Sie betraten die Rue Caumartin, als plötzlich hinter ihnen ein Geräusch hörbar wurde wie das Krachen eines ungeheuren Stückes Seide, das zerfetzt wird. Es war die Schießerei am Boulevard des Capucines." So beschreibt Gustave Flaubert den Abend des 23. Februar 1848 in Paris, den Auftakt einer Revolution, die ganz Europa erfassen sollte. Zeitgleich mit dem Schriftsteller ist auch ein berühmter Komponist unterwegs in der Metropole: Er hat morgens "mit ziemlich gutem Erfolg an der Predigt im 1. Akt gearbeitet" und "den übrigen Teil des Tages auf der Straße zugebracht, den Gang der Unruhen zu beobachten".

Was dann untergeht, zerfetzt wie ein Stück Seide, ist das Regime des Louis-Philippe, den die Bürger im Juli 1830 selbst an die Macht gebracht haben. Der "Bürgerkönig" hat das Land modernisiert und dem Kapitalismus zum Durchbruch verholfen, wovon auch viele Künstler profitierten. Giacomo Meyerbeer, größter Opernmacher der Epoche, erwarb nach 1830 wesentliche Teile seines Vermögens, das am Ende viereinhalb Millionen Franc umfasste – gut dreißig Millionen Euro.

In jenem Februar 1848 nun nimmt seine Revolutionsoper Le prophète letzte Gestalt an. Mit katastrophalem Ende, Massenaufstand, brennendem Palast und einem Helden, der scheitert. Zwar liegt die Handlung 300 Jahre zurück, und es sind nicht französische Demokraten, die da kämpfen, sondern holländische Wiedertäufer. Doch einmal mehr trifft Meyerbeer den Nerv der Zeit. Der Prophet wird 1849 ein rasender Erfolg, tausendfach gespielt wie auch Die Hugenotten von 1836 und Robert der Teufel von 1831. Goethe träumt von einer Faust-Oper aus Meyerbeers Feder, und den jungen Kritiker Eduard Hanslick beeindruckt er mehr als Mozart.

Heute dagegen, 150 Jahre nach seinem Tod am 2. Mai 1864, trägt jede der wenigen Produktionen seiner Werke und jedes Buch über ihn den tristen Stempel "Zu Unrecht vergessen". Dass seine Opern über Jahrzehnte abgetan wurden – auch aus antisemitischen Gründen –, hat viele Rehabilitationsversuche motiviert. Zumindest das Mitleid der Nachgeborenen aber hat Meyerbeer nicht nötig. Selbst posthum hat er exakt das erreicht, was er wollte: dass "die fünf französischen Opern, die ich komponiert habe, auf dem Repertoire aller Theater der Welt und ein halbes Jahrhundert hindurch nach meinem Tode" erhalten bleiben sollten. Er war bahnbrechend, und er spiegelt seine Zeit so vollendet, dass wir auch unsere schon in ihr beginnen sehen.

Am 5. September 1791 kommt Jacob Liebmann Meyer Beer zur Welt, auf einer preußischen Poststation zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder, drei Monate vor Mozarts Tod und zwei Jahre bevor Ludwig XVI. der Kopf abgeschlagen wird. Als Meyerbeer mit 72 Jahren stirbt, umspannen 40.000 Kilometer Eisenbahnschienen den Planeten, und Frankreich hat seine Zweite Republik, die 1848 begann, schon wieder hinter sich. Es ist eine Epoche beschleunigter Umwälzungen, technisch, industriell, politisch. Und mittendrin steht der aufwendigste Seismograf, den Europa zu bieten hat: die Pariser Opéra.

Dass er sie geradezu personifizieren wird, ist keineswegs früh abzusehen. Meyer, wie ihn seine Mutter am liebsten nennt, ist, wie nach ihm Felix Mendelssohn, ein Kind jener bildungsorientierten jüdischen Familien Berlins, die mit Geist und Kultur um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Der Sohn eines Zuckerfabrikanten und einer Bankierstochter bekommt Privatunterricht. Mit neun Jahren tritt er öffentlich als Pianist auf. Ein Rezensent lobt den "Judenknaben". Doch ein Wunderkind ist Meyer nicht, der Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter ist qualvoll. Erst der Wechsel zu einem Kapellmeister der Berliner Oper bringt den Jungen in die Spur. Mit 19 Jahren will er es dann wirklich wissen: Er lernt nun in Darmstadt Komposition beim Abbé Vogler, einem etwas verschrobenen Guru.

Bald nabelt er sich ab, freilich wohlversehen mit elterlichem Geld, und geht 1813 auf Reisen. Auf dem Weg nach Wien verführt er drei Frauen und gerät in die Nähe der Weltgeschichte: Napoleon, der durch seinen Code Civil für die deutschen Juden eher Befreier als Feind war, ist besiegt. In der österreichischen Hauptstadt feiert man die Niederlage des Franzosen mit einer Aufführung von Beethovens Wellingtons Sieg, vom tauben Titanen selbst dirigiert. Klaviervirtuose Johann Nepomuk Hummel schlägt die eine große Trommel, an die andere stellt man Meyerbeer, wie er sich inzwischen nennt. Doch der 22-Jährige verpatzt seinen Einsatz und wird krank vor Scham. Unter dröhnendem Gelächter erzählt Beethoven später, er habe ihn "tüchtig heruntermachen" müssen. "Es ist nichts mit ihm; er hat keinen Muth, darein zu schlagen."

Paris ist ein Kessel, der für alles Neue wie ein Katalysator wirkt

Tatsächlich ist Meyerbeer kein lauter Kerl. Er ist extrem selbstkritisch, leicht zu verunsichern, "ein ängstliches Genie", wie Heinrich Heine schreiben wird – zugleich aber geschliffen im Umgang, Deutsch, Französisch und Italienisch geschmeidig beherrschend, und weitaus hartnäckiger und strategischer, als man ihm zutraut. Was er zwischen 1817 und 1824 in Italien auf die Beine stellt, wirkt, als folge er einem Masterplan.

Für seine erste italienische Oper, Romilda, bezahlt er einen Starlibrettisten und subventioniert die Uraufführung am progressiven Opernhaus von Padua. Das Sujet, so erklärt es das Autorenpaar Döhring in seiner neuen Meyerbeer-Biografie, entspricht jenen Geschichten von Befreiung und Sieg der Gerechtigkeit, wie sie seit dem Sturm auf die Bastille in ganz Europa beliebt sind. Das Werk, das dramatische Szenen mit vokalen Höchstleistungen verbindet, hat Erfolg. Als man es in Venedig unzulänglich nachspielt, verweigert der 26-Jährige seine Anwesenheit. Schon jetzt ist er der Perfektionist, der später eher eine Konventionalstrafe zahlt, als auf die Idealbesetzung einer Rolle zu verzichten.