Eigentlich war es ein Skandal, was Mitte Februar am Himmel über Genf geschah. Eigentlich wurde in diesen frühen Morgenstunden eine Schweizer Landeslüge endgültig entlarvt. Eigentlich bestünde Anlass zu ernsthafter Sorge.

Aber die Angelegenheit verkam zur Lachnummer. Wie immer, wenn die Schweizer Armee zurzeit Schlagzeilen macht.

Was war passiert?

Der Co-Pilot einer Boeing 767 der Ethiopian Airlines entführte seine Maschine auf dem Flug von Addis Abeba nach Rom. Er wollte in der Schweiz Asyl beantragen. Eskortiert von italienischen Eurofighter-Jets, landete das Flugzeug schließlich in Cointrin. Die Passagiere kamen mit dem Schrecken davon. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, erfuhr die Öffentlichkeit, wieso Italiener und nicht Schweizer die Maschine nach Genf begleitet hatten. Die helvetische Luftwaffe arbeitet lediglich zu Bürozeiten: Wochentags von 8 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr. Einmal wöchentlich bis 22 Uhr.

Die Flugzeugentführung von Genf war nur eine weitere skurrile Episode im Gezerre um die ungeklärten Fragen:

Welche Armee braucht die Schweiz? Und welche Luftwaffe?

Aber genau darüber müssen wir am 18. Mai befinden. Für 3,1 Milliarden Franken will der Bund 22 neue Kampfjets vom Typ Gripen E kaufen. Sie sollen dem Land "Sicherheit und Wohlstand" bringen.

Soweit die Propaganda. Aber wo bleiben die Argumente? Eine Mehrheit der armeefreundlichen Bürgerlichen will neue Kampfjets. Und lieber den Gripen als gar keinen Jet. SVP-Armeeminister Ueli Maurer fachsimpelt in Interviews über Motorenleistungen und freut sich, dass in "internationalen Fachzeitschriften" die Akzeptanz des schwedischen Kampfjets in den letzten Monaten spürbar gestiegen sei. Seine Parteikollegen wälzen bereits einen "Plan B", falls das Volk die Gripen-Vorlage ablehnen würde. Sie wollen die neuen Jets über das ordentliche Armeebudget einkaufen – eine Staffel um die andere.

Aber definieren Triebwerke und Buchhaltungs-Jonglagen die Qualität einer Luftwaffe, einer Armee? Nein. Die Diskussionen über Flugzeugtypen und Budget-Tricks lenken ab von den eigentlichen Fragen.

Das ist im Sinne aller Beteiligten. Auch die Linke will nämlich nicht darüber diskutieren, ob die neutrale Schweiz überhaupt Streitkräfte braucht. Nicht an diesem 18. Mai. Dabei haben sich die Sozialdemokraten die Abschaffung der Armee vor ein paar Jahren ins Parteiprogramm geschrieben. Doch die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) hält sich im Abstimmungskampf auffallend zurück. Es soll um die Jets, nicht um die Armee als solche gehen. Denn frei von Feldgrün, das wissen SP und Grüne, will das bürgerliche Land nicht sein. Sparen beim Militär, ja. Abschaffen, nein. Zu hartnäckig hält sich der Mythos vom wehrhaften Schweizervolk in Waffen. Also trommeln die Armeekritiker lieber gegen die überrissenen Kosten der Flugzeugbeschaffung: Die Milliarden würde man besser anderweitig ausgeben. Und sie frohlocken, mehr oder weniger insgeheim, über die Schützenhilfe, die sie von versprengten bürgerlichen Sparaposteln erhalten.

Der Bürger aber, der Mitte Mai zur Urne gerufen wird, um über den Gripen-Kauf zu entscheiden – er bleibt ratlos.

Er erlebte, wie die Schweiz mit ihrer Bürozeiten-Luftwaffe ihren Himmel nicht selber schützen kann. Selbst nicht vor einem verzweifelten Co-Piloten aus Äthiopien. Und wie ihm das Politiker verschwiegen, obschon sie es spätestens seit 2010 wussten. Damals wurde im Ständerat eine Motion überwiesen, die einen Luftpolizeidienst rund um die Uhr verlangte. 28 Millionen hätte das gekostet. Passiert ist nichts. Der Bürger fragt sich also, weshalb dieselben Politiker, die kein Geld für die Luftpolizei aufbringen können, von ihm nun drei Milliarden Franken für 22 neue Flugzeuge wollen. Eine Antwort erhielt er nicht. Dafür las er in der Zeitung, dass die Luftwaffe selbst zu ihren Bürozeiten in der Regel unbewaffnet übers Land donnert – das sei schließlich günstiger. Und er schloss daraus: Auch das beliebte Katastrophenszenario: "Kamikaze-Absturz eines kleinen, mit Sprengstoff beladenen Privatflugzeugs auf ein Atomkraftwerk", könnte die Schweizer Luftwaffe nicht verhindern.