ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Maaz: Merkel verkörpert wenig gute Mütterlichkeit, damit ist das eigene mangelhafte Mutterbild geschützt.

ZEIT: Was heißt denn gut mütterlich?

Maaz: Man erlebt gute Mütterlichkeit, wenn man sich verstanden, angenommen, bestätigt und in seiner Not gesehen fühlt. Kurzum: wenn man wirklich geliebt wird. Aber die meisten von uns müssen stattdessen nur die Erwartungen und Bedürfnisse der Mutter erfüllen. Wir würden also eine Frau an der Spitze gar nicht aushalten, die diese guten mütterlichen Eigenschaften hätte, weil uns das unseren eigenen Mangel schmerzhaft bewusst machen würde. Also haben wir eine "Ersatzmutter" gewählt, die garantiert, dass wir nicht an unseren Muttermangel erinnert werden.

ZEIT: Und warum ist Merkels Spitzname dann ausgerechnet "Mutti"?

Maaz: Das ist doch Ironie, albern, eine versteckte Abwertung. Weil Merkel so unmütterlich ist, eignet sie sich für die etwas lächerliche Projektion.

ZEIT: Narzisstisch wirkt Merkel auf uns jedenfalls nicht, im Gegenteil. Sie gilt als bescheiden und unprätentiös. Wie passt das zu Ihrer Annahme, man müsse schwer narzisstisch gestört sein, um in der Politik Karriere zu machen?

Maaz: Merkel hat eine typische Ost-Sozialisation. Das äußere Bild, Kleidung und das Auftreten waren nicht so wichtig. Es galt, sich anzupassen, abzuwarten, vorsichtig zu sein. Das hat Merkel erfolgreich gelernt. Aber ein umfassendes Urteil über ihre Psyche kann ich natürlich nicht fällen, ich kenne sie ja nicht persönlich. Ich weiß nur, dass ich keinen Tag Bundeskanzler sein könnte, ich würde vergehen an Ängsten und Sorgen, was ich alles nicht verstehen und falsch machen könnte. Man muss sich da ganz schön einengen, um überhaupt handeln zu können. Die Gefahr ist groß, dass man sich selbst verkennt, dass man wirklich glaubt, es gäbe keine bessere Entscheidung. Denken Sie an das von Merkel geprägte Wort "alternativlos". Was für ein dummes Wort! Es ist nie irgendetwas alternativlos. Es gibt immer Alternativen, so ist das Leben.

ZEIT: Machen Frauen anders Politik als Männer?

Maaz: Wäre schön.

ZEIT: Ist aber nicht so?

Maaz: In meinen Augen ist es keine gute mütterliche Politik, etwa die Nato einfach weiter nach Osten verlegen zu wollen, wie es unsere Verteidigungsministerin vorschlägt. Eine gute mütterliche Politik wäre bestrebt, nicht anzuheizen, nicht das Macho-Gehabe zu verstärken, sondern zu sagen: Leute, wir müssen reden, wir müssen meinetwegen auch die Interessen der Russen verstehen und sie nicht einfach nur beschimpfen. Erst wenn man die Motive des Gegenübers versteht, könnte man, glaube ich, auch eine bessere Politik machen.

ZEIT: Und das gilt auch im Umgang mit Wladimir Putin?

Maaz: Als Therapeut weiß ich, wie schwierig es ist, einen Narzissten zu behandeln. Herr Putin will natürlich auch geliebt sein, und er wird zu spüren bekommen, dass das Geliebtwerden durch Stärke, durch machohaftes Gehabe seine Grenzen hat. In der Tiefe wird auch er andere Wünsche haben. Und wenn eine Politikerin mit therapeutischen Kompetenzen mit ihm darüber ins Gespräch käme und so viel Vertrauen entstünde, dass er auch mal seine Ängste, seine Nöte offenbaren könnte, dann wäre das Spiel gewonnen.

ZEIT: Bei einem der Treffen mit Merkel hat Putin lieber seinen Hund ins Zimmer gelassen – wohlwissend, dass Merkel Angst vor Hunden hat.

Maaz: Ja, das war tiefste Psychologie. Aber auch ein Symptom seiner Angst. Putin musste den Hund einführen, weil der für ihn die eigene Angst bändigen und Merkel einschüchtern sollte. Das war sehr geschickt, aber psychologisch gesehen auch ein Zeichen seiner Unsicherheit.

ZEIT: Was würde passieren, wenn Politiker öffentlich zu ihrer Unsicherheit stehen würden? Wenn sie sagen würden: Für dieses oder jenes Problem habe ich jetzt auch keine Lösung?

Maaz: Das hätte eine große Verunsicherung zur Folge und großes Geschrei. Im bisherigen System bedienen sich Politiker und Wähler ja wechselseitig: Die Politiker tun so, als hätten sie alles im Griff, und ein Großteil der Bevölkerung braucht eine scheinbar starke Führung. Wenn die wegfiele, gäbe es tatsächlich eine große gesellschaftliche Krise. Aber als Arzt weiß ich, dass ohne Krise keine wirkliche Veränderung stattfindet.

ZEIT: Kürzlich gab es ja eine politische Kraft, die mal einen anderen Weg versucht hat, die Piraten. Die haben gesagt: Wir haben nicht für jedes Problem eine Lösung, wir wissen es auch nicht besser. Am Anfang haben sie davon profitiert, letztlich sind sie doch gescheitert. Warum?

Maaz: Weil das nicht sehr viele Menschen aushalten. Die wollen geführt werden. Wie sind die Grünen angetreten mit ihrer Basisdemokratie, und was ist aus ihnen geworden? Das ist eine Führungspartei wie alle anderen. Den meisten Wählern geht es nur darum, sich an etwas festbeißen zu können, statt selber Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu fällen.