Reinhard Mey legt in einem Café in Berlin noch rasch den Arm um die Schulter einer Frau, die am Nachbartisch sitzt und sich ein gemeinsames Foto wünscht, bestellt Pfefferminztee – und hört dann gar nicht mehr auf, davon zu sprechen, was für ein glücklicher Mensch er sei. Zunächst sind die ZEIT-Redakteure skeptisch, nach zweieinhalb Stunden denken sie: Wahnsinn!

DIE ZEIT: Herr Mey, sind Sie glücklich?

Reinhard Mey: Das bin ich, ja. Ich habe die Gabe, tiefstes Glück selbst in tiefstem Unglück, in Schmerz und schwierigen Situationen spüren zu können. Würde ich über einer Wüste mit einem Fallschirm abgeworfen, das Leben trüge mich zur nächsten Oase.

ZEIT: War das schon immer so?

Mey nickt. Er setzt den Stift im Jahr seiner Geburt an: maximales Glück.

Mey: Diese Linie verläuft am Anschlag, seit meiner Kindheit.

ZEIT: Sie sind während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen!

Mey: Aber meine Mutter, meine Tante Ilse und meine Oma Käthe taten alles, um den kleinen Jungen in harten Zeiten glücklich zu machen.

ZEIT: Was ist Ihre erste Erinnerung?

Mey: Kurz nach meiner Geburt begannen die Bombardements auf Berlin. Wir mussten in den Luftschutzkeller gegenüber. Die Menschen standen dort unten um mich herum, sie kümmerten sich intensiv um mich; ich schien die Hauptperson zu sein. Da habe ich vor Freude gequiekt.

ZEIT: Die Bomben über Berlin – Ihr erster Glücksmoment?

Mey: Ich war umsorgt und geborgen. Die drei Frauen gaben mir das Gefühl, dass wir das schon irgendwie hinkriegen. Deshalb war ich vergnügt.

ZEIT: Quälte Sie nicht der Hunger?

Mey: Ich war Haut und Knochen, aber meine Tante tauschte ihre alte Vogtländer-Kamera gegen Essen für mich ein.

ZEIT: Sie wünschten sich sicher Spielzeug. Hatten Sie welches im Krieg?

Mey: Die Oma schüttete eimerweise Sand ins Wohnzimmer und breitete ihn auf einer Zeitung aus, sodass ich im Winter buddeln konnte. Glücklicher hätte ich nicht sein können.

ZEIT: Klingt, als hätten Sie nicht viel mitbekommen von der Not im Krieg.

Mey: Ich habe als Kleinkind nichts davon gespürt. Zwar erinnere ich mich, wie die gläserne Wärmflasche, die ich abends mit ins Bett bekam, morgens kaputtgefroren war, so bitterkalt war es, und der Brennstoff war alle. Ich hatte – wie ich heute weiß – eine schwere Lungenentzündung, und es gab keine Medikamente, es ging um Leben und Tod, aber ich war in Liebe geborgen. Angst hatte ich keine.

ZEIT: Und die drei Frauen?

Mey: Hatten Angst, ja; sie schlossen die Fensterläden, aus Sorge, dass die Soldaten vor dem Haus sie sehen würden und es zu Übergriffen kommen würde. Was das bedeutet, haben sie mich nicht spüren lassen. Das verstehe ich erst heute.

ZEIT: Sie zeichnen eine Glückslinie am Anschlag. Ihre Lieder klingen aber oft so, als litten Sie an der Welt. Ist das alles nur Marotte?

Mey: Das Leben ist zu kurz für Marotten. Kriege, Erdbeben und Hunger in der Welt bewegen mich sehr. Das Elend der Menschen schmerzt mich. Aber mit dieser Glückslinie meine ich nur mein eigenes Leben, sie hat allein mit den persönlichen Lebensumständen zu tun.