Schulstunde in Düsseldorf, der Besuch trägt Anzug und hat PowerPoint-Folien mitgebracht. Stockend liest ein Siebtklässler die Frage ab, die der Beamer in bunter Graffiti-Schrift an die Altbauwand wirft: "Warum solltest du den Umgang mit Geld planen?" Schnell sind die ersten Hände oben. "Damit man keine Schulden macht?", fragt einer. "Ja, und warum?", hakt Stefan Notthoff nach. "Wegen der Schufa", sagt ein Mädchen. Ob sie denn wisse, was das sei? Nein.

Notthoff, Werber von Beruf, steht zusammen mit dem Wirtschaftsprüfer Michael Freudenberg vor 19 Schülern der 7a. In drei Jahren werden die heute 12- bis 14-Jährigen ihren Hauptschulabschluss machen, vielleicht eine Ausbildung beginnen und das erste Gehalt verdienen. Und heute soll das Duo sie fit machen in Gelddingen. Immer wieder wird Notthoff in den nächsten zwei Stunden deswegen diesen einen Satz wiederholen: "Die Einnahmen müssen größer als die Ausgaben sein." Am Beispiel des 16-jährigen Felix, der sich eine Vespa wünscht, erklärt er, wie man Ausgaben verringert und Einnahmen erhöht, bis der Betrag unterm Strich größer ist als der auf dem Preisschild.

Die Lehrerin sitzt hinten, hört zu. Jeder, der sich meldet, kommt zu Wort. Notthoff und Freudenberg sind im Auftrag der Initiative My Finance Coach gekommen – sonst arbeitet Notthoff als Kundenbetreuer bei der Werbeagentur Grey, Freudenberg für KPMG – beide Firmen stützen die Initiative. Rund 1.000 "Finance Coaches" sind in Deutschland unterwegs. Mehr als 30 Unternehmen, darunter McKinsey, die Allianz, die DKB und die VW Bank, finanzieren die gemeinnützige Stiftung. In weniger als vier Jahren sind fast 3.500 Schulbesuche zustande gekommen.

Dass sich Vertreter der Wirtschaft vor Schulklassen stellen, ist keine Seltenheit. Schon 2006 ergab die Pisa-Studie, dass 88 Prozent der 15-Jährigen eine Schule besuchen, "an der Wirtschaft und Industrie Einfluss auf Lehrinhalte ausüben". Dass es so weit kommen konnte, liegt vor allem daran, dass die Schulen kein einheitliches Konzept für finanzielle Allgemeinbildung haben.

Mit Verve streiten schon Experten und Didaktiker darüber, was als Allgemeinbildung zu gelten habe. Und so beantwortet – dem Bildungsföderalismus sei Dank – jedes Bundesland diese Frage anders oder lässt Schulen und Lehrer damit allein. Die Lehrer wiederum sind meist nicht speziell für Wirtschaftsunterricht ausgebildet und dankbar für die externe Nachhilfe. Denn die ist überall erlaubt: Eine exklusive Umfrage der ZEIT unter allen 16 Kultusministerien zeigt, dass in allen Bundesländern private Anbieter in Schulen willkommen sind. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Ansonsten wird Schülern der Umgang mit Geld überall anders beigebracht.

Dass finanzielle Allgemeinbildung zur Ausbildung gehören sollte, darüber herrscht – wenigstens theoretisch – Konsens. Und an Absichtserklärungen mangelt es auch nicht: Erst im Herbst 2013 beschied die Kultusministerkonferenz, dass die Schüler lernen sollen, wie sie fürs Alter vorsorgen, Erspartes anlegen und Werbung richtig einordnen. Die Schulen sollten darauf reagieren, dass Kinder immer früher zu Konsumenten werden und sich immer öfter verschulden. Die wachsende Zahl an Privatinsolvenzen belege, dass dies notwendig sei.

Auch Banken und deren Verbände verweisen seit Jahren auf Studien, die Lücken im Finanzwissen der jungen Deutschen offenbaren. Allein: Wie diese zu schließen seien, darüber streiten Experten ausdauernd. Die Verbraucherzentralen fordern ein Schulfach Verbraucherbildung. Hans Kaminski, Direktor des Instituts für ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB), befürchtet dann allerdings, dass die Allgemeinbildung auf der Strecke bleibt und der Unterricht zu "Produktberatung" verkümmert. "Die Verbraucherbildung sollte deshalb eine Dimension des Faches Wirtschaft oder Ökonomische Bildung sein", fordert er. Und die Initiative für bessere ökonomische Bildung (IBÖB) wünscht sich gar, dass "die ökonomische Bildung unter dem Dach der Sozialwissenschaften ihre Heimat finden muss", sagt Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt. Die Schüler müssen schließlich auch lernen, dass Banken die Krise verursacht haben und warum in der Welt Vermögen so ungleich verteilt ist."