Monika Dehmel von Politik zum Anfassen zahlt Praktikanten, die ein Jahr lang im Verein arbeiten, 300 Euro pro Monat, plus Sozialversicherung. Bei der Summe hat sie sich an dem Lohn für das Freiwillige Soziale Jahr orientiert, das Geld für die Praktikanten bezieht Geschäftsführerin Dehmel aus Fördergeldern und Spenden. Zwei Stellen kann sie so finanzieren. Praktikanten, die kürzer bleiben, bekommen nur die Fahrtkosten erstattet. "Natürlich würde ich gerne allen einen Mindestlohn zahlen", sagt Dehmel. "Aber dazu fehlen mir die Mittel." Bei einem Stundensatz von 8,50 Euro müsste ein Praktikant, der Vollzeit arbeitet, zwischen 1.300 und 1.400 Euro brutto im Monat erhalten. Die Kosten für den Arbeitgeber liegen wegen der Sozialabgaben sogar bei bis zu 1.600 Euro – zuzüglich dessen, was es kostet, einen Arbeitsplatz mit allem Notwendigen auszustatten. Sollte der Mindestlohn für Praktikanten kommen, müsste sich Dehmels Verein – der 2011 vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zum Bundessieger des Wettbewerbs Land der Ideen gekürt wurde – Praktikumsplätze streichen: "Es wäre für uns ein Verlust", sagt Dehmel. "Und für die Freiwilligen."

Mit einem der Praktikanten kam Dehmel kürzlich auf den Mindestlohn zu sprechen. Leon Siekmann ist 19, im vergangenen Jahr hat er Abitur gemacht, und weil er nicht wusste, was er studieren soll, entschied er sich für ein einjähriges Praktikum. "Viele meiner Freunde machen zurzeit Praktika, mal vier Monate, mal sechs. Manche, so wie ich, auch ein Jahr lang", sagt er. Als Monika Dehmel ihm erzählte, dass es seine Stelle mit dem Mindestlohn nicht mehr geben würde, war Siekmann verwirrt – weil er eigentlich für den Mindestlohn ist. Bei Mindestlohn denkt der 19-Jährige an Reinigungskräfte oder Postboten, "die sollten auf jeden Fall 8,50 Euro oder mehr bekommen", sagt er. In Zukunft müsse er sich einiges einfallen lassen, um weiter für den Mindestlohn argumentieren zu können. Seine Chefin Monika Dehmel meint, dass der Mindestlohn vor allem diejenigen hart treffen würde, die zwischen Schule und Beruf stehen. "Die Orientierungsphase ginge verloren."

Die Mehrheit absolviert die Praktika während des Studiums, rund ein Drittel der Studierenden tritt unmittelbar nach Uniabschluss ein Praktikum an. In vielen Studiengängen sind Praktika freiwillig, in einigen Studiengängen hat die Bolognareform dazu geführt, dass Pflichtpraktika reduziert worden sind – Praxiserfahrung benötigt man für den späteren Berufseinstieg trotzdem.

Jens Borchers stöhnt, wenn man ihn auf Bachelor- und Masterabschlüsse anspricht. Borchers ist Forstwirt und Geschäftsführer der Forstverwaltung Fürstenberg im baden-württembergischen Donaueschingen; dem IAB zufolge gehört die Land- und Forstwirtschaft zu den Branchen, in denen verhältnismäßig viele Praktikanten beschäftigt sind. "Die Ausbildung zum Forstwirt ist inzwischen völlig praxisentrückt", sagt Borchers. "Sechs Wochen Pflichtpraktikum reichen bei Weitem nicht aus, um ein Forstwirtschaftsjahr kennenzulernen, mit all seinen spezifischen Aufgaben." So wird ausschließlich im Frühjahr gepflanzt, Forstschädlinge wie die Borkenkäfer fliegen nur im Sommer, Bäume werden im Herbst und Winter gefällt.

Die Politik agiert an der Wirklichkeit vorbei. Mit dem Mindestlohn wäre das System tot.
Jens Borchers

Bis zu sechs Praktikanten hat die Forstverwaltung Fürstenberg jährlich, schon im Bewerbungsgespräch spricht Jens Borchers den "Deal auf Gegenseitigkeit" an, so nennt er das: Die jungen Leute werden bei ihm so viel wie möglich lernen, bekommen aber erst einmal kein Geld. Abhängig von der jeweiligen Leistung zahlt Borchers am Ende des Praktikums eine Prämie, in der Regel rund 350 Euro pro Monat. Borchers findet das okay, schließlich hat er damals nach dem Studium selbst auch ein Praktikum gemacht, sechs Monate lang, freiwillig – und ohne Bezahlung. Er glaubt, dass Absolventen ohne Praktika Schwierigkeiten haben werden, einen Job zu finden. Sein Forstbetrieb etwa stellt nur Leute ein, die "ausreichend" Praxiserfahrung haben. Den Gesetzesentwurf zum Mindestlohn sieht Borchers daher kritisch: "Die Politik agiert an der Wirklichkeit vorbei", sagt er. "Mit dem Mindestlohn wäre das System tot."

Auch Shirin Frangoul-Brückner glaubt, dass der Mindestlohn für Praktikanten mehr Nach- als Vorteile bringen würde. Frangoul-Brückner ist Geschäftsführerin des Ateliers Brückner, eines Unternehmens für Museums- und Ausstellungsgestaltung in Stuttgart, auf der Internetseite sind zurzeit drei Praktikumsstellen à sechs Monate ausgeschrieben. "Für die kreative Branche hätte der Mindestlohn negative Auswirkungen, denn wie sollen junge Leute in den Beruf finden?", sagt Frangoul-Brückner, in deren Betrieb unter anderem Architekten und Grafiker arbeiten. Käme der Mindestlohn, würde das Unternehmen die Praktikumsplätze streichen.

"Die meisten Bachelorabsolventen haben noch nie gearbeitet, bei uns lernen sie die Praxis", sagt Frangoul-Brückner; sie weiß, wovon sie spricht: Ihre Tochter studiert gerade Architektur an der ETH in Zürich, Praktika sind in dem Bachelorstudium nicht vorgesehen. Und das, was das Unternehmen Brückner anbietet – Museums- und Ausstellungsgestaltung –, wird im Studium nicht gelehrt.