"Du bist wunderschön" – Seite 1

Akipenda, chongo huita kengeza – Liebe macht blind (afrikanische Weisheit in Swahili)

Immer nachmittags, wenn die Tropensonne über der Küste Kenias an Kraft verliert, gleitet Birgit Neuhaus* in den lauwarmen Pool der African Dream Cottages. In einem rosafarbenen Badeanzug lässt sie sich auf dem Rücken durch das Wasser treiben: eine rundliche Frau Mitte 50, deren Haut gerötet ist von drei Wochen in Diani Beach. Manchmal taucht sie ab, so wie früher als Kind, und versucht mit ihren Händen Halt zu finden auf dem Grund, ihre Beine baumeln dann für einen Moment über der Wasseroberfläche, und wenn sie wieder auftaucht, streicht sie sich lachend die nassen, blond gefärbten Strähnen aus dem Gesicht.

Wenig später döst sie auf einer Plastikliege am Rand des Pools. Sie trägt lilafarbene Kunstnägel, an ihrem Hals glitzert ein Kettenanhänger mit dem Umriss von Afrika. Vor dem Urlaub hat sie mit dem Programm von Weight Watchers zehn Kilo abgenommen. Zwei hat sie schon wieder drauf, aber "den Sam", sagt sie, "stört das nicht im Geringsten. Der sagt immer: Lang zu!"

Als Sam mit wiegenden Schritten aus dem Bungalow tritt, in dem sich Birgit mit ihm eingemietet hat, trägt er einen Rucksack über der Schulter, darin ein paar Kleidungsstücke, die er zur Wäscherei bringen soll. Sam ist Mitte 30, 20 Jahre jünger als sie, ein gut aussehender Kenianer vom Stamm der Giriama mit langen Rastalocken und entspanntem Lächeln.

Er setzt sich zu ihr auf die Liege,

"Okay, honey", sagt er. "I go now."

"When you be back?"

"Don’t worry, honey. I’ll be back for Abendbrot."

Sam nimmt ihre Hand und drückt ihr einen Kuss auf den Mund. Als er geht, schaut ihm Birgit lange nach.

"Ich steh auf Langhaardackel", murmelt sie. Die langen Zöpfe, die schlanken Hüften. In seinen Ohren funkeln zwei kleine Brillanten, an seinem schwarzen Handgelenk leuchtet eine schwere silberne Uhr.

"Aber Wäsche wegbringen muss schon sein", sagt sie, "für nix gibt’s nix."

Aus einem der Bungalows dringt der Schlager Anita von Costa Cordalis. Vom Indischen Ozean her rauscht der Wind leise durch die Palmen, und Birgits Alltag ist weit weg in diesem Augenblick, ihr Chefsekretärinnen-Schreibtisch in einer grauen Münchner Behörde, an dem sie seit mehr als 30 Jahren sitzt, ihre 18-jährige Tochter, die immer das Thema wechselt, wenn sie über Diani Beach spricht, ihre Mutter, die immer sagt: "Mach, was du willst, Hauptsache, du bringst uns keinen dieser Rastas mit nach Hause."

Reiseprospekte preisen Diani Beach als schönsten Strand Ostafrikas. Ein Sehnsuchtsort, an dem das Meer türkis ist und der Sand fast weiß. Wie Muscheln an einer Kette reihen sich die Hotels mit ihren All-inclusive-Angeboten aneinander.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Birgit zum ersten Mal Kenia buchte, und sie erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen. So viele Eindrücke, die nicht zusammenpassten: der Bus, der sie in Mombasa vom Flughafen abholte und sie durch die Slums der Randbezirke fuhr. Menschen, die zwischen Müllbergen Gekochtes feilboten. Dann der Begrüßungscocktail, das Himmelbett aus Tropenholz. All die bewaffneten Wachtposten, die die Zugänge zum Hotel sicherten, als wäre es eine Festung.

Als Birgit sich nach Tagen das erste Mal auf die Straße traute, war sie umzingelt von Einheimischen, die versuchten, sie in ihre Verkaufsbuden voller Schnitzwerk zu locken. Beachboys stählten am Strand ihre Muskeln mit selbst gebauten Hanteln, junge, schweißglänzende Kerle, unter deren engen Hosen sich die Umrisse ihrer Genitalien abzeichneten.

"Looki looki is free, mama!", riefen sie herüber. Sie suchten ihre Aufmerksamkeit. Lachende Gesichter, weiße Zähne.

"You are beautiful", sagten sie.

