Sehnsüchtig schauen wir hinüber, dorthin, wo eine andere Welt aufleuchtet, und zwar in einem einzigen, langen Satz, aus dem ein ganzes Buch besteht, geschrieben vom Schweizer Schriftsteller Reto Hänny, Jahrgang 1947, einem einzigen ewig-endlosen Satz über hundertvierzig Seiten also, den ästhetisch ein Marianengraben trennt von der normalen Saisonware der immer gleichen Mehrgenerationen-Familienromane, den nacherzählten Schlimme-Gewalt-in-der-Bürgerkriegsjugend-mit-bösen-Folgen-Geschichten – aber halt: So anders ist die Welt dieses Satzes gar nicht, vielleicht nur eine andere Seinsweise, denn Hänny schildert den ganz normalen Tag des berühmten Annoncenakquisiteurs Leopold Bloom aus James Joyce’ Jahrhundertroman Ulysses, und wer jetzt Panik bekommt, weil das doch so schwierig klänge, dem sei vorgeschwärmt von der barocken Wortlust, mit der Hänny noch einmal seinem Helden durch Dublin folgt wie ein Schatten, durch die Büros, Bethäuser, Bars und Bordelle, bald besoffen natürlich, so wie wir von dieser herrlich komischen, wunderbar musikalischen Sprachsinfonie, in der zwischendurch die Rätselfrage "Wer, bitte, kann mir hier denn sagen, wer ich bin?" ertönt und der Leser sich mit Bloom eifersüchtige Gedanken macht um dessen singende Frau, deren "gutturales Gehauche" und "gedankenverlorener, entwaffnend offener Blick" momentan ihren Geliebten entzücken; so also war es eine verdammt gute Idee Hännys, diesen wilden Tag für uns neu zu erschaffen: Fünf Sterne leuchten über dem betrunken nachts in den Garten strahlenden Bloom, bevor wir uns mit ihm zu seinem Weib ins Bett stehlen, deren abschließend gemurmelte Worte "ja ich will ja" lauten – jedenfalls ist diesem genialen Schattenexperiment völlig zugewandt: