Jeder Mensch ist einmal in seinem Leben berühmt. 15 Minuten lang. So viel Weltruhm sagte uns Andy Warhol einst voraus. Heute zeigen uns Castingshows, wie sehr er sich getäuscht hat. Statt Minuten sind es manchmal nur Sekunden, und wen das peinliche "Leider nein" trifft, der darf auf keinen Weltruhm mehr hoffen.

Herumgesprochen hat sich das allerdings nicht. Sonst könnte Heidi Klum schon lange keine jungen Frauen mehr ködern. Sie teilen ihr Schicksal mit dem Esel, dem der Bauer ein Rüebli unerreichbar weit entfernt vors Maul bindet. So winzig sind die Aussichten auf eine Karriere. Ähnlich ergangen ist es den meisten Siegerinnen hiesiger sogenannter Talentwettbewerbe wie Musicstar und The Voice. Die gekürten Stars leben heute mehrheitlich unter Ausschluss des Publikums. Ohne Karriere, ohne Ruhm.

Suchte die Schweiz bisher Missen, Misters oder Musicstars, so wird das Castingformat nun für medieninterne Hypes als PR-Strategie genutzt. Aber der Reihe nach:

In den vergangenen 114 Jahren haben die Schweizer Männer die Volkswahl des Bundesrates zweimal abgelehnt. Mit steigenden Nein-Anteilen zwischen 1900 und 1942. Ein drittes Mal taten sie dies im vergangenen Jahr; gemeinsam mit den Frauen versenkten sie die Volkswahl des Bundesrates mit einer Dreiviertelmehrheit. Der Volkswille ist also eindeutig.

Nur hat sich das nicht bis ins Zürcher Seefeld herumgesprochen. Ein dort ansässiges Medienunternehmen sucht nämlich einen achten Bundesrat. Per Casting und Volkswahl. Sein Auftrag: Er soll sich "für die gesamte Bevölkerung der Schweiz einsetzen".

Und weil das Unternehmen, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, sein eigenes Publikum für politisch nicht à jour hält, erklärt es diesem im Kleingedruckten, dass der achte Bundesrat eigentlich gar kein echter Bundesrat sein werde und ein Ablaufdatum von 30 Tagen habe. Der achte Bundesrat ist gewissermaßen ein Joghurt. Ich kann nicht ausschließen, dass das Ganze als Aprilscherz gedacht war. Unterdessen möchten aber über 150 Personen dieses Joghurt werden. Sie wurden in einer Art und Weise gecastet, bei der sogar Heidi Klum schwindlig geworden wäre. In die engere Wahl kommen neun Personen. (Notabene stammt keine aus der Westschweiz oder aus dem Tessin.) Ausgewählt wurden diese nicht von Volkes Stimme, sondern von einer Jury. Neun Ringier-Angestellte werden sekundiert von Castingprofis der Firma B&B Endemol; in der offiziellen Juryaufstellung fehlen ihre Namen wundersamerweise.

Endemol, das ist die Fernsehproduktionsfirma, der die Schweiz Sendungen wie Üsi Badi verdankt, von denen manche noch heute schwärmen. Aus der Endemol-Küche kommen aber auch Formate, bei denen man sich lange überlegt, worin der Service-Public-Auftrag bestehen könnte – um beim besten Willen keine Antwort zu finden. Es sind beliebige Spielshows, die in beliebigen Ländern auf beliebigen Sendern laufen. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Berlusconi jahrelang Endemol-Aktien hielt.

Mit "dem achten Bundesrat" wird also nur ein Spielchen gespielt. Um nicht zu sagen: Schindluder getrieben. Ein achter Bundesrat, der sich "für alle Bewohner der Schweiz einsetzen" soll, das kann nur bedeuten: Die sieben echten Regierungsmitglieder tun das nicht. Henu, die Meinungsfreiheit wird auch das überleben. Aber staatspolitisch förderlich ist es nicht. Aber auch das muss eine beliebige PR-Aktion nicht sein.

Ist es wenigstens populär und lustig? Na ja, eher populistisch und sauglatt. Angesichts des gesunkenen Umsatzes und Gewinns überlegt sich das Unternehmen Ringier vielleicht je nach Castingverlauf, ob es nicht schlauer wäre, auf diese Weise einen neuen CEO und die Chefredaktoren zu wählen. Bikini- oder Badehosen-Durchgang inklusive. 15 Sekunden Weltruhm in Zurich City wären ihnen sicher.