"Where are you from?"

"We talk, darling?"

Sie wichen nicht von ihrer Seite. Es war einschüchternd und fremd, aber im gleichen Augenblick war sie dem Reiz ihrer Entschlossenheit erlegen. Birgit, die zu Hause immer unsichtbar schien, stand plötzlich im Mittelpunkt. In Deutschland war sie eine unter vielen, in Kenia eine umschwärmte Königin.

Toni hieß der Erste, mit dem sie mitging. Seitdem ist sie dieser Küste verfallen, wie Tausende weißer Frauen, die in Diani Beach dem längst verlorenen Gefühl ihrer Jugend nachspüren: Über 50 sind sie, nicht selten über 60, die meisten korpulent. In Europa sind sie Ausgemusterte, in Diani Beach können sie an einem Abend unter Dutzenden attraktiver Männer wählen. Kenia ist für sie ein Versprechen wie für Männer das thailändische Pattaya. Doch anders als die Männer suchen sie nicht nur schnellen Sex. Sie suchen Liebe, und das macht die Dinge kompliziert.

"Da unten bin ich ein anderer Mensch"

Drei Wochen ist es her, dass Birgit und ihre beste Freundin Ramona ihre Koffer durch den Münchner Flughafen rollten. Es war ein trüber Montagabend, und Birgit war in den Tagen davor noch schnell im Nagelstudio gewesen. Sie hatte bei C&A ein paar karierte Hemden für Sam gekauft und bei Amazon die Kangaroos-Turnschuhe bestellt, die er sich gewünscht hatte. Ein letztes Mal hatte sie um halb sieben ihre Tochter geweckt und die hellgrauen Plastikrollläden in ihrer Wohnung hochschnarren lassen, dann waren ihre Absätze über die gefegten Bürgersteige zur S-Bahn-Station geklackert.

Kenia, endlich!

Kenia ist das Abenteuer in Birgits Leben, das ansonsten so geordnet verläuft wie die Straßen der Neubausiedlung, in der sie wohnt. Seit ihrer Geburt hat sie es nicht weiter als von einem Münchner Vorort in den nächsten geschafft. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie jetzt allein mit ihrer Tochter. Die Männer haben Birgit enttäuscht: der Vater ihres Kindes, der sich nie dazu durchringen konnte, mit ihr zusammenzuziehen, ihr Nachbar, dem nach zwei Jahren plötzlich einfiel, dass er sich doch nicht binden wollte, und schließlich dieses katastrophale Blind Date aus dem Internet.

Seit einer halben Ewigkeit ist sie Single. Einmal im Monat geht sie mit Kollegen kegeln, ab und zu versucht sie es mit einer Ü-30-Party. Sie träumt von einer festen Beziehung, "aber die deutschen Männer sprechen einen nur an, wenn man sie nötigt. Zu tanzen trauen die sich gar nicht."

Birgit trägt gerne Herzohrringe aus funkelnden Strasssteinen, sogar ihre Laptopmaus ist mit Strass beklebt. "Bei mir muss es strahlen", sagt sie. Über ihrer Sofaecke schreien Löwen im Sonnenuntergang, ihre Wohnung ist bevölkert von Leoparden und Elefanten: In Kissenform liegen sie auf dem Sofa, aus Holz geschnitzt stehen sie in der Schrankvitrine. Birgit schläft unter dem Bild einer großen Palme, die sich über weißen Sand beugt, und in einer Ecke ihres Schlafzimmers steht ihr größter Schatz: ein Tresor von Tchibo, in den sie jede Woche kleine Scheine steckt. Scheine für den nächsten Flug nach Kenia.

"Da unten bin ich ein anderer Mensch", sagt Birgit. Inzwischen lebt sie für ihren Urlaub in Afrika. Fünf Wochen jedes Jahr. Seit acht Jahren verbringt sie diese Wochen mit Sam.

"Es ist schon eine Art Liebe", sagt sie.

Beergarden hieß das Lokal, in das sie damals immer ging. Birgit mochte die Musik dort, und eines Abends sah sie sich nach dem DJ um: ein breites Lächeln, eingerahmt von Rastas. Sam. Sie ging zu ihm und wünschte sich ihren Lieblingssong, Michael Jacksons Billie Jean. Von da an winkte er zu ihr herüber, wenn er sie an ihrem Tisch sitzen sah, und irgendwann forderte er sie zum Tanzen auf. Sie redeten über Musik. Er gefiel ihr.

An ihrem letzten Abend in Kenia nahm er wortlos ihre Hand und zog sie hinter sich her zum Strand. Birgit fühlte sich leicht wie nie, sie ließ es geschehen.

"Bist du gut in Deutschland angekommen?", fragte er wenig später in einer SMS.

"I miss you, darling."

Sie hatte das Buch Die weiße Massai gelesen, all diese Geschichten von hereingelegten Touristinnen, und sie hatte sich fest vorgenommen, sich nicht in einen dieser Typen zu verlieben. Viel zu jung war er, viel zu schön! Aber vielleicht, flüsterte eine andere Stimme in ihr, ist dieser Sam ganz anders. Sie sei seine erste wazunga, hatte er ihr gesagt, seine erste Weiße.

"Lass deine Wertsachen im Hotel", bat er sie, als sie das nächste Mal in Kenia war. Dann führte er sie in ein Armenviertel, wo sich unverputzte Ziegelbauten mit Wellblechdächern aneinanderreihten, wo die Leute draußen kochten und in ihren Verschlägen Ziegen hielten. In seiner Hütte gab es keinen Strom und kein Wasser, nur einen alten Gaskocher und ein großes Bett unter einem schmuddeligen Moskitonetz. Die Laken waren dreckig. "Was mache ich hier?", schoss es Birgit durch den Kopf. Und doch spürte sie einen Kitzel, den sie in ihrem Leben vermisst hatte.

Während er schlief, fotografierte sie ihn mit ihrem Handy: die Augen geschlossen, die muskulösen Arme unterm Kopf verschränkt. Wie ein erlegtes Tier lag er da, friedlich und fremd.

Huchelewi kujisahihisha – Um dein Leben zu ändern, ist es nie zu spät

Als das Flugzeug mit Birgit an Bord in diesem Frühjahr Kurs auf Mombasa nahm, packte Sam ein paar Shorts in einen Rucksack und machte sich auf den Weg zu seinem kleinen Lebensmittelladen, um dort noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Birgit hat ihm das Geschäft finanziert. Die Einnahmen sichern seiner Familie das Überleben, sie reichen sogar für die Schulgebühren seiner Kinder.

"Seid brav", sagte er zu den beiden. Zum Abschied küsste er seine Freundin Eva, die während seiner Abwesenheit im Shop die Stellung hält, dann ließ er sich von seinem Cousin durch den dichten Verkehr zum Flughafen steuern.

An der Gepäckausgabe tauschte Birgit ihre Winterjacke gegen ein dünnes Strickjäckchen, Sam rauchte im Auto noch schnell einen Joint. Es war der Moment, in dem er von einer Wirklichkeit in die andere glitt.

Fünf Wochen lang führt Sam nun das Leben eines Weißen. Er bezieht ein Hotelzimmer, auf dessen Bett Rosenblüten den Schriftzug "Welcome Birgit + Sam" formen. Er isst Steaks und vertrinkt an manchen Abenden so viel, wie er mit seinem Laden in einem Monat verdient. Er steigt mit Birgit in den Pool, obwohl er nicht gerne schwimmt. Wenn sie am Strand spazieren gehen, küsst er sie, obwohl die meisten Kenianer in der Öffentlichkeit noch nicht einmal Händchen halten. Er tanzt für Birgit, strippt und reibt sie mit Massageöl ein, und wenn sie den Blues bekommt, sagt er ihr, was für eine schöne Frau sie ist.

"Ich tue alles dafür, dass sie die besten Wochen ihres Jahres erlebt", sagt Sam in diesen Tagen am Pool.

Seit sie zusammen sind, bucht Birgit kein Hotel aus dem Katalog mehr, wo schwarz-weiße Paare wie sie die Blicke der anderen Gäste anziehen. Sie bucht einen Bungalow, der sich hinter dem Strand unauffällig in den Busch duckt. Die African Dream Cottages werden geführt von Bianca Beyer, einer kompakten Frau mit Dauerwelle und verrauchter Stimme, die drei Jahrzehnte lang auf deutschen Rummelplätzen Silberschmuck verkaufte, ehe sie für einen jüngeren Kenianer ihr altes Leben aufgab.

Bei Bianca ist man unter sich. In einem der Bungalows, die sich im Schatten hoher Palmen um den Pool gruppieren, überwintert ein deutsches Rentnerehepaar. Daneben hat ein Österreicher eingecheckt, mit einer kaum volljährigen schwarzen Schönheit, die meist im Minikleid vor der Tür hockt, während er drinnen deutsche Schlager hört.

