Mulmig kann einem ja schon werden, wenn man sich in der Welt umschaut. Von Brüssel bis Budapest, von der Krim zum Kreml – überall tauchen im Wochentakt neue Probleme auf, während die alten kaum gelöst sind. Wir leben in einem Zeitalter der permanenten Krise, wobei das allerdings eine optische Täuschung sein dürfte, weil wir früher die umfallenden chinesischen Reissäcke problemlos übersehen konnten. Heute haben wir sie direkt vor uns, sekündlich im Liveticker. Die Lage ist ernst, ernst genug für die Bundeskulturstiftung, zu einer hochkarätig besetzten Konferenz nach Frankfurt einzuladen. "Politische Romantik" lautete die Überschrift; die "Spannung zwischen Leidenschaft und Politik" stand auf dem Programm sowie die Frage, welche kulturellen und politischen Energien wir brauchen – und welche wir besser bändigen sollten. Schon der Ort symbolisierte solche Spannung, nicht nur wegen der Paulskirche und des Pflasters, auf dem sich 1848 und 1968 romantische Energien entluden: Hier soll demnächst das Museum für deutsche Romantik entstehen, ausgerechnet neben Goethes Geburtshaus, dem bekanntlich die Romantiker äußerst suspekt waren. Prompt rief Sahra Wagenknecht ihren Helden zum sozialistischen Klassiker aus, der "genial prophetisch" alle finsteren Seiten des Kapitalismus vorhergesagt habe. Von Lenin zu Goethe: Das darf man großzügig als ideologischen Fortschritt verbuchen.

Erstaunlich war die Abwesenheit des üblichen zeitdiagnostischen Vokabulars: Nirgendwo Erschöpfung oder Burn-out – es passiert offenbar zu viel gerade, als dass man sich damit aufhalten könnte. Es ging dabei, ebenso bemerkenswert, eher um Eindämmung, nicht Entfesselung romantischer Leidenschaften: von der Ostukraine bis nach Ungarn. Auch Peter Sloterdijk landete, nachdem er den intellektuellen Traum vom Fliegen über den Verhältnissen seit dem Mittelalter skizziert hatte, prompt skeptisch im Führerbunker und bei der "heftigsten politisch romantischen Bewegung auf deutschem Boden": der NSDAP. Rebellische Vergangenheiten wurden posthum ausgenüchtert: Im roten Jahrzehnt zwischen 1970 und 1980 wären maoistische K-Grüppler ein "Glücksfall für die Bundesrepublik" gewesen, wie deren einstiger Aktivist, der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen, befand – weil ohne Parteizwang die allermeisten zur RAF gewechselt wären. Systemrelevanz, dialektisch.

Unbehagen am System artikulierte sich in Frankfurt recht harmlos. Der Regisseur Andres Veiel hatte einen "einfachen Werkzeugkasten" entdeckt, mit dessen Hilfe Politiker gegen das Finanzkapital vorgehen könnten, wenn sie denn nur wollten. Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl glaubte an die "verpasste revolutionäre Situation" in der Finanzkrise 2008, die man in der nächsten Krise vielleicht besser nutzen könne. Das sah der Jurist Christoph Möllers ganz anders und verwies auf die ungebrochene Attraktivität des Kapitalismus nicht nur für Flüchtlinge aus Afrika: "Alle wollen hin."

Doch nicht das Kapital, sondern ein anderer böser Geist verhinderte romantische Rückfälle: der eiskalte Realist Putin. Sachlich-optimistisch wie ein Politprofi berichtete der ukrainische Schriftsteller und Aktivist Serhij Zhadan von der demokratischen Revolte in seiner Heimat; viel skeptischer blieb die Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch: Die junge Generation im postsowjetischen Kessel sei viel angepasster, als man glauben wolle. Sorgen machte sich der Soziologe Heinz Bude, dass Giorgio Agamben ein positives Buch über Putin und Russlands "unitäre Modernität" schreiben könne, gegen die westliche multiple Modernität. "Passionierung von Politik" lautete Budes Rezept für ein künftiges "Kollektivbewusstsein" in Europa. Urplötzlich wird Europa wieder zu jener einst von Helmut Kohl beschworenen Frage von Krieg und Frieden – genau hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Einen "Halbmond der Instabilität" sieht Herfried Münkler rund um den Kontinent, von Nordafrika über Syrien bis Kiew. Europa brauche viel Kraft und Geld und ein stabiles Russland, damit keine Kettenreaktion wie 1914 alles in die Luft jagt. Solch Wetterleuchten am Horizont verstärkt unser womöglich romantisches Bedrohungsgefühl: Es kommen härtere Tage.