Im vergangenen Jahr verzeichnete die Post ein operatives Ergebnis von 2,9 Milliarden Euro. Allein in der Briefsparte lag es bei 1,2 Milliarden Euro, nicht zuletzt deshalb, weil es Leute wie Matthias Jung gibt.

Muss ein Unternehmen wie die Deutsche Post, an dem die Bundesrepublik noch 21 Prozent hält, dafür die Verantwortung übernehmen? Die Post teilt auf Anfrage mit, dass sie sich das Recht vorbehalte, ein "Vertragsverhältnis zu beenden", wenn ihr "Verstöße bekannt" würden. Ob Dumpinglöhne dazu zählen und ob die Post ihre Subunternehmer hier kontrolliert, sagt das Unternehmen nicht.

112.052 Briefkästen stehen in Deutschland. In Wohngebieten muss es alle 1.000 Meter mindestens einen geben, und die Kästen müssen so regelmäßig geleert werden, dass 80 Prozent aller Briefe nur einen Werktag später ankommen. Das schreibt die Post-Universaldienstleistungsverordnung vor, die die Grundversorgung mit Post-Dienstleistungen sicherstellt. Was sie nicht regelt, ist, unter welchen Bedingungen die Fahrer arbeiten. Auch die Aufsicht schaut nicht hin. "Die Bundesnetzagentur überwacht die Fremdvergabe nicht", heißt es auf Anfrage. Es gebe in diesem Bereich "keine postrechtlichen Regelungen". Matthias Jung arbeitet in einem weitgehend unregulierten Bereich.

Das liegt auch daran, dass sich für Leute wie ihn kaum jemand interessiert. "Das Leeren von Briefkästen ist eine stille Tätigkeit", sagt Jan Jurczyk von ver.di. Im Gegensatz zu Briefträgern und Paketboten, die die Post nach Hause bringen, haben die Kastenleerer keinen Kontakt zum Kunden. Kaum tauchen sie irgendwo an einem Briefkasten auf, sind sie schon wieder verschwunden. Matthias Jung wird unbemerkt ausgebeutet.

Besuch bei Arbeitsrechtler Steffen Damm im Zentrum Berlins, roter Backsteinkomplex, direkt an der Spree gelegen. "Würde hat ihren Wert, Arbeit hat ihren Preis", steht in weißer Schrift am gläsernen Eingang. Darunter in Rot: "Gesetzlicher Mindestlohn". Damm ist Leiter der Rechtsabteilung von ver.di Berlin-Brandenburg. Der Jurist kennt alle Tricks, mit denen Arbeitgeber geltendes Recht zu umgehen versuchen. Beschäftigte können mit ihrem Arbeitsvertrag zu ihm kommen und sich von ihm beraten lassen. Heute hat Damm sich Zeit genommen, um sich den Vertrag von Matthias Jung einmal genau anzusehen. In seinem Büro blättert der Anwalt durch das Vertragswerk, gerade mal drei Seiten ist es lang, und stellt fest, dass viele Absätze haarscharf an der Grenze der Zulässigkeit vorbeischrammen. An einer Stelle ist eine Vertragsstrafe in Höhe von zwei Bruttogehältern geregelt, die Matthias Jung zu zahlen hätte, wenn er die "Arbeit rechtswidrig nicht aufnimmt" – also einfach nicht zur Arbeit erscheint. Die Klausel sei zwar zulässig, aber "eine Gemeinheit", wie Damm es nennt.

Paragraf 7 macht dann selbst den erfahrenen Juristen fassungslos: "Mit dem Grundgehalt sind 16 Überstunden pro Woche abgegolten", steht dort. Die 789 Euro im Monat beinhalten also fast 70 unbezahlte Arbeitsstunden. Jung bestätigt, dass er sie jede Woche voll leisten muss.