Am Abend sitzen Sam und Birgit in einem mit Palmblättern gedeckten Pavillon an einem Tisch. Ein Ventilator rotiert in der späten Hitze, der Pool glitzert im Mondschein. Sam trägt sein neues Hemd von C&A, ihm gegenüber sitzt Birgits Freundin Ramona, die, wie Sam vermutet, bei den deutschen Männern keine Chance hat. Ramona wurde mit einer Lippen-Gaumen-Spalte geboren und von den Ärzten schlecht operiert.

Weil Sam der Meinung war, dass sie trotz ihres Aussehens einen Mann verdient, der sich um sie kümmert, hat er sie vor drei Jahren mit seinem älteren Bruder Elton verkuppelt, der an diesem Abend das gleiche C&A-Hemd trägt. Elton, ein kleiner, energiegeladener Typ mit dem Lachen eines Clowns, war lange Animateur in den Hotels von Diani Beach. Er ist 41, sieben Jahre jünger als Ramona, jetzt kneift er sie in die Hüfte und sagt in diesem Mischmasch aus Deutsch und Englisch, den sie hier alle sprechen: "Let’s go, baby, hol schon die Karten raus."

Sam glaubt, Birgit sei eine reicht Frau

Birgit und Ramona haben ihnen Uno beigebracht, und während Elton ein paar Linien in ein Notizbuch zeichnet, die so vorschriftsmäßig sauber sind, wie es die deutschen Frauen wünschen, teilt Sam in Zeitlupe die Karten aus.

"Das dauert, Darling", sagt Birgit.

"I am tired, honey", sagt er.

"Wovon?", fragt Birgit und wirft ihm ein verliebtes Lächeln zu. "Du hast doch bis um zwei geschlafen. Ihr Afrikaner liegt doch den ganzen Tag nur rum."

Sam schickt ein leicht gequältes Lächeln zurück. Dann legt er die restlichen Karten auf einen Stapel. Sie reden kaum, nur manchmal machen sie sich ein wenig über Ramona lustig, wenn die wieder mal zu lange braucht, um ihre Miesen zusammenzuzählen.

"Vier ziehen!" Elton grinst und schleudert Ramona eine Karte hin.

Ramona schaut ihn lange an.

"Darling", presst sie schließlich heraus, "this is not love."

"No, sister", murmelt Sam von der anderen Seite des Tisches herüber. "It’s just a game!"

Bevor Sam Birgit vor acht Jahren traf, war ihm das Kartenspiel Uno so wenig vertraut wie das europäische Konzept von Urlaub. Er hatte weder von der Fernsehsendung Lindenstraße gehört noch von dem Komiker Mario Barth, dessen Shows Birgit gerne auf ihrem Laptop abspielt. Er wusste nicht, wie man ein Auto fährt, was ein Obstsalat ist und wie man ein Spiegelei brät, was er nun jeden Morgen tut, obwohl er selbst nur ein Stück trockenes Toastbrot frühstückt.

Es ist drei Uhr am nächsten Nachmittag, als Sam an der Hauptstraße, die parallel zum Strand verläuft, einen überfüllten Minibus heranwinkt. Birgit hat ihm aufgetragen, im Ort die saubere Wäsche abzuholen. Sam quetscht sich auf die Rückbank, aus dem Radio dudelt Reggae. Er wundert sich manchmal, dass Birgit darauf besteht, die Schmutzwäsche jedes Mal in die Stadt zu bringen. "Es ist zwar billiger", sagt er, "aber eigentlich könnte sie doch auch im Cottage waschen lassen."

Birgit, glaubt er, sei eine reiche Frau.

Der Bus rollt vorbei an den Hotelburgen und Souvenirbaracken. Am Nakumatt-Shoppingcenter biegt er links ab und verlässt die Prospektwelt von Diani Beach. Er passiert erst die Touristenbungalows in der zweiten Reihe, dann die abgeschirmten Häuser der Weißen, die sich hier niedergelassen haben. Schließlich, an einer staubigen Kreuzung im Hinterland, steigen die Passagiere aus.

Ukunda heißt die kleine Stadt. In Lehmhütten und Bruchbuden hausen hier die Barkeeper und Animateure, die in den Hotels das Geschäft am Laufen halten. Sam blickt sich um. Die Bekannte aus dem Salon, die ihm die Wäsche bringen wollte, ist noch nicht da. Er geht in eine Bar, zieht den Schein aus der Tasche, den Birgit ihm zugesteckt hat, und bestellt ein Bier.

