Rein wesensmäßig, das erzählte er gern, war ihm die Kartoffelknolle ganz besonders lieb und nahe. Schließlich tue er, der deutsche Künstler, ja auch nichts anderes, als emsig keimend und ganz aus sich heraus einen Keim nach dem nächsten hervorzutreiben, lauter sonderliche, hoch kreative Gebilde. Ob Linda, Gesa oder Cilena – Sigmar Polke liebte sie alle. Und so hat er für viele seiner Kunstwerke die Kartoffeln gleich pfundweise verarbeitet. Auch für sein Kartoffelhaus, das seit ein paar Tagen mitten im Zentrum der Kunstwelt steht, in der riesigen Haupthalle des Museum of Modern Art in New York. Vom vielen Licht sind die Knollen bereits arg vergrünt.

Lange schon hat das MoMA keine so eigenartige und so erstaunliche Ausstellung mehr gezeigt. Sie feiert den Künstler Sigmar Polke (1941 bis 2010), der eigentlich ein Nichtkünstler sein wollte. Der nach Kräften alle und alles und auch sich selbst veralberte, der den guten Geschmack und den gepflegten Stil verhöhnte und der ganz nicht anders konnte, als unermüdlich kritzelnd, schnippelnd, kleisternd gegen das aufzubegehren, was gerade diesem Museum so heilig ist: gegen das hehre Meisterwerk.

Noch immer wird im MoMA die Kunstgeschichte als eine Geschichte des Fortschritts erzählt, kühn und wagemutig und sehr linear. Und da wirkt es geradezu wie Selbstverrat, dass nun ausgerechnet Polke mit seiner vergeblichen Kunst eine Ausstellung vergönnt ist, wie sie rauschhafter, ausladender kaum sein könnte. Der Spielverderber, der nie dazugehören, nie den Ansprüchen genügen wollte, wird hier zum Künstlerhelden erhoben. Zufall ist das natürlich keineswegs.

Da gibt es Hippie-Polke, Hexen-Polke und immer wieder Punkte-Polke

Über sechs Jahre haben die Kuratoren das Groß- unternehmen vorbereitet, anfangs noch mit Polke zusammen, bis er 2010 dem Krebs erlag. Die Ausstellung sollte, das war sein Vermächtnis, nicht der übliche, sorgsam sortierte Bilderreigen werden, sondern möglichst vieles mit möglichst allem vermengen, vielleicht ein Sonderforschungsprojekt der Intermedialität, vielleicht auch nur frohgemute Wirrnis. Polke war so: ein Bilderverschlinger, malend, zeichnend, fotografierend, filmend, musizierend, dokumentierend, kopierend, collagierend. Wobei nie ganz klar war, ob er sich eher als ewig dadaeskes Künstlerkind sah, als Weltumarmer oder doch eher als Weltenflüchtling, immer auf der Hut vor zu viel Können und Routine. Sobald er Überdruss verspürte, sobald ihm seine Motive und Methoden allzu vertraut erschienen, musste irgendetwas Unerprobtes her. Nie wollte er sich selber treu sein und auf keinen Fall einer dieser Markenkünstler werden. Kein Gerhard Richter, kein Anselm Kiefer, niemand, dessen Werk auf Anhieb zu erkennen und in irgendeiner Stilschublade sicher zu verwahren wäre.

Ganz ist ihm das nicht geglückt, muss man im Rückblick sagen. Oft ist ein Polke eben doch als Polke zu erkennen. Anfangs mit seinen lakonischen Zeichnungen und gepünktelten Gemälden, die den deutschen Wohlstandsbürger und seine Flamingo- und Schokoladenträume ironisieren. Dann gibt es den Hippie-Polke, der weniger für Kartoffeln als für berauschende Fliegenpilze und ferne Länder schwärmt. Und schließlich den Gift- und Hexen-Künstler, der in den achtziger Jahren immerzu Pulver und Pigmente verrührt, getrieben von der klammen Hoffnung, die Bilder würden sich vielleicht irgendwann von selber malen. Sie alle haben im MoMA ihren Auftritt, alle Phasen, alle Wellen werden chronologisch und in schöner Auswahl dargeboten. Und doch, zum Glück, bleibt Polke ungreifbar: nichts, was hier erstarrt und leblos wirkte. Nichts ist zu großer Kunst geronnen.

Es ist eine lärmende, flackernde, schwer nervenzehrende Schau geworden, in der die Bilder über- und durcheinander hängen, oft überstrahlt, überdröhnt von kleinen und großen Videofilmen, die mittendrin oder in den Ecken vor sich hinflimmern, -gurgeln, -zwitschern. Mal zeigen sie Männer am Pool in Afrika, dann eine Fernsehdebatte, dann den Künstler in Sektlaune, wie er erst in voller Montur in die Badewanne steigt, um dann auf dem Klo, kopfüber in der Schüssel hängend, einen Handstand zu vollbringen. So rettet die Ausstellung sich und Polke vor der Gravität des eigenen Anspruchs.

So ungezügelt-zottig, so wundersam deutsch sah Polke noch nie aus

Dennoch gibt es diesen Anspruch natürlich. Wenn das MoMA einen Künstler aufs Schild hebt, dann richtig. Gepriesen wird Polke als einer der wichtigsten und größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Als nimmermüder Experimentator, als kluger Skeptiker, als multiple Persönlichkeit: ein Künstler, der viele Künstler war. In der New York Times ist zu lesen, Polke sei vielleicht sogar noch einflussreicher als Andy Warhol oder Robert Rauschenberg, eben weil er so wissbegierig, so weltverschlingend auftrat. Polke also, der am liebsten eine Kartoffel und auf keinen Fall ein Held sein wollte, wird in New York als der letzte wahre Universalist gefeiert.