Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Am Donnerstag ist wieder 1. Mai. Einer dieser Tage, zu denen Menschen auf die Straße gehen, die Gewalt ausüben wollen. Meint jedenfalls Michael Neumann: "Menschen, die Gewalt ausüben wollten, haben die Diskussionen über die Esso-Häuser, über Migranten aus Westafrika und die Rote Flora missbraucht", erklärte der Innensenator nach dem letzten Großkampftag am 21. Dezember, der im Scharmützel zwischen Polizei und Autonomen endete.

Damals wunderte sich die ganze Republik über die Proteste gegen die Räumung der Esso-Häuser, die Demonstrationen für die Rote Flora und die Lampedusa-Flüchtlinge. Nur im Rathaus war man sicher: Alle auswärtigen Medien, die den Unmut auf Missstände zurückführten, hatten nicht recherchiert. Die Stadt habe "eigentlich kein konkretes politisches Problem", verkündete der Innensenator.

Will heißen: Sie können jetzt aufhören, zu lesen. Die folgenden Absätze behandeln nur Sachverhalte, die der Senat im Griff hat. Bitte entfernen Sie sich zügig aus diesem Text, andernfalls richten wir ein Gefahrengebiet ein! Nehmen Sie keine Klobürste mit, und gehen Sie nicht über St. Pauli!

Im Ernst: Mit dem 1. Mai naht die Frage, wie es um die Probleme steht, die im Dezember den Protest provoziert haben. Zumal in Sachen Lampedusa-Flüchtlinge ein Stichtag ansteht, der für Unruhe sorgen dürfte.

Der Abriss der Esso-Häuser? Ach, das ist bloß Phantomschmerz. Dass der Kiez eines der letzten Biotope verliert? Dass von den Omis, Transen und Freaks, die den Stadtteil so besonders machen, wohl keiner in die Neubau-Welt des Immobiliengiganten Bayerische Hausbau einziehen wird? Kein Grund, auf die Straße zu gehen. "Hamburgs neue Wohnungsbau- und Mietenpolitik ist beispielhaft für die ganze Bundesrepublik", vermeldet die SPD-Fraktion.

Und die Flora? Eigentümer Klausmartin Kretschmer und sein mysteriöser Berater Gert Baer wollen – gut getimt kurz vor dem 1. Mai – eine Begehung polizeilich durchsetzen. Doch auch hier marschieren die Behörden mit sturem Optimismus voran. Kretschmer sei nur noch "formal" Eigentümer, heißt es aus dem Rathaus. De facto gehöre die Flora wieder der Stadt. Und wer wollte daran zweifeln, dass Hamburgs Justiz dem Klassenfeind die Problemimmobilie wieder entreißen wird?

Erfolge, so weit das Auge reicht. Auch das Sommermärchen mit den Lampedusa-Flüchtlingen, die so pittoresk im St.-Pauli-Kirchenschiff lagerten, hat der Senat beherzt ausgesessen. Die Innenbehörde vermeldete im Januar, die Asylsuchenden seien entweder "versorgt" oder aus Hamburg verschwunden.

Na also! Zeit für Sonntagsreden. Bürgermeister Scholz verkündete im Thalia Theater: "Europa und Deutschland müssten bei bedingungslos offenen Grenzen die Existenz informeller Siedlungen in und vor den Städten akzeptieren, wie sie an vielen Orten der Welt verbreitet sind." Glückliches Hamburg: Die Slums sind noch immer da, wo sie hingehören. Danke, Olaf.