Praktischerweise ist zur Schlüter-Ausstellung im Berliner Bode-Museum nicht nur ein dicker Katalog, sondern auch ein kleiner Stadtführer erschienen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Werke eines Architekten und Großbildhauers nicht indoor zeigen lassen. Aber das macht in diesem Falle nichts oder jedenfalls nicht viel, denn die meisten erhaltenen Stücke sind vom Museum aus fußläufig zu erreichen. Rechter Hand steht gleich das Zeughaus mit den berühmten Köpfen sterbender Krieger im Innenhof, linker Hand der Dom mit den Prunksarkophagen der Königin Sophie Charlotte und ihres Gemahls Friedrichs I., und ein paar Schritte über Die Linden hinweg käme man auch schnell zur Nikolaikirche mit dem Grabmal des Goldschmieds Daniel Männlich und zur Marienkirche mit ihrer fabelhaften Prachtkanzel – normalerweise.

Im Moment allerdings nicht, denn im Weg liegt die gewaltige Großbaustelle, die zugleich den eigentlichen Anlass der Ausstellung darstellt. Der 300. Todestag eines großen, in seiner Größe aber auf Norddeutschland beschränkten Künstlers ist nur der kalendarische Vorwand, der wahre Grund ist, dass sich jetzt tatsächlich die ersten Mauern zur Rekonstruktion seines Hauptwerkes, des Berliner Stadtschlosses, erheben.

Man glaubt es nach all den Zankereien, den triftigen ebenso wie den ideologisch verblendeten Einwänden kaum, aber es ist so: Die gewaltige Baumasse in der Berliner Mitte beginnt sich abzuzeichnen, und in der Ausstellung kann man überprüfen, ob es sich lohnen könnte – vorausgesetzt, es bleibt nicht bei dem Rohbau aus Beton, sondern es kommt die reich gegliederte Fassade hinzu, die übrigens schon ihrerzeit, Anfang des 18. Jahrhunderts, für publizistisches Aufsehen sorgte. Noch vor der Bauausführung wurden die Pläne Schlüters in einer virtuellen Simulation der Fassadenwirkung als Stiche gedruckt. Es gab auch schon ein Holzmodell, das dem Künstler als entscheidendes Argument in den Verhandlungen mit König und Hoföffentlichkeit diente, und es gab, was ebenfalls an heutige Verhältnisse erinnert, schon die Diskussionen, wie mit dem vorhandenen Erbe umzugehen sei, dem angestammten Renaissanceschloss der brandenburgischen Kurfürsten.

Schlüter hatte eine große Meinung von dem kunsthistorischen Wert des alten Schlosses, aber es musste auch passend gemacht und einfügt werden in die barocke Erweiterung. Denn sein Auftraggeber, Kurfürst Friedrich III., war gerade dabei, aus eigener Machtvollkommenheit König zu werden – König in Preußen, noch nicht von Preußen –, und als König Friedrich I. wollte er ein modernes Königsschloss, mit allem Pipapo nach französischem Vorbild. Andreas Schlüter, um 1660 in Danzig geboren, hatte sich durch Bauten und Bauschmuck in Polen hervorgetan, also in einer, mit Brandenburg verglichen, hoch mondänen Kulturlandschaft, und er hatte sich in Berlin mit den erwähnten Beiträgen zum Zeughaus, vor allem aber mit einer spektakulären Reiterstatue des Königsvaters, des sogenannten Großen Kurfürsten, hervorgetan.

Diese Statue war im ganzen Reich ohne Vergleich, sie orientierte sich an den berühmten französischen Vorbildern, dem Reiterdenkmal Heinrichs IV. von Giovanni Bologna und dem Ludwigs XIV. von Girardon – also am Besten vom Besten, übrigens auch gusstechnisch. Tatsächlich hatte Schlüter mit Johann Jacobi in Berlin einen der raffiniertesten Bronzegießer zur Hand, und das war ein großer, fast verrückter Zufall, denn Jacobi hatte ausgerechnet bei den Gebrüdern Keller in Paris gelernt, die das Gießen von Großskulpturen europaweit exklusiv beherrschten. In der Berliner Ausstellung kann man die französischen Vorbilder in verkleinerten Kopien bestaunen – und was Schlüter aus ihnen machte. Er nahm ihnen etwas von ihrer Eleganz, aber verdoppelte den barocken Effekt von Wucht und Energie.

Kurzum, Schlüter konnte etwas und versprach etwas, vor allem europäisches Aufsehen zu erregen, und empfahl sich damit für die Schlossaufgabe. Auch im Innern sorgte er mit staunenswerten Treppenhäusern, insbesondere der sogenannten "Gigantentreppe", für Kitzel und Spannung – Reiseberichte von auswärtigen Architekten belegen, wie erfolgreich das barocke Marketing funktionierte, geben aber auch zu denken. Was, wenn der Wiederaufbau heute ein Gehäuse ohne Kern produzierten sollte – also gerade das nicht liefert, worauf seinerzeit der besondere Ruhm von Schlüters Schloss beruhte? Wenn gerade die Meisterleistung der konstruktiven Verschränkung von innen und außen nicht wiederhergestellt würde? Denn das zeigt die Ausstellung mit allen Skizzen, Plänen, alten Fotografien überwältigend: dass es sich um ein Gesamtkunstwerk handelte, das man nicht als Fassadensimulation erreicht. Die Stimmen, die meinen, man könne unter der wieder aufgebauten Gebäudehaut ein beliebig modernes, auch beliebig billiges Inneres errichten, sind spätestens jetzt widerlegt – und als kunstferne Scharlatane entlarvt.

Schlüters Ruf und Rang bestand gerade darin, Wirkung durch Gehalt zu unterfüttern, nicht nur zu überwältigen, sondern durch Ideenkonzept und Detailästhetik den Effekt zu beglaubigen. Das kann man an der Marienkanzel sehen ebenso wie an dem Grabmal für einen bürgerlichen Handwerker, den genannten Daniel Männlich, das ikonografisch ganz eigenwillig ist – mit der Entfaltung eines echten Todesschreckens, dem eine typisch protestantische, fast stoische Gefasstheit entgegengesetzt wird.

Schlüter ist immer intelligent, immer wach, immer originell – was ihn indes nicht vor Pleiten, Pech und Pannen geschützt hat. Mit der Bauleitung des Schlosses war es vorbei, nachdem er das Projekt eines hundert Meter hohen Münzturms buchstäblich in den feuchten märkischen Sand gesetzt hatte. Das Fundament fand keinen Halt, der Turm musste noch im Rohbau wieder abgerissen werden. Solche statischen Schwierigkeiten sind auch heute in Berlin bekannt.

Das schönste Gebäude, das Schlüter hinterließ, bevor er 1713 nach St. Petersburg ging (und dort ein Jahr später starb), war indes die Villa Kameke in der Dorotheenstraße, ein sehr flaches, sehr italienisches Stadtpalais mit integriertem Garten, so anmutig und elegant, dass es wohl auch ohne Kriegszerstörung abgerissen worden wäre wie das Schloss – aus bolschewistischem Kulturhass. Den Bauten, die er noch in Petersburg (an Sommerpalais und Peterhof) errichtete, ist es merkwürdigerweise besser ergangen. Die Sowjetunion schützte das aristokratische Erbe.

Schloss Bau Meister: Andreas Schlüter und das barocke Berlin, Bode-Museum, bis 13. Juli