Vor fast sechs Jahren saßen sie in Washington erstmals an einem Tisch: Die Staats- und Regierungschefs aus den 20 größten Industriestaaten und Schwellenländern waren zusammengekommen, um den Kampf gegen die große Finanzkrise aufzunehmen, mit der der Westen alleine nicht fertigwurde. Sie haben sich seither mindestens einmal im Jahr getroffen.

Die Gründung dieser G 20 war das Eingeständnis, dass sich die globalen Probleme des 21. Jahrhunderts nur gemeinsam lösen lassen. Die Organisation stand für die Hoffnung, dass die alten Gegensätze überwunden sind und ein neues Zeitalter der Zusammenarbeit begonnen hat – und dass die Staaten der Welt bei aller Verschiedenheit am Ende ein Ziel eint: in Frieden und Wohlstand zu leben.

In diesen Wochen zeigt sich: So weit ist es noch lange nicht. Am vergangenen Wochenende kamen die Finanzminister und Notenbankchefs der G 20 zum ersten Mal seit Beginn der Umwälzungen in der Ukraine zusammen – wieder in Washington. Und es wird immer deutlicher, dass die neue Weltregierung ihre erste Krise durchlebt.

Die G 20 ist Teil eines komplizierten Netzes aus Gremien und Ausschüssen, das die internationalen Beziehungen der Staaten ordnet. Dazu zählt etwa die G 8, in der die sieben Industrieländer und Russland vertreten sind – und eine ganze Reihe von Fachkomitees wie den in Basel ansässigen Ausschuss für Bankenregulierung, in dem die Schwellenländer seit der großen Krise ebenfalls vertreten sind.

Nach der Annexion der Krim hat die G 8 Russland suspendiert, der nächste Gipfel findet im Juni in Brüssel statt und nicht wie ursprünglich geplant im russischen Sotschi – und ohne den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Derweil besinnt sich der Westen wieder auf seine kulturellen Gemeinsamkeiten – auch in Abgrenzung zu China, Indien und Russland. Es war jedenfalls durchaus als politische Botschaft an die Partner in der G 20 zu verstehen, als Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Wochenende in einer Rede vor dem amerikanischen Council on Foreign Relations in Washington ein leidenschaftliches Plädoyer für Demokratie und Marktwirtschaft hielt und über "Athen, Rom und Jerusalem" als Ursprung des westlichen Denkens sprach.

Man habe in den vergangenen Wochen "entdeckt, dass es den Westen als internationalen Akteur noch gibt", sagt ein hochrangiger europäischer Regierungsbeamter. Das liegt auch daran, dass die ökonomische Basis der neuen Weltordnung ins Wanken gerät. Die Finanzkrise schien den Niedergang des Westens zu beschleunigen. Die meisten Industriestaaten stürzten in eine schwere Rezession, während viele Schwellenländer ohne größere Blessuren durch die Krise kamen – auch weil Länder wie China ihre Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen am Leben gehalten haben.

Nun ist die Krise weitgehend ausgestanden. In den USA gewinnt die Konjunktur an Fahrt, selbst in den europäischen Krisenländern geht es allmählich aufwärts. Das Wachstum kehrt in die erste Welt zurück, dafür hat jetzt die zweite ernsthafte Probleme. Russland muss infolge der Sanktionen mit einem dramatischen Kapitalabfluss fertigwerden, in China droht eine Kreditblase zu platzen, in der Türkei ist die politische Stabilität in Gefahr. Nach den neuesten Prognosen des Internationalen Währungsfonds wird sich das Wirtschaftswachstum der alten Industriestaaten in diesem Jahr deutlich beschleunigen, das der aufstrebenden Schwellenländer hingegen stagnieren.

Und auf einmal wird in der G 20 ganz offen darüber gesprochen, dass es auch zuvor schon nicht immer familiär zuging in der Gruppe. Die Industrieländer haben ihre Positionen vor allen wichtigen Treffen abgestimmt, ebenfalls die vier wichtigsten Schwellenländer China, Russland, Indien und Brasilien. Sprachliche und kulturelle Unterschiede erschweren die Kommunikation mit so manchem Land. Die Vertreter Saudi-Arabiens etwa zeigen Insidern zufolge wenig Interesse an den Debatten in der Gruppe. Und die Zusammenarbeit mit den Russen ist nicht erst seit der Auseinandersetzung um die Krim schwierig.

Für einen Augenblick hat die gemeinsame Bedrohung durch die Finanzkrise die Welt zusammengeschweißt – seit das Schlimmste vorbei ist, denkt jeder wieder vor allem an sich. Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremer spricht deshalb von einer G-0-Welt – in der "kein Land oder keine Gruppe von Ländern den politischen und ökonomischen Hebel – oder Willen – hat, eine internationale Agenda voranzutreiben".