Der Geruch von Abgasen hängt in der Luft. Lastwagen und Tuk-Tuks knattern vorbei. Vor der Bar dösen junge Männer auf den Sitzen ihrer Motorräder. Zu Tausenden strömen sie aus den Slums der großen Städte an die Küste, verlassen die trockenen Äcker ihrer Dörfer, angelockt vom Geld der Weißen, von der Aussicht auf einen dieser gealterten Körper, die ihr Verlangen in Afrika stillen wollen.

Wie leichte Beute liegen die Frauen am Strand, auf ihren Handtüchern und Plastikliegen. Man muss sie sich nur sichern, bevor ein anderer kommt.

Moneyskin nennen die Männer sie. Sugarmama. Old crocodile. Oder Milk cow.

Fast jede dritte Frau, schätzt die lokale Tourismusbehörde, hat Sex mit einem Einheimischen, aber nur selten wird für diese Dienstleistung an Ort und Stelle bezahlt. Das große Geschäft in Diani Beach folgt eigenen Regeln. In den Bars geben sich die Beachboys als Tänzer oder Musiker aus, sie suchen erst einmal nur ein Gespräch, es soll unverbindlich wirken. Ihr Ziel ist es, eine Touristin langfristig an sich zu binden. Die Könner verfolgen ihre Flirts auf Twitter und Facebook. Sie versenden gleichlautende E-Mails und SMS an Hunderte Frauen.

Sam kennt all die Aufsteiger- und Heldenstorys von Männern wie Matassa, dem ehemaligen Türsteher der Diskothek Shakatak, der heute in einem schwarzen Mercedes über die Strandstraße kurvt und immer damit prahlte, sechs weiße Ladys gleichzeitig zu bedienen. Von Francis, dem Animateur des Hotels Diani Reef, der wie Sam in einer Lehmhütte aufwuchs und heute selten ohne Laptoptasche aus der Villa seiner deutschen Freundin tritt. Und von jenem ehemaligen Beachboy mit dem Künstlernamen Kim4Love, der sich auf Kosten europäischer Frauen in Diani Beach ein kleines Imperium aufgebaut hat. Kürzlich hat Kim wieder ein neues Restaurant eröffnet. Er führt ein Waisenhaus, und jeden Sonntag spielt er in seiner legendären Strandbar die Reggae-Songs, die er mit dem Geld einer seiner Freundinnen in Stuttgart aufgenommen hat.

"Kim", sagt Sam, "ist hier ein Star."

Sam war 14, als er von der Schule musste, weil das Gehalt, das sein Vater als Roomboy in einem der Hotels verdiente, nicht reichte, um ihn und seine elf Geschwister zu ernähren. Die meisten von ihnen arbeiten heute als Küchenhilfe oder Poolreiniger, an den Wochenenden schuften sie auf dem Maisfeld der Familie. Keiner von ihnen könnte sich je eine Behandlung in dem Krankenhaus leisten, das in Diani Beach für die Touristen gebaut wurde.

Sam träumte von einem anderen Leben. Er ließ sich die Haare wachsen, und mit Anfang 20 bewarb er sich darum, im Beergarden Tanzmusik für die Touristen aufzulegen. Er verdiente dort nur umgerechnet 50 Euro im Monat, aber der Job bot ihm die Chance, mit weißen Frauen in Kontakt zu kommen.

"Geh ruhig mit dieser Deutschen, es ist nur gut für uns", ermunterte ihn Eva, als Sam ihr von Birgit erzählte.

Sam hatte Eva nur ein paar Wochen vor Birgit kennengelernt, ein hübsches, zielstrebiges Mädchen, das am Strand bunte Tücher verkaufte und den gleichen Traum hatte wie er. Eva war damals mit einem Mann zusammen, der bei Hagenbeck in Hamburg als Tierpfleger arbeitete. Jeden Sommer kam der Deutsche auf Safari, er sprach von Heirat. Von dem Geld, das er Eva schickte, mauerte Sam das kleine Haus, in dem sie heute leben.

Birgit, seiner neuen Freundin, verschwieg Sam zunächst, dass es Eva gab. Er hatte Angst, sie könnte es falsch verstehen, könnte verschwinden, so plötzlich wie der Tierpfleger, dessen Überweisungen aufhörten, als er herausgefunden hatte, dass Sam nicht Evas Bruder ist.

