Yasmina Khadra ist der erfolgreichste Schriftsteller Algeriens. Bevor er vor 14 Jahren nach Frankreich auswanderte, war er Soldat. Im Bürgerkrieg, der die gesamten neunziger Jahre andauerte und nach seiner Schätzung 200 000 Menschen das Leben gekostet hat, leitete er die Antiterroreinheiten in der Provinz Oran. In dieser Stadt, in der Albert Camus seinen Mythos von Sisyphos schrieb und in der auch heute noch das intellektuelle Herz des Landes schlägt, hat Khadra mit eigenen Augen die Massaker der Islamisten gesehen. Er hat miterlebt, wie ein Mitschüler der Kadettenschule, auf die Khadra von seinem strengen Vater schon mit neun Jahren geschickt worden war, die Seiten wechselte und zum meistgesuchten Terroristen des Landes wurde. Zweimal stellte der Mitschüler ihm einen Hinterhalt, um ihn zu töten. Khadra hat über seine jungen Jahre eine Autobiografie geschrieben, die nun endlich auch auf Deutsch erschienen ist (Der Schreiber von Koléa . Roman meines Lebens. Osburg, Hamburg).

Irgendwann waren die Islamisten militärisch besiegt, und es kam ein Präsident an die Macht, der sich am 17. April nun bereits zum vierten Mal infolge wählen lassen will. Das Erbe des Bürgerkriegs hat, je nach Sichtweise, seine Vor- und Nachteile. In Algerien herrschte nach dem Krieg ein relativ stabiler Frieden. Und die Ruhe hielt auch an, als in der Nachbarschaft plötzlich der Arabische Frühling ausbrach und ebenso schnell wieder verblühte. Von einer Demokratie nach westlichem Geschmack kann in Algerien aber nicht die Rede sein.

Es fragt sich zum Beispiel, wer das Land tatsächlich regiert. Der 77-jährige Präsident Abdelaziz Bouteflika kann es jedenfalls, schon aus gesundheitlichen Gründen, wohl kaum noch. Der Schlaganfall im letzten Jahr, die monatelangen Aufenthalte in einer Pariser Klinik, sein schon zwei Jahre währender Rückzug aus der Öffentlichkeit: Es hieß bereits, der Präsident sei tot. Seine Anhänger behaupten indessen, dass der alte und – falls die bislang eher zaghaften Protestbewegungen nicht doch Wirkung zeigen sollten – wohl auch künftige Präsident das Land dann eben mit dem Kopf und nicht mit dem Körper regieren werde.

Paris, 15. Arrondissement, wenige Tage vor der Wahl: Der Tristesse, in die sich das algerische Kulturinstitut schon architektonisch hüllt, kann auch die strahlende Sonne dieses Frühlingsmorgens kaum etwas anhaben. Während es in den Straßencafés um die Rue de la Convention munter zugeht, erlauben die verspiegelten und mit minarettförmigen Ornamenten geschmückten Fenster des vergilbten Betonklotzes keinen Blick nach innen.

Hier treffen wir Yasmina Khadra, der seit sechs Jahren Direktor des Instituts ist. Zu Hause kennt man ihn durch seine Bücher, aber seitdem er im vergangenen November für die Präsidentschaft kandidiert hat, auch als Politiker. Sein Name ist ein Pseudonym, das er sich Ende der neunziger Jahre aus Vorsicht zulegte; er setzt sich aus den beiden Vornamen seiner Frau zusammen. So kandidierte er auch. "Yasmina Khadra" ist in Algerien längst eine Marke.

Mit dem pflegeleichten Kurzhaarschnitt, der unauffälligen ovalen Metallbrille und dem in die Anzughose gesteckten Oberhemd könnte der Schriftsteller irgendein Technokrat sein. Sein Büro ist mit dem Wesentlichen ausgestattet, im Regal vor allem die eigenen Bücher, auf dem Schreibtisch ein Päckchen Marlboro. Khadra lässt Kaffee servieren und erwartet mit gespannter Aufmerksamkeit die Journalistenfragen. Er will, so kurz vor der Wahl, lieber über Politik reden als über Literatur. Es scheint, als habe er noch etwas zu verkünden.

"Ihr Europäer habt ein schwaches Gedächtnis!", schimpft er sogleich. "Der Arabische Frühling hat vor 25 Jahren begonnen – bei uns in Algerien." Da seien, auf demokratischem Wege, die Islamisten hochgekommen, die ihre Macht aber sofort missbraucht und das Land in den Krieg gestürzt hätten.