Man darf das getrost ignorieren. Das Großartige und Bewegende an Hassans Band ist, dass er sich solcher Instrumentalisierung entzieht. Wer einmal anfängt, wird ihn in einem Zug durchlesen und schnell bemerken, dass es ein Missbrauch ist, Stellen oder einzelne Gedichte als Belege herauszuschneiden. Dieses Buch hat Züge eines lyrischen Bildungsromans, es liest sich wie die Geschichte einer Ichwerdung im Medium der Dichtung. Es spielt in Sozialwohnungen, in libanesischen Flüchtlingslagern, im Jugendheim, in den aufgeknackten Wohnungen, die Hassan und seine Kumpel ausräumen, in den Moscheen von Aarhus während des Ramadans – und doch immer im Kopf dieses außergewöhnlichen Mannes. Kaum eines der stets in Kapitälchen geschriebenen Gedichte kommt ohne ein "ich" aus. Sie sind für die Deklamation geschrieben. Hassan ist – man kann sich auf YouTube davon überzeugen – ein großartiger Vorleser der eigenen Dichtung: Die langen Haare zum Zopf gebändigt, singt er seine Gedichte rhythmisch wie ein ungläubiger Muezzin seiner eigenen Prophetie.

Das werdende lyrische Ich dieses Gedichtbandes schiebt die bedrängende Welt der Familie weg, um sich Freiraum zu verschaffen – den unzugänglichen Vater; die ohnmächtige Mutter; die Religion, die im Bunde ist mit der Gewalt und dem Hass. "Ich" sagen zu lernen – gegen die Herkunftswelt, aber auch gegen die dänische Welt des verweigerten Ankommens –, das ist das innere Drama dieses Buchs.

Man hat Hassan als zornigen jungen Mann eingeordnet. Doch das führt auf ein falsches Gleis. Es geht hier eigentlich nicht um Wut, sondern vielmehr um Freiheit. Und die dichterische Sprache ist das Mittel, sie zu gewinnen. Im Stubenarrest und im Jugendknast hat Hassan die Bücher als Freiheitsräume für sich entdeckt. Er hat sich zuerst als Rapper versucht, fand aber die Macho-Posen und das ritualisierte Angebergebaren bald albern. Die Glorifizierung der kriminellen Karriere erschien ihm lächerlich. Dafür sind Verbrechen und Strafe zu sehr Teil seines jungen Lebens gewesen. In zahlreichen seiner Gedichte ist zwar auch von Einbrüchen, vom Dealen, von Hehlern und Junkies die Rede. Aber das ihm nur allzu bekannte Milieu wird ebenso schonungslos in seiner Erbärmlichkeit dargestellt wie die verlogenen Imame, die ins Bordell gehen, oder der fromme Vater, der seinen Frust an den Kindern auslässt.

Dieses lyrische Ich, die Warnung ist angebracht, ist nicht immer sympathisch: In einem sehr verstörenden Gedicht erzählt Hassan, wie er ein Mädchen, das sich seinen Avancen verweigert, ausraubt und zusammenschlägt. Dann wieder gibt es auch sehr anrührende Momente der Zartheit: Der bettnässende Bruder wird beschützt, indem sein stinkendes Bettzeug entsorgt wird, bevor der Vater etwas merkt. Die Familie sammelt das wenige Geld, das sie hat, um einem Onkel im Libanon eine Operation zu ermöglichen. Beim Besuch der Verwandten im Libanon entstehen Bilder eines Ferienglücks im Flüchtlingslager, unter Beobachtung schwirrender israelischer Drohnen. Dann gibt es sogar die Andeutung einer Liebesgeschichte mit einer Lehrerin, die ihm Gedichte und Philosophie nahebringt:

"Das Buch das wir zusammen schrieben / War nicht geeignet zum Vortrag / Zuerst wurde sie gefeuert dann wurde sie geschieden" .

Während Hassan oft genug grob über Sex und Begehren schreibt und vielleicht ein wenig mehr als nötig von Schwanz und Pisse und Fotze redet, bleibt die Liebe zu der älteren Frau, die die Liebe zur Literatur in ihm weckte, hinter einem Schleier der Andeutung geschützt.

Man kann nur hoffen, dass Hassan eines Tages aus der fürsorglichen Umarmung des dänischen Staates, der ihm die Sicherheitsbeamten und die versteckten Wohnungen stellt, entlassen wird. Es wäre eine allzu bittere Ironie, wenn ihn die erstaunliche innere Freiheit, die er sich mit seinen Gedichten erschrieben hat, in eine erneute äußere Unfreiheit führen würde. Wer diese Gedichte liest, wird – bei all ihrer Härte – etwas Tröstliches in ihnen finden: Es ist möglich, seine eigene Stimme zu finden.