Das Schönste an der Late-Night-Show ist, dass sie so spät kommt. Dann ist der Tag vorbei, und so ein Tag, der kann ja auch sehr furchtbar sein: Zumutungen, Niederlagen, Supermarktschlangen. Abends wartet aber zum Glück der Moderator der Late-Night-Show mit seinem großen Versprechen: auch den schlimmsten Tag noch zu retten. Aber wer hält dieses Versprechen noch? Als vor zwei Wochen David Letterman ankündigte, nach 32 Jahren die Late Show beim amerikanischen Sender CBS aufzugeben, sah es kurz so aus, als gehe der Letzte, der das konnte.

Dann, kaum eine Woche später, verkündete der Sender den Nachfolger, der im kommenden Jahr für Letterman übernehmen wird: Stephen Colbert, tatsächlich einer der wenigen, die noch den Tag retten können – das hat er in seiner Sendung The Colbert Report bewiesen, die er seit fast zehn Jahren moderiert. Er konnte das Versprechen aber nur halten, weil es ihn eigentlich gar nicht gibt. Colbert spielt für sein junges Publikum links der Mitte eine Kunstfigur, einen ultrakonservativen, hypermännlichen Talkshow-Host, angelehnt an Figuren wie den Fox-News-Kommentator Bill O’Reilly. Es sei vielleicht die großartigste komische Figur, die jemals im Fernsehen entstanden ist, trauerte das New York Magazine der Show schon jetzt hinterher. Colbert spielt nicht einfach die Rolle eines dummen Anderen, sondern hauchte der Parodie Leben ein, machte aus ihr einen Kerl, der den Zuschauern ans Herz wuchs, mit seinem aufgeblasenen Selbstbewusstsein, seinen Diskussionsbeiträgen jenseits jeder Logik und der einmaligen Arroganz, mit der er Gäste mehr verhört als interviewt.

Nun hat Colbert angekündigt, seine Kunstfigur für die Late Show aufzugeben. Vollständig wird das sicher nicht gelingen, so sehr sind er und sein Alter Ego mittlerweile ineinander verwoben. Zum Glück: Erst aus der Gemengelage von Schauspieler und Figur, von Liberalem und Tea-Party-Republikaner konnte Colbert als Showmaster einer neuen Generation hervorgehen. Dass er den stramm Konservativ-Libertären spielt, gab seiner Figur eine völlig substanzlose Selbstsicherheit; Fakten und Rationalität hält sie für unamerikanisch, sie vertraut allein dem eigenen Bauchgefühl. Was als Parodie auf George W. Bush gemeint war, verlieh Colbert schließlich die Aura des echten Showmasters: Hier ist ein Mann, der über den Dingen steht und dem kein noch so schlimmer Tag etwas anhaben wird. Wer wissen will, wie Colbert damit die late night retten wird, muss sich im Netz nur den Clip ansehen, in dem der Musikliebhaber die Weltstars Michael Stipe und Brian Eno auf die Bühne holt, um in perfekter Showmaster-Pose mit ihnen Lean on me zu singen: "Sometimes in our lives we all have pain, we all have sorrow. But if we are wise we know that there is always tomorrow". Und vorher kommt zum Glück noch die Late-Night-Show.