Beim Blick auf die Bestsellerlisten kräuseln ja viele gern ihr vornehmes Näschen. Was für ein trivialer Mist, was für übler Schund schafft es doch immer wieder auf die oberen Ränge! Warum bloß macht sich dort ständig der schlimme Sarrazin breit?! So lautet die Standardfrage unter Leuten mit Abitur, gerade wenn es um Sachbücher geht. Überhaupt trifft man ja häufig auf die von Neid nicht gänzlich freie Überzeugung, dass für Massenerfolg nur ein beherztes Unterschreiten jeglichen Niveaus nötig sei. Vor den dann üblicherweise folgenden kulturkritischen Verfallsgeschichten schützt allerdings der genaue Blick. Denn in den ach so kritischen, aufgeklärten, theoriehungrigen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beispielsweise beherrschte in der Bundesrepublik ein gewisser Erich von Däniken die Bestsellerlisten, mit jedem seiner vielen Bücher; meistens wies er nach, dass einst Außerirdische auf der Erde gelandet waren und die Menschheit beeinflusst hatten.

Insofern überrascht heute die Bestsellerliste viel stärker durch den enormen Erfolg, den dort momentan anspruchsvolle, dicke, wahrlich nicht billige Sachbücher ganz ohne gigantische PR-Maschinerie haben. Zumal historische Stoffe finden zahlreiche Käufer und wahrscheinlich nicht ganz so viele Leser. Sensationell war in den vergangenen Monaten der Erfolg des in Cambridge lehrenden Historikers Christopher Clark: Unvorstellbare 200.000 Exemplare seiner detailversessenen Studie Die Schlafwandler über die diplomatische Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs gingen über den Ladentisch; wochenlang hielt sich sein immerhin 40 Euro teurer Wälzer auf Platz eins der Bestsellerliste. Auch Herfried Münklers Geschichte des Ersten Weltkriegs Der Große Krieg liegt momentan bei 50.000 verkauften Exemplaren.

Vor zwei Jahren hatte sich ein hierzulande bis dahin völlig unbekannter 63-jähriger amerikanisch-polnischer Historiker wochenlang auf der Liste getummelt: Bis heute verkauften sich von Adam Zamoyskis 30 Euro teurem Buch 1812 über Napoleons Feldzug in Russland 80.000 Stück. Und Johannes Frieds ebenfalls 30 Euro teure Biografie Karls des Großen liegt momentan bei 40.000 verkauften Exemplaren.

Den größten Überraschungserfolg unter kulturhistorischen Sachbüchern freilich landete zuletzt Florian Illies mit 1913: Das Buch wurde bisher 460.000-mal verkauft, es gibt anstehende oder bereits fertige Übersetzungen in 17 Sprachen, von November 2012 bis heute stand es ununterbrochen auf der Sachbuchbestsellerliste, davon 18 Wochen auf Platz eins.

Mögen sich die Ursachen für die erstaunlichen Verkaufszahlen dieser Sachbücher im Einzelnen unterscheiden: Allen gemeinsam ist ein hervorragender Stil. Und allesamt funktionieren sie bestens via Empfehlung und als Präsent: Ihr positives Licht fällt auf den Beschenkten wie den Schenkenden. Sie verkörpern als Statussymbole des Restbürgertums dessen bleibende Werte in einem sich ansonsten atemlos wandelnden Buchmarkt. Und man darf sie ruhig als Hoffnungszeichen empfinden: Denn all diese Bücher beweisen, dass sich Qualität massenhaft durchsetzen kann – es bedarf keiner außerirdischen Hilfe.