DIE ZEIT: Was hat sich für Sie verändert, Herr Pötzsch?

Torsten Pötzsch: Ich hoffe sehr, dass ich mich selbst nicht so sehr verändert habe. Womöglich nicht ich selbst zu bleiben, das war in den vergangenen Jahren meine größte Angst. Im Jahr 2010 bin ich Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Weißwasser in der Oberlausitz geworden. Damals habe ich Freunden gesagt: Gebt mir Bescheid, wenn ihr merkt, dass ich nicht mehr der Alte bin!

ZEIT: Was wollen Sie auf keinen Fall werden?

Pötzsch: Der klischeehafte Politiker, der Machtfanatiker. Deshalb bin ich ja überhaupt erst zur Wahl angetreten. Als Gegenmodell. Ich gehöre keiner Partei an, sondern einer Wählervereinigung, die ich selbst mit einigen Freunden gegründet habe: "Klartext". Ich will mich nicht in Zwänge hineinbegeben. Das geht schon bei der Frisur los. Ich habe meine langen Haare nicht kurzrasiert, obwohl sich viele Bürger im Wahlkampf am meisten an meinen Locken störten. Ich spiele auch weiterhin im Freibad barfuß Beachvolleyball und lege ab und zu als DJ auf.

ZEIT: Parteilose findet man in der Kommunalpolitik häufig. Wieso sind Sie Politiker geworden?

Pötzsch: Weil ich die Politik in meiner Stadt verändern wollte. Man hört ja inzwischen ständig die Beschwerde, dass die Menschen so politikverdrossen seien. Das sind sie aber gar nicht. Die Leute interessieren sich sehr wohl für Kommunalpolitik, es gibt hier lediglich eine Parteienverdrossenheit. Sie können das zurzeit wieder gut beobachten. Im Mai stehen Kommunalwahlen an, und viele Parteien haben Schwierigkeiten, überhaupt ihre Wahllisten vollzubekommen. Sie finden nicht genügend Leute, die sich engagieren wollen. Wir hingegen haben weniger Probleme – für unsere Wählervereinigung treten 20 Kandidaten an.

ZEIT: Was werfen Sie den Parteien vor?

Pötzsch: Dass sie sich zuvorderst für sich selbst interessieren.

ZEIT: Es ist doch ehrenhaft, wenn jemand sich entschließt, der CDU oder SPD beizutreten, um sich für seine Heimat zu engagieren!

Pötzsch: Da haben Sie recht. Nur leider gibt es auch viele, deren Motive so ehrenhaft nicht sind. Manche Kommunalpolitiker verdanken ihren Aufstieg allein dem Parteibuch oder Parteifreunden. Dabei müssen wir beweisen, dass es uns um die Gemeinde und ihre Bewohner geht. Gerade in Ostdeutschland, wo wir erst seit 25 Jahren in einer Demokratie leben. Da muss man sich Glaubwürdigkeit erarbeiten. Ich habe, nachdem ich Oberbürgermeister wurde, mal von einem Parteimitglied gehört: "Wenn wir in Weißwasser nicht den Oberbürgermeister stellen, dann müssen wir zusehen, dass hier nichts Positives passiert." Das macht mich sprachlos.

ZEIT: Sind das nicht Ausnahmefälle?

Pötzsch: Ich wünschte es. Aber ich kann Ihnen noch ein anderes Beispiel nennen. Bei mir hat sich einmal die Jugendorganisation einer Partei gemeldet. Deren Mitglieder haben die Tradition, einmal im Jahr eine Aufräum-Aktion auf Spielplätzen zu starten. Die wollten sie nun in Weißwasser machen, gemeinsam mit mir. Ich war begeistert, als ich davon hörte. Wir vereinbarten einen Termin, den aber sagten sie kurzfristig ab.

ZEIT: Warum?

Pötzsch: Sie hatten aus ihrer Partei offenbar die Ansage bekommen, nicht ausgerechnet einen parteilosen Bürgermeister zu unterstützen. Wer solche Geschichten kennt, muss sich nicht darüber wundern, dass die Menschen von den Parteien enttäuscht sind.

ZEIT: Was macht nun Ihre Wählervereinigung anders, wofür stehen Sie?

Pötzsch: Es ist ganz einfach – wir lieben unsere Heimat und engagieren uns hier, zum Beispiel in den Vereinen. Der eine ist Vorsitzender des Fußballvereins, der nächste ist im Eishockeyclub aktiv, ein anderer organisiert das Stadtfest.

ZEIT: Was allerdings auch bedeuten könnte: Sie setzen sich möglicherweise vor allem für Ihre eigenen Interessen ein.

Pötzsch: Das wird uns manchmal noch immer vorgehalten. Die Leute haben getuschelt: "Wenn der Kunstrasenplatz gebaut und das neue Eishockeystadion errichtet ist, dann ziehen die sich wieder aus der Politik zurück." Nur ist das eben nicht passiert. Wir machen weiter. Und damit sind wir in Weißwasser nicht allein. In vielen Orten setzen sich inzwischen Bürgermeister durch, die einer Wählervereinigung angehören.

ZEIT: Warum heißt Ihre Wählervereinigung eigentlich "Klartext"?

Pötzsch: Ach, wir haben uns vor zehn Jahren so genannt, weil wir eben für Ehrlichkeit stehen, offen reden und zupacken wollen.

ZEIT: Können Sie immer Klartext reden?

Pötzsch: Ich musste lernen, mich diplomatisch auszudrücken. Als es zuletzt Ärger mit unserem Trinkwasser-Versorger gab, hätten viele im Ort am liebsten gleich öffentlich auf das Unternehmen draufgehauen. Ich wollte erst mit den Verantwortlichen sprechen. Manche andere Themen betrachten die Leute wiederum zu romantisch. Weißwasser ist seit dem Mauerfall immer nur geschrumpft, von 37.000 Einwohnern auf 17.400. Nun kommen einige Abwanderer zurück, und viele hoffen, dass die Stadt bald wächst. Das werden wir wohl nicht schaffen, es heißt aber auch, dass es auf die, die hier leben, in Zukunft noch mehr ankommt.