämpften Mogadischu. Selbst das US-Außenministerium pries Adens Bemühungen. Vor zwei Jahren empfing er ein Reporterteam der ZEIT in seiner Hauptstadt, um für den Aufbau von Himan & Heeb zu werben. Eines seiner wichtigsten Ziele, sagte er damals, sei die Bekämpfung des Piratentums. Denn Adado ist eine der Hochburgen der Seeräuber. Die Stadt ist ihr Hinterland, hier wohnen ihre Familien, hier bauen sie Läden, Restaurants, Hotels und sogar ein Krankenhaus. Lösegelder zählen in Adado zu den wichtigsten Einnahmequellen. Viele der jungen Männer verdingen sich auf den Booten der Seeräuber.

Die Gefängniszelle in Brügge teilt Aden sich mit dem wichtigsten Piratenführer Somalias, Mohamed Abdi Hassan, genannt Afweyne, was Großmaul heißt. Pirat und Präsident waren zusammen nach Belgien gereist. "Er redet und redet", klagt Aden im Besucherraum. "Er hält mich die ganze Nacht wach."

Der frühere Fischer Mohamed Abdi Hassan hatte in Himan & Heeb aus der Seebeuterei eine respektable Industrie gemacht. Er gilt als Oberhaupt des Hobyo-Haradhere-Piratennetzwerkes (HHPW), einer der beiden die Küsten dominierenden Gruppen, in der bis zu 3.000 Männer organisiert sein sollen. In den Jahren zwischen 2005 und 2012 sollen seine Kapitäne Dutzende Schiffe gekapert und viele Millionen Dollar Lösegeld erbeutet haben. Eine Allianz aus 40 Nationen, Nato und Europäischer Union, sogar China, lässt seitdem im Indischen Ozean ihre Flottillen patrouillieren, um Frachter vor Angriffen zu schützen. Hassans Netzwerk kostete den Welthandel auf diese Weise bisher sieben Milliarden Dollar. Im Jahr 2009 lud ihn der damalige libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi ein und pries ihn als "nationalen Helden". Hassan ist in Himan & Heeb der eigentliche Machthaber. Will Mohamed Aden, der nur über eine Streitmacht von 300 Mann verfügt, etwas verändern, muss er sich arrangieren. "Ich kann gegen sie nicht mit Waffen vorgehen", sagte er damals. Er wolle an Land Jobs schaffen, die Wirtschaft ankurbeln, damit die Jungen Alternativen hätten. Zu den Feierlichkeiten zu Beginn seiner zweiten Präsidentschaft 2011 hatte Aden auch den Piratenchef geladen.

Diese Koexistenz wurde Aden nun zum Verhängnis. Denn im Jahr 2009 hatten mutmaßlich Hassans Piraten den belgischen Frachter MS Pompei entführt. Nach 70 Tagen ließen sie das Boot gegen Lösegeld wieder ziehen. Aber die belgischen Sonderermittler hefteten sich an die Fersen der Kidnapper. Sie verhafteten den zweiten Steuermann, der Hassan belastete, sie sammelten Spuren und Beweise. Und sie entwarfen einen schillernden wie fragwürdigen Plan: Die Ermittler tarnten sich als Journalisten und kontaktierten im April 2013 Mohamed Aden und baten ihn darum, den Kontakt zum Piratenführer herzustellen. Aden und Hassan sollten als Berater bei einem Dokumentarfilm mitwirken. I was a pirate. Rebuilding a nation sollte der Film heißen. In ihm wollten sie, so gaben sie vor, das bewegte Leben Hassans dokumentieren. Die Ermittler-Journalisten schmeichelten und lockten. Aden und Hassan wurde ein Honorar von angeblich 450.000 Euro geboten. In Kooperation mit US-Geheimdiensten gründeten die Belgier zum Schein die Filmfirma "Baiona Films" und versahen sie mit einer Website. Hassan war zunächst skeptisch, ihm fiel auf, dass die Website über keine Referenzen verfügte, ließ sich aber auf Drängen von Mohamed Aden darauf ein. Beide bestiegen ein halbes Jahr später in Nairobi das Flugzeug nach Brüssel, wo sie bereits am Flughafen verhaftet wurden. Die belgischen Behörden frohlockten: Zum ersten Mal sei es der internationalen Gemeinschaft gelungen, die Hintermänner der Seelagerei zu fassen.

Doch die Dinge in Somalia verhalten sich komplexer. Noch ist nicht klar, ob die Festnahme der beiden einer der größten Erfolge gegen das Piraten-Unwesen ist oder der größte Fehler im Kampf dagegen. Das Geschäft mit der Seeräuberei verlief zuletzt miserabel. Konnten Freibeuter 2010 noch 49 Schiffe kapern, waren es im Jahr darauf nur noch 28, im Jahr 2012 enterten sie nur noch 14. Zu Land wie zu Wasser stoßen die Piraten auf immer größere Probleme. Die Frachter auf hoher See haben sich immer besser geschützt, die Kriegsschiffe der Weltgemeinschaft schrecken die Kaperboote ab. Die kenianische Armee intervenierte in Südsomalia und nahm die wichtigsten Häfen ein. Unter Druck der Weltgemeinschaft legte zudem der somalische Präsident ein Piraten-Rehabilitierungsprogramm auf – mit Mohamed Aden und Mohamad Abdi Hassan an der Spitze.