Was sollen wir nun tun? Der liberale Mainstream sagt: Wenn demokratische Grundwerte von Fundamentalisten bedroht werden, dann müssen wir uns alle hinter dem Programm der kulturellen Toleranz zusammenscharen. Wir müssen retten, was zu retten ist, und die Träume von einem radikaleren gesellschaftlichen Wandel erst einmal vergessen. Dieser Aufruf zur Solidarität hat allerdings einen fatalen Fehler: Er ignoriert, dass liberale Weichlichkeit und Fundamentalismus in einem Teufelskreis gefangen sind, in dem sich beide Pole wechselseitig hervorbringen und voraussetzen. Wir kennen die Melodie, nach der uns Politiker vor die Wahl zwischen liberaler Freiheit und fundamentalistischer Unterdrückung stellen, indem sie triumphierend (und rein rhetorisch) fragen: "Wollt ihr, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt und ihrer Rechte beraubt werden? Wollt ihr, dass jeder, der die Religion kritisiert, mit dem Tod bestraft wird?" Was uns hieran misstrauisch machen sollte, ist die Selbstverständlichkeit der Antwort – wer sollte das schon wollen? Das Problem ist nämlich, dass der liberale Universalismus seine Unschuld schon lange verloren hat. Was Max Horkheimer in den 1930er Jahren sagte, sollte auch auf den heutigen Fundamentalismus und rechten Populismus bezogen werden: Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie und ihre noblen Grundsätze sprechen will, der soll vom Fundamentalismus schweigen.

Treten wir einen Schritt zurück: Die Grundform der Politik, nicht nur in der EU, bildet heute die weitgehend entpolitisierte, sozial objektive, fachmännische Verwaltung und Koordination von Interessen. Die einzige Möglichkeit, auf diesem Feld Leidenschaft zu entfachen und Menschen aktiv zu mobilisieren, besteht darin, Ängste heraufzubeschwören: Angst vor Immigranten, Angst vor Verbrechen, Angst vor gottloser sexueller Verkommenheit, Angst vor dem maßlosen Staat mit seiner Steuerkeule, Angst vor der ökologischen Katastrophe, Angst vor Belästigung. Die politische Korrektheit ist die exemplarische Form einer solchen "liberalen" Politik der Angst.

Progressive Liberale schlagen angesichts des neuen Rechtspopulismus und seiner rassistischen Parolen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass ihre multikulturelle Toleranz und ihr Respekt für (ethnisch, religiös, sexuell) andere identisch sind mit der Grundprämisse der Einwanderungsgegner: der Angst vor dem anderen, wie sie etwa in der obsessiven Angst der Liberalen vor Belästigung deutlich zutage tritt. Der andere ist so lange in Ordnung, wie er nicht aufdringlich wird, solange dieser andere nicht wirklich anders ist. Kein Wunder, dass immer öfter von "toxischen Subjekten" die Rede ist. Ursprünglich ein Begriff der populären Psychologie, um uns vor emotionalen Vampiren zu warnen, die da draußen auf uns lauern, bezeichnet "toxisch" inzwischen eine ganze Reihe von Eigenschaften. Ein "toxisches Subjekt" kann ein Einwanderer mit einer gefährlichen Krankheit sein, den man unter Quarantäne stellen sollte; ein Terrorist, dessen Pläne es zu vereiteln gilt; ein fundamentalistischer Ideologe, der zum Schweigen gebracht werden muss; Eltern, Lehrer oder Pfarrer, die Kinder missbrauchen und beschädigen. Das Toxische ist letztlich der fremde Nächste als solcher, sodass alle Regeln der zwischenmenschlichen Beziehungen darauf abzielen, diese toxische Dimension zu neutralisieren.

Wir finden heute eine ganze Reihe von Produkten auf dem Markt, denen ihre schädlichen Eigenschaften ausgetrieben wurden: entkoffeinierten Kaffee, Sahne ohne Fettgehalt, alkoholfreies Bier. Wir können Sex in der virtuellen Welt als Sex ohne Sex begreifen; von der Ummodelung der Politik zu einer Expertenverwaltung als Politik ohne Politik bis hin zum toleranten liberalen Multikulturalismus als einer Erfahrung des anderen, dem man seine Andersheit ausgetrieben hat, tanzt der entkoffeinierte andere faszinierende Tänze und hat einen ökologisch vernünftigen Zugang zur Realität, während andere Wesensmerkmale, zum Beispiel das Verprügeln der Ehefrau, dem Blick entzogen sind.

Den Mechanismus solcher Neutralisierungen brachte 1938 Robert Brasillach auf den Punkt, ein französischer faschistischer Intellektueller, der 1945 verurteilt und erschossen wurde. Er verstand sich selbst als einen "moderaten" Antisemiten und prägte die Formel vom "angemessenen Antisemitismus": "Wir sind so frei, im Kino Charlie Chaplin zu applaudieren, einem Halbjuden; Yehudi Menuhin zu beklatschen, einen Juden; und Hitlers Stimme wird von Radiowellen übertragen, die nach dem Juden Hertz benannt sind. […] Wir wollen niemanden umbringen, wir wollen kein Pogrom veranstalten. Wir glauben aber auch, dass der beste Weg, um den instinktgeleiteten Antisemitismus zu verhindern, darin besteht, einen angemessenen Antisemitismus zu organisieren."

Ist das nicht dieselbe Haltung, die unsere Regierungen im Umgang mit der "Bedrohung durch Einwanderung" an den Tag legen? Nachdem sie den rassistischen Rechtspopulismus zum Beispiel eines Geert Wilders oder einer Marine Le Pen als "unangemessen" verurteilt haben, billigen sie "angemessene" rassistische Schutzmaßnahmen. Tenor: "Wir sind so frei, afrikanischen Sportlern, asiatischen Ärzten und indischen Programmierern zu applaudieren. Wir wollen niemanden umbringen, wir wollen kein Pogrom veranstalten. Wir glauben aber auch, dass der beste Weg, um die stets unberechenbaren, gewaltsamen Abwehrmaßnahmen gegen Einwanderer zu verhindern, darin besteht, angemessene Abwehrmaßnahmen gegen Einwanderer zu organisieren."

Die Vision einer "Entgiftung" des Nächsten bedeutet einen Übergang von der unmittelbaren Barbarei zu einer "Barbarei" mit menschlichem Antlitz. Sie kehrt von der christlichen Nächstenliebe zurück zur heidnischen Bevorzugung des eigenen Stammes vor dem barbarischen anderen. Unter dem Deckmantel einer "Verteidigung christlicher Werte" ist sie selbst die größte Bedrohung des christlichen Vermächtnisses. Oder wie Gilbert Keith Chesterton die Sackgasse der Religionskritik einmal scharfsichtig erkannt hat: "Menschen, die beginnen, die Kirche im Namen von Freiheit und Menschlichkeit zu bekämpfen, geben am Ende Freiheit und Menschlichkeit preis, wenn sie nur weiter gegen die Kirche kämpfen können. […] Die Säkularisten haben nichts Göttliches zugrunde gerichtet; sie haben Säkulares zugrunde gerichtet, wenn das irgendein Trost für sie ist."