Darf ein deutscher Staatskonzern Geschäfte mit einem Land machen, das völkerrechtswidrig Teile eines anderen Landes besetzt? Und dann auch noch Geschäfte "in geheimer Mission", wie das Handelsblatt Anfang der Woche titelte, als es über einen möglichen Deal der Deutschen Bahn mit der russischen Staatsbahn berichtete? Der Konzern dementierte das kolportierte Geheimtreffen zwischen Bahnchef Rüdiger Grube und dessen russischem Amtskollegen Wladimir Jakunin zwar, aber natürlich will sich Grube diesen lukrativen Auftrag sichern: den Bau einer Bahnstrecke von Moskau nach Kasan. Länge: knapp 800 Kilometer. Baukosten: mehr als 20 Milliarden Euro. Die Frage also: Darf Grube das?

Die kurze Antwort lautet: ja. Manager im Ausland sind keine Sondergesandten der Nato. Sie dürfen auch in Russland die Interessen ihrer Firmen vertreten. Solange sich der Westen nicht auf Sanktionen gegen Russland einigt, die Geschäfte mit dem Land unterbinden, ist erlaubt, was nicht verboten ist. Gute Geschäftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland können in der sich verschärfenden Ukrainekrise sogar stabilisierend wirken, im besten Fall tragen sie zur Deeskalation bei.

Gewiss, der Verdacht liegt nahe, dass sich Topmanager mit ihren Geschäftsinteressen zu Putins Vasallen machen, und natürlich kann jemand, der in Russland investiert hat, wenig Interesse an einem Bruch zwischen Moskau und Berlin haben. Doch umgekehrt gilt die Logik des Geschäfts ebenso: Kommen mehr wirtschaftliche Interessen auf beiden Seiten zur Deckung, erhöht sich der Preis für politische Provokationen aufseiten Putins. Und das kann auch dem Lenker eines Schwellenlandes, das zuletzt schon harte ökonomische Schläge hinnehmen musste, auf Dauer nicht egal sein.

Eine Garantie dafür, dass Russland die Finger vom Osten der Ukraine lässt, ist all das natürlich nicht. Aber die Wirtschaft hält auch dann noch einen Gesprächskanal offen, wenn der politische Diskurs einzufrieren droht.

Beim Reden kommt es allerdings auf den Ton an – und Konzernchefs sollten nicht glauben, dass bei Geschäften nur die Zahlen entscheiden. Siemens-Chef Joe Kaeser hat in dieser Disziplin versagt, als er beim Treffen mit Putin die Annexion der Krim als "kurzfristige Turbulenzen" abtat. Darin liegt die andere Wahrheit: So wie Politiker die Ökonomie mitdenken müssen, sollten Manager auch die Politik im Kopf haben.