Die blutigen Unruhen in der Ukraine wurden durch die Entscheidung der alten ukrainischen Regierung ausgelöst, einem guten Verhältnis zu Russland den Vorzug vor der Einbindung des Landes in die EU zu geben. Wie nicht anders zu erwarten, reagierten viele antiimperialistische Linke auf die massiven Proteste auf dem Maidan mit ihrer üblichen Herablassung gegenüber den armen Ukrainern: Wie verblendet sind sie doch, wenn sie Europa immer noch idealisieren und seinen Niedergang einfach nicht wahrhaben wollen! Wenn sie nicht begreifen wollen, dass ein EU-Beitritt die Ukraine in eine bloße wirtschaftliche Kolonie Westeuropas verwandeln würde, die früher oder später in die Position Griechenlands gedrängt würde!

Solche linken Stimmen ignorieren die Tatsache, dass die Ukrainer alles andere als blind für die Realität der EU waren, deren Schwierigkeiten und Ungleichheiten ihnen deutlich vor Augen standen. Die Botschaft der Ukrainer lautete schlicht, dass sie sich selbst in einer viel schlechteren Situation befinden. Europas Probleme sind immer noch Luxusprobleme. Man muss sich nur daran erinnern, dass afrikanische Flüchtlinge trotz der schrecklichen Lage in Griechenland nach wie vor in Massen nach Europa strömen, sehr zum Ärger rechter Patrioten.

Viel wichtiger aber ist die Frage: Wofür steht das Europa, auf das sich die ukrainischen Demonstranten bezogen? Europa lässt sich nicht auf eine einzelne Idee reduzieren: Es umfasst nationalistische und sogar faschistische Elemente bis hin zu der Idee, die der französische Soziologe Étienne Balibar als "Gleichfreiheit" oder "Freiheit in Gleichheit" bezeichnet. "Gleichfreiheit" – das ist Europas einzigartiger Beitrag zum globalen politischen Imaginären, obwohl dieser heute von den EU-Institutionen und von den Europäern selbst zunehmend verraten wird. Aber auch das naive Vertrauen in den liberal-demokratischen Kapitalismus gehört – sozusagen auf der anderen Seite des Pols – elementar zu Europa. Was Europa in den ukrainischen Protesten erkennen sollte, ist seine beste und seine schlechteste Seite. Um dies klar zu erkennen, muss es auf die ukrainische Bühne schauen.

Die nationalistische Rechte in der Ukraine ist ein Teil dessen, was sich heute vom Balkan bis nach Skandinavien, von den Vereinigten Staaten bis nach Israel, von Zentralafrika bis nach Indien abspielt: Ein neues finsteres Zeitalter zieht herauf, in dem ethnische und religiöse Leidenschaften explodieren und die Werte der Aufklärung verblassen. Im Dunkeln lauerten diese Leidenschaften schon lange; neu ist die Schamlosigkeit, mit der sie zur Schau getragen werden. Man kann diesen Prozess als einen des "Rückgängigmachens" beschreiben. Denken wir uns eine Gesellschaft, die die modernen Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und demokratischen Rechte voll und ganz in ihre ethische Substanz aufgesogen hat. Diese Gesellschaft erkennt ihre Pflicht an, all ihren Mitgliedern Bildung und medizinische Grundversorgung zur Verfügung zu stellen. Rassismus und Sexismus sind für sie schlicht inakzeptable Vorstellungen – und jeder, der sich offen zu rassistischem Gedankengut bekennen würde, erschiene ihr als bizarrer Exzentriker.

"Rückgängigmachen" hieße nun: Obwohl die Gesellschaft ihren Prinzipien offiziell nach wie vor huldigt, werden sie schrittweise ihrer Substanz beraubt, zum Beispiel in Ungarn. Im Sommer 2012 forderte Ministerpräsident Viktor Orbán, in Mitteleuropa müsse ein neues Wirtschaftssystem errichtet werden: "Es bleibt zu hoffen, dass Gott uns beistehen wird und wir nicht eine neue Art politisches System anstelle der Demokratie erfinden müssen, um unser wirtschaftliches Überleben zu sichern. Zusammenarbeit ist eine Frage des Zwangs, nicht des Wollens. Vielleicht gibt es Länder, in denen die Dinge anders funktionieren, etwa in den skandinavischen Ländern, aber ein so halb asiatisches, zwielichtiges Volk, wie wir es sind, lässt sich nur unter Zwang vereinen."

Die Ironie dieser Zeilen blieb manchen alten ungarischen Dissidenten nicht verborgen. Als 1956 die Sowjetarmee in Budapest einmarschierte, um den antikommunistischen Aufstand niederzuwerfen, sandten dessen Anführer wiederholt die Botschaft an den Westen: "Wir verteidigen hier Europa" (gegen die asiatischen Kommunisten, versteht sich). Heute, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, erklärt die Regierung Ungarns die multikulturelle Demokratie, für die das gegenwärtige Westeuropa steht, zu ihrem Hauptfeind und fordert, sie durch eine neue, organischere kommunitaristische Ordnung abzulösen. Orbán hat bereits seine Sympathien für einen "Kapitalismus mit asiatischen Werten" zum Ausdruck gebracht. Wenn die EU ihren Druck auf ihn aufrechterhält, können wir uns leicht vorstellen, wie er eine Botschaft an den Osten senden wird: "Wir verteidigen hier Asien!"