Konstantin Loskutnikov, alias Baron Bossner, hat sich in seinen Liegenschaften an der Spree ein eigenes russisches Reich gebaut. Neben dem Empfang steht eine gelbe Lenin-Standarte, auf dem Tisch eine Büste von Zar Nikolaus II., und der Flur ist vollgehängt mit riesigen goldgerahmten Ikonen. Sein Gesicht – Bart, wilde Augenbrauen, stahlblauer Blick – verschwindet bisweilen gänzlich im Qualm einer Zigarre, selbstverständlich aus eigener Produktion in Nicaragua. An den Füßen 6.000-Euro-Schuhe, für die zwei kolumbianische Krokodile ihr Leben lassen mussten. Bossner, 59, lässt unser Gespräch von drei Mitarbeitern eskortieren: einer filmt, einer macht Notizen, und einer übersetzt.

Am Wochenende ist die Krise in der Ukraine blutig eskaliert. Doch Bossner, der seit zwei Jahrzehnten in Deutschland lebt, dessen Import-Export-"Besness" und persönliche Beziehungen sich aber hauptsächlich um Russland drehen, ficht das nicht an. "Die Ukraine muss man schleifen wie Michelangelo einen Marmorblock", lässt der gebürtige Petersburger übersetzen. Merkel und Obama, bemerkt er vergnügt, stünden jetzt vor aller Welt als Verlierer da, während Putin, Janukowitsch und Gysi jene Ruhe und Siegessicherheit ausstrahlten, die echte Patrioten auszeichne.

Erstaunlich, dass jemand, der Putins Regierungsstil preist, sich in einer Stadt wie Berlin wohlfühlt – mit ihrem schwulen Bürgermeister und liederlichen Laisser-faire. Bossner weiß, warum: "Als ich vor 22 Jahren aus dem Flugzeug stieg", entsinnt er sich, "habe ich sofort gemerkt: Die Taxifahrer betrügen nicht. Das Wechselgeld stimmt. Immer. Die Polizei ist korrekt. Wo Gold draufsteht, ist wirklich Gold drin. Sogar die Beamten sind ehrlich!" Von so viel Integrität ist Bossner noch immer entzückt. Sein Denken ist typisch für große Teile der russischen Elite, die in Europa ihre Kinder zur Schule schicken, ihre Vorzeigeunternehmen gründen, ihre Einkaufstouren machen und es gleichzeitig als schwule Amüsiermeile verachten.

Neunmal pro Tag landet eine Maschine aus Moskau in der Bundeshauptstadt. Mehr als 300.000 russischsprachige Menschen leben in Berlin, das entspricht der Einwohnerzahl von Wuppertal. Knapp 20.000 davon sind "echte Russen", die anderen sind Russlanddeutsche, Kasachen, Georgier, jüdische Kontingentflüchtlinge oder Ukrainer. Wer will, kann in Berlin ein durch und durch russisches Leben führen: kann mitten in der Nacht im Supermarkt Rossia am S-Bahnhof Charlottenburg eingelegte Gurken und Matroschka-Eis kaufen, kann die Kinder in russische Privatschulen schicken, kann beten bei den Orthodoxen, kann russische Anwälte, Ärzte, Fahrer und Makler beschäftigen, kann Puschkin im Original lesen und sich im Salon Karat die Haare aufbrezeln lassen – natürlich "Russian Style".

Doch die Ukraine-Krise zeigt jetzt, wie zerrissen die russische Gemeinde der Hauptstadt ist. Im westlichen Stadtteil Charlottenburg, wo in den zwanziger Jahren russische Intellektuelle wie Pasternak, Majakowski oder Eisenstein lebten, wohnen jetzt "Biznesmeny", jene Geschäftsleute, die vor Sternerestaurants aus ihren Lamborghinis steigen, sich in Beautysalons hinter dem KaDeWe von jungen Ukrainerinnen die Hornhaut von den Fersen hobeln lassen und Putins Zarentum gut finden.

"Putin hat doch lange hier in Deutschland gelebt", sagt Baron Bossner. "Er hat Russland, das in den neunziger Jahren im Chaos versunken ist, echte deutsche Ordnung gebracht!" Bossner selbst kommt auf den ersten Blick wie ein überkandidelter Operettenrusse daher – sogar eine CD mit Liedern wie I’m crazy man und eine mit Gebeten für alle Religionen hat er produziert. Der Name Bossner aber ist der seiner jüdischen Großmutter, deren halbe Familie in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurde. Seinem Vater hat die Wehrmacht auf dem Russlandfeldzug ein Bein weggeschossen. Eigentlich ein Wunder, dass er jetzt hier ist, der Konstantin Loskutnikov alias Baron Bossner.

Die Intellektuellen, wie der Schriftsteller Wladimir Kaminer, seine Frau Olga und sein Freund Juriy Gurzhy, sind vor diesem neuen "Charlottengrad" in den Osten Berlins an den Prenzlauer Berg geflohen. "Ich schäme mich für mein Land", hatte Wladimir Kaminer nach dem Einmarsch der Russen auf der Krim auf Facebook gepostet – und als Erstes eine SMS bekommen, die mehr über das moderne Russland aussagt als ein ganzer Tag auf Russia TV: "Wer hat dich bezahlt, du Verräter?"