Gilt das nicht auch für die Verteidiger der Religion selbst? Haben sie nicht die zeitgenössische säkulare Kultur wüst attackiert – um am Ende jede tiefe religiöse Erfahrung zu opfern? Und so brennen auch viele liberale Krieger derart darauf, den Fundamentalismus zu bekämpfen, dass sie am Ende Freiheit und Demokratie preisgeben werden, wenn sie nur weiter gegen den Terror kämpfen können. Wenn die Terroristen dazu bereit sind, diese Welt aus Liebe zu einer anderen Welt zugrunde zu richten, dann sind unsere Antiterrorkrieger dazu bereit, die Demokratie aus Hass auf den muslimischen anderen zugrunde zu richten. Einigen von ihnen liegt die Würde des Menschen so sehr am Herzen, dass sie geneigt sind, die Folter zu legalisieren, um die Menschenwürde zu verteidigen. Und trifft dasselbe nicht auch auf die wachsende Zahl jener zu, die Europa vor Einwanderern verteidigen wollen? In ihrem Eifer, das jüdisch-christliche Erbe zu beschützen, sind sie dazu bereit, das wahre Herzstück des christlichen Erbes aufzugeben. Die einwanderungsfeindlichen Verteidiger Europas und nicht die Massen von Immigranten bilden die wahre Bedrohung Europas.

Walter Benjamins alte These, dass jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt, war vielleicht noch nie so treffend wie heute. Rechtsliberale verweisen gern auf die Gemeinsamkeiten zwischen rechten und linken Extremismen: Hitlers Lager "imitierten" den bolschewistischen Terror, die Marxistisch-Leninistische Partei lebe heute in Al-Kaida weiter. Schön und gut, aber weist das nicht auch darauf hin, dass sich der Faschismus an die Stelle der linken Revolution setzte? Sein Aufstieg war das Verschulden der Linken, zugleich ein Beweis dafür, dass es ein revolutionäres Potenzial gab, eine Unzufriedenheit, die die Linke nicht zu mobilisieren vermochte. Und trifft dasselbe nicht auch auf den sogenannten Islamofaschismus zu? Hängt der Aufstieg des Islamismus nicht mit dem Verschwinden der säkularen Linken in den muslimischen Ländern zusammen? Wer erinnert sich daran, dass Afghanistan vor dreißig Jahren ein Land mit einer starken säkularen Tradition war?

Kehren wir zu unsrer Ausgangsfrage zurück. Wie ist es angesichts all dessen um das Schicksal des liberal-demokratischen, kapitalistischen europäischen Traums in der Ukraine bestellt? Man kann nicht mit Sicherheit sagen, was die Ukraine in der EU erwarten würde, vermutlich jedoch eine eiserne Sparpolitik. In meinen Büchern habe ich auf einen bekannten Witz aus dem letzten Jahrzehnt der Sowjetunion zurückgegriffen. Rabinowitsch, ein Jude, möchte emigrieren. Der Beamte im Auswanderungsamt fragt ihn nach seinem Grund, und Rabinowitsch antwortet: "Es gibt zwei Gründe. Der erste ist, dass ich Angst davor habe, die Kommunisten könnten die Macht in der Sowjetunion verlieren, und dann werden die neuen Machthaber die Schuld an allen kommunistischen Verbrechen uns, den Juden, in die Schuhe schieben, und es wird wieder judenfeindliche Pogrome geben …" – "Aber", unterbricht ihn der Beamte, "das ist doch purer Unsinn, die kommunistische Macht wird ewig währen!" – "Nun ja", entgegnet Rabinowitsch gelassen, "das ist mein zweiter Grund."

Wir können uns mühelos einen ähnlichen Wortwechsel zwischen einem kritischen Ukrainer und einem EU-Finanzverwalter vorstellen. Der Ukrainer klagt: "Es gibt zwei Gründe, warum in der Ukraine Panik herrscht. Erstens fürchten wir, die EU könnte uns russischem Druck opfern und unsere Wirtschaft kollabieren lassen …" Der EU-Beamte unterbricht ihn: "Aber ihr könnt uns vertrauen, wir werden euch kontrollieren und sagen, was zu tun ist!" – "Nun ja", entgegnet der Ukrainer, "das ist der zweite Grund für unsere Panik."

Also ja: Die Protestierenden auf dem Maidan waren Helden, aber der wahre Kampf beginnt erst jetzt, der Kampf darum, was die neue Ukraine sein wird, und dieser Kampf wird sehr viel härter werden als der gegen Putins Intervention. Die Frage ist nicht, ob die Ukraine Europas würdig ist, sondern ob die heutige EU der tiefsten Sehnsüchte der Ukrainer würdig ist. Wenn die Ukraine als eine Mischform aus ethnischem Fundamentalismus und liberalem Kapitalismus endet, in der Oligarchen die Fäden ziehen, dann wird sie so europäisch sein wie Russland (oder Ungarn) heute. Manche politischen Kommentatoren behaupteten, die EU habe die Ukraine im Konflikt mit Russland nicht genügend unterstützt. Es gibt aber noch eine andere Seite von Unterstützung, an der es sogar noch mehr haperte: nämlich der Ukraine eine Strategie aufzuzeigen, wie sie sich aus ihrer Sackgasse befreien könnte. Deshalb sollte sich Europa zunächst einmal selbst wandeln und seinen Schwur auf den emanzipatorischen Kern seines Erbes erneuern.

Der große Konservative T. S. Eliot hat einmal bemerkt, es gebe historische Momente, in denen man nur die Wahl zwischen Sektierertum und Ungläubigkeit habe. Um eine Religion am Leben zu erhalten, müsse man eine sektiererische Abspaltung von ihrem Leichnam vornehmen. Genau das ist heute unsere einzige Wahl: Nur mittels einer "sektiererischen Abspaltung" von der, metaphorisch gesprochen, "Leiche Alteuropas" können wir das europäische Vermächtnis der "Gleichfreiheit" am Leben erhalten. Wenn die neue Weltordnung, die sich gerade vor unseren Augen herausbildet, ein nicht verhandelbares Schicksal ist, dann ist Europa verloren. Also lautet die einzige Lösung: Europa muss das Risiko auf sich nehmen und den Bann unseres Schicksals brechen. Nur in einem neuen, wahrhaft demokratischen Europa könnte die Ukraine ihren Platz finden. Nicht die Ukrainer müssen von Europa lernen, Europa selbst muss lernen, den Traum zu integrieren, der die Protestierenden auf den Maidan antrieb. Mehr als je zuvor brauchen wir heute die Treue zum emanzipatorischen Herzstück des europäischen Erbes. Die Lektion, die die erschrockenen Liberalen lernen sollten, lautet: Nur eine radikalere Linke vermag zu retten, was am liberalen Vermächtnis der Rettung wert ist.

Aus dem Englischen von Michael Adrian