Warum sollte man ein Buch über einen Chor lesen, dessen Namen man noch nie gehört hat und der nur aus alten Leuten besteht, die zudem nicht besonders gut singen können? Sechzig ist das Mindestalter bei High Fossility in Berlin-Neukölln, und die Autorin des gleichnamigen Buches, die freie Journalistin Nadja Klinger, erzählt die Entstehung des Ensembles, die Mühen der Proben, die ersten Auftritte und die nervenaufreibenden Versuche, im Studio eine Platte aufzunehmen. Sie singen Lieder, die jeder kennt und deshalb auch wiedererkennt, wenn die Stimmen zittern. We Will Rock You, With A Little Help From My Friends, Get Up Stand Up, Stand By Me, Don’t Let Me Be Misunderstood, You Can’t Always Get What You Want.

Das alles könnte ziemlich uninteressant sein, ist es aber nicht. Denn das Buch handelt nur auch von Musik; in der Tiefe geht es um ein rätselhaftes, teilweise schwer erträgliches Phänomen, das die Senioren quält und früher oder später alle befällt, auch die Autorin, die noch keine 50 ist: "Ich kenne mich länger, als ich wohl noch Zeit mit mir verbringen werde", schreibt sie im Vorwort. "Habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wer ich eigentlich bin, nur nach Wegen gesucht, und die Begabung, sie zu gehen, nahm zu. Wir werden älter, aber nicht alt."

Klingers Ton ist lakonisch, ihr Text eine Reportage über ein Jahr hinweg, scharf beobachtet, nahezu frei von jenem Pathos, das in der Branche mit Kitschpreisen bedacht wird. Ihr waches Ohr leiht sie Ute, Mona, Elke, Martin, Marianne, Bernd, Ursula oder Birgit, den Chormitgliedern, die sie, wie auch Michael, den jungen Leiter, nur beim Vornamen nennt. Eine gut überlegte Form von Halbanonymität, die signalisiert: Sowenig es hier um Musik geht, so wenig geht es um genau diese Leute. Es geht um jeden von uns.

"Bernhard hat die Zunge vom Gaumen gelöst und an den Zähnen entlangschlackern lassen, Geräusche über die Lippen geschoben und Luft ausgestoßen, sozusagen den Bauch entlüftet; nun ja, der ist immer noch rund. Hat die Arme geschüttelt, sich drehend, sich biegend, auf der Stelle hüpfend, bis das Blut im Kopf wie eine warme Brause geschäumt hat. Was er bei alldem wohl für eine Figur macht? Die Antwort kann er sehen: Ringsum wackeln Hintern, Beine knicken weg, Gelenke knarzen. Er vernimmt ein vielfaches Schnaufen. Er war noch nie irgendwo dabei, wo nur dabei sein darf, wer alt ist. Auch wenn sich hier alle aufbäumen, sie befinden sich im körperlichen Niedergang."

In dieser Klarheit geht es 240 Seiten lang. Ute, die schreien will wie Joe Cocker, wird immer dicker und bekommt kaum noch Luft. "Sie hat sich von Süßem verabschiedet, vom Abendbrot, an manchen Tagen kaut sie nur rohes Gemüse." Vergeblich, "sie nimmt immer noch zu". Dann stirbt sie, und ihr Part bleibt frei.

Junge Leute haben kaum Geschichte. Singen sie in einem Chor, gehen sie auseinander, dann erst entfalten sich ihre Leben. Bei den Alten ist es andersherum: Ihre Zukunft liegt hinter ihnen. "Würdet ihr unsere CD kaufen?", fragt der Leiter seinen Chor. "Ne!", kommt die Antwort.

Je näher man dem Chor durch dieses bemerkenswerte Buch kommt, desto stärker wird der Wunsch, ihn zu hören. Das Internet bietet die Gelegenheit dazu. Es ist eine ernüchternde Erfahrung.