Der Arbeitgeber spart dadurch mehr als eine Drittelstelle ein. Drei Fahrer machen also die Arbeit von vier. "Solch eine Klausel ist bei dem vereinbarten Gehalt nichtig", sagt Damm. Doch Matthias Jung nützt das wenig. Denn in der Kette von Subunternehmern, die für die Post arbeiten, gibt es viele Kleinunternehmen; Betriebe, die weniger als zehn Mitarbeiter haben. Jung könne zwar juristisch gegen die vielen Überstunden vorgehen, so Damm. "Klar ist aber auch, dass er dann seinen Job verlieren dürfte." In so kleinen Unternehmen dürfe der Arbeitgeber eine Kündigung aussprechen, ohne sie begründen zu müssen. Es ist für die Post eine sehr einfache Art, die Verantwortung abzugeben.

Zum Dumpinglohn kommt eine Willkür des Chefs, die den Fahrer noch abhängiger macht. Damit Jung am Ende ein bisschen mehr Geld in der Tasche hat als ein Hartz-IV-Empfänger, hat sich sein Arbeitgeber einen Kniff einfallen lassen. Ver.di-Jurist Steffen Damm erkennt ihn in Jungs Lohnabrechnung. Mit dem Finger fährt er die erste Zeile in der Tabelle entlang: "Gehalt 789,00 Euro brutto", liest er vor. In den nächsten Zeilen reihen sich Beträge untereinander, die steuerfrei an Jung gezahlt werden: Erstattung der Telefonkosten, ein Ausgleich für ausgelegte Kosten – die es nicht gibt – und ein sehr hoher Verpflegungszuschuss, so hoch, wie er gesetzlich nur zulässig ist, wenn Jung den ganzen Monat außerhalb Berlins arbeiten würde – was er nicht tut. Diese Leistungen bekommt Jung nicht aus Großzügigkeit, sondern, so schlussfolgert Anwalt Damm: "Der Arbeitgeber will damit Sozialversicherungsbeiträge umgehen."

Alles addiert, kommt Jung letztlich auf ein Bruttogehalt von 1.400 Euro. Davon bleiben ihm knapp 1.200 Euro, wovon sein eigentlicher Nettolohn wiederum 600 Euro ausmacht.

Nicht nur für die Sozialkassen, auch für Jung hat das konkrete Auswirkungen: Wenn er in den Urlaub fährt oder krank ist, zahlt ihm seine Firma allenfalls das Gehalt, nicht aber die sonstigen Zuschüsse. Klar, wie soll ein Unternehmen Zuschüsse rechtfertigen für einen Mitarbeiter, der nicht da ist? Jung macht deswegen nur selten Urlaub. Er hat 24 Urlaubstage aus den vergangenen zwei Jahren angehäuft, einen ganzen Jahresurlaub. Urlaub zu machen bedeutet für ihn, noch weniger Geld zu haben. Aber nicht nur das: Jung und sein Arbeitgeber zahlen aufgrund des geringen Grundgehalts weniger in die Rentenkasse ein, als sie müssten. Die Folge kann Jung auf seinem Rentenbescheid nachlesen: Wenn er so weiterarbeitet wie jetzt, kann er im Alter mit einer Rente von gerade einmal 600 Euro rechnen.

Von den knapp 1200 Euro, die Jung am Monatsende überwiesen werden, gehen 500 Euro für seine Zweizimmerwohnung im Süden Berlins weg, 250 Euro für Nahrungsmittel, hinzu kommt der Unterhalt seines Autos sowie das "Laster Zigaretten", wie er es nennt. Am Wochenende geht er manchmal aus, für eine Freundin fehlt ihm die Zeit. Als alleinstehender Mann kommt Jung gerade so über die Runden.

Als Matthias Jung vor drei Jahren die Tour übernahm, hat er den gelben Post-Lkw an der Sammelstelle oft verpasst und musste selbst zum Briefzentrum nach Tempelhof fahren, um seine Post abzugeben. Bis 18.37 Uhr fertig zu werden ist von der Post einfach zu knapp berechnet. Inzwischen kennt Jung die Gegend und hat eine Strategie entwickelt, die ihn zwar pünktlich ans Ziel, aber in Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung bringt.