Drei Mal schlägt die Glocke der Basilika, dann öffnet sich die schwere Holztür. Singend treten die Brüder ins dumpfe Licht des Nachmittags, "crucis Christi mons Alvernae, recenset mysteria", der Berg La Verna ist den Mysterien des Kreuzes Christi gewidmet. In braunen Kutten wandeln die Brüder zur Kapelle der Wundmale, durch einen Gang, der auf halber Strecke einen Felsspalt überbrückt. Er tat sich auf, als Jesus am Kreuz starb. Die Erde bebte, und die Felsen zerbrachen, Matthäus-Evangelium 27, 51.

In Zweierreihen, angeführt von einem Kreuzträger, schreiten die Brüder durch den Gang, rechts die Bildnisse des heiligen Franziskus, links die Fenster zum Abgrund. Singend steigen sie die Stufen hinab zur Kapelle, "Collaudetur Crucifixus, tollens mundi scelera", Lob dem Gekreuzigten, der die Sünden der Welt auf sich genommen hat. Dann treten sie vor den Altar, neigen das rechte Knie zum Boden, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Vor ihren Füßen, unter Glas, liegt eine Marmorplatte.

Am 17. September 1224, als auf dem Felsen noch keine Kapelle war, stand genau an dieser Stelle ein Pilger vor seiner Grotte und blickte in den Himmel. Im gleißenden Licht erschien ihm ein sechsflügeliger Engel in Gestalt des gekreuzigten Jesus. Göttliche Strahlen trafen den Pilger, bohrten sich in seine Hände, Füße und in die rechte Bauchseite. Sie hinterließen Wunden, die nie mehr aufhören sollten zu bluten. Der Pilger hieß Franz. Franz von Assisi – der heilige Franziskus, Namensgeber des Papstes, Schutzpatron der Italiener, der Tiere und der Natur, von Katholiken als "zweiter Christus" verehrt. Das Wunder, das ihm widerfahren sein soll, war die erste Stigmatisation der Geschichte.

Non est in toto sanctior orbe mons, es gibt auf der Erde keinen heiligeren Berg, so steht es über dem mittelalterlichen Torbogen des Klosters La Verna, das Franziskus’ Anhänger nach seinem Tod auf dem Felsen 50 Kilometer östlich von Florenz errichteten. Ein verwinkelter Komplex aus länglichen Sandsteinbauten mit verwitterten Ziegeldächern, zusammengewachsen über Jahrhunderte. Neben der Kapelle der Wundmale am Rand der Klippe gibt es ein weiteres Dutzend Kapellen. Das Herz La Vernas ist die Basilika, ihr Glockenturm dominiert die Anlage, ihr Vorplatz reicht bis an den Abgrund. In 1120 Metern Höhe geht der Blick weit über die sanften Hügel der Toskana.

Am Abend zuvor, kurz nach der Ankunft, hatte Pater Livio im Halbdunkel durch die kühlen Klostergänge geführt, bis zum Gästezimmer 22 im Flügel Santa Maria. Ein karger, schmaler Raum mit einem Kreuz über dem Bett und einem Fenster zu einem kleinen Innenhof.

Heiligster Berg der Erde? Ein gekreuzigter Engel, der Hände und Füße durchbohrt? "Wir können viel erzählen", sagte der Pater, "aber um diesen Ort zu verstehen, musst du ihm zuhören." Dann ging er. Stille, silenzio , wie auf den Schildern in den Gängen gefordert.

Zuhören also. Dem Regen, der nachts auf den Innenhof prasselt. Den eigenen Schritten, die am Morgen durch die langen Gänge hallen. Den Schwestern, deren Gesang am Vormittag durch verschlossene Türen dringt. Der summenden Nonne, die plötzlich verstummt, als sie von ihrem Wischmopp aufblickt und erkennt, dass der Gast sich verlaufen hat. La Verna ist ein Labyrinth. Für Neuankömmlinge sind die Wege durch das Kloster unergründlich. Von Zimmer 22 zum Speisesaal zum Beispiel – Luftlinie 30 Meter – geht man fünf Mal rechts und sieben Mal links, steigt vier Treppen hinab und schreitet durch sechs Türen.

Beim Mittagessen im großen Gästespeisesaal klirrt Besteck auf Porzellantellern. Lachende Kinder, lärmende Jugendliche. Schulklassen sind zur Besichtigung des berühmten Klosters auf den Berg gekommen. An den anderen Tischen: eine Gruppe junger, langbärtiger Kapuziner aus Indiana. Pilger, meist ältere Paare, die auf dem Franziskusweg wandern, der kurz vor La Verna beginnt. Postpubertäre Jungs in blauen Uniformen, Rekruten der Associazione SS. Pietro e Paolo, Nachfolger der päpstlichen Garde aus dem Vatikan. Und die üblichen Tagestouristen: An diesem verregneten Freitag Anfang April kann man sie noch zählen; an Sommerwochenenden überfallen sie den heiligen Berg in Schwärmen. Dutzende Reisebusse quälen sich dann die engen Serpentinen hoch, Jahr für Jahr kommt eine halbe Million Menschen nach La Verna.

Höhepunkt eines Besuchs ist die Prozession von der Basilika zur Kapelle der Wundmale, jeden Nachmittag um drei. Nur wenigen Zuschauern gelingt es, die Kapelle zu betreten, die anderen drängeln sich an der Tür, um auf Zehenspitzen einen Blick auf die betenden Brüder zu werfen. Später, auf dem Rückweg zur Basilika, schließen sich die Besucher dem Tross an und beantworten den Gesang der Brüder im Chor: "Miserere nobis" , Gnade mit uns, "ora pro nobis", bitte für uns.