"Da weiß ich wenigstens, wo mein Geld hingeht"

Sam ist vorsichtig. Geduldig wartet er darauf, dass Birgit ihm etwas zusteckt. Dass sie ihm Kleidung mitbringt oder ein Handy, das er versetzen kann. Birgit hat ihm den Führerschein bezahlt, und jedes Mal, wenn sie wieder abfliegt, darf er den Rest ihrer Urlaubskasse behalten. 300 Euro sind es manchmal. Nur ein einziges Mal in den acht Jahren hat er es gewagt, sie nach einer größeren Summe zu fragen.

Natuone ndipo twambe, kusikia si kuona – Sehen heißt glauben

Sam klang aufgelöst am Telefon. Er habe seinen Job als DJ verloren, erzählte er. Im Beergarden habe man ihm eröffnet, er sei nun schon so lange mit einer wazunga zusammen, da brauche er diese Arbeit wohl nicht mehr.

"Darling, please, I need your help."

Mit 1.500 Euro könnte er sich selbstständig machen, ein Lebensmittelladen, das sei eine sichere Existenz.

Birgits Gedanken überschlugen sich. So eine Summe würde sie sonst nur für ihre Tochter zurücklegen, aber sie fühlte sich für Sam verantwortlich.

Als Birgit sich im nächsten Urlaub seinen neuen Laden anschaute, sah sie gerade noch, wie eine junge Frau versuchte, durch die Hintertür zu flüchten. Sam hielt sie auf. Die zierliche Afrikanerin lächelte scheu. Welcome, sagte sie und reichte ihr die Hand. Dann zog die Frau eines der bunten Tücher aus dem Regal und schenkte es Birgit.

Eva.

"Eva ist keine Konkurrenz", beruhigt sich Birgit seitdem. Eva ist keine andere Weiße. Und haben nicht viele Männer vom Stamm der Giriama mehrere Frauen? Sams Vater hatte drei. "Klar, dass er nicht wie ein Mönch lebt, wenn ich nicht da bin", sagt Birgit. Dennoch ringt sie manchmal mit ihren Zweifeln. Wenn sie ein Glas zu viel getrunken hat. Wenn das Misstrauen sie überkommt.

Es ist noch früh am Morgen, Birgit sitzt in einem Reisebus. Seit sechs Uhr sind sie und die anderen unterwegs zu einer Safari im Tsavo-Nationalpark. Wie jedes Jahr werden sie in einer kleinen Lodge übernachten, und wenn sie Glück haben, hofft Birgit, können sie wieder Giraffen füttern.

Als Birgit und Ramona verschlafen aus dem Cottage schlurften, trugen sie über ihren Leggins T-Shirts mit Botschaften. "Schwarz liebt Weiß", "Ein Lächeln ist der schönste Schmuck" . Die Männer versteckten sich hinter Sonnenbrillen.

"Good sleep?" , fragte Elton.

"Only few sleep, brother", räusperte sich Sam.

Jetzt döst er auf dem Sitz neben Birgit, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Sie hält seine Hand, während draußen vor dem Fenster Kenia erwacht. Frauen balancieren auf ihren Köpfen Obstkörbe zu den Märkten. Die Sonne bricht durch die Schirmakazien, und die Hütten, die vorbeifliegen, werden langsam karger, die Savanne wird trockener.

Birgit wirkt nachdenklich. Vor ein paar Tagen waren sie in Kim4Loves Strandbar. Kim persönlich bediente sie und überhäufte sie mit Komplimenten. "I saw you last night", sagte er. "You are a good dancer."

"Ach, Kim", murmelt Birgit.

Auch sie kennt die Storys, die man sich über ihn erzählt, nur klingen sie in ihren Ohren anders. Sie hat das Buch gelesen, das eine Deutsche über Kim geschrieben hat, eine 60-jährige Berlinerin, die viele Jahre glaubte, Kim sei die Liebe ihres Lebens. Auf 92 Seiten erzählt sie, wie er sie mit liebestrunkenen Worten wieder und wieder bat, ihm Geld zu schicken. Wie sie Kredite aufnahm, damit er seine Bar betreiben konnte. Wie sie ihr Auto verkaufte und an der Beerdigung der eigenen Mutter sparte, um Kim zu helfen: Mal hatte er Malaria, mal konnte er den Strom oder seine Angestellten nicht bezahlen. Kim weinte am Telefon. Er schrieb ihr SMS: "Du bist die Einzige, die mich versteht."

44.000 Euro hat ihm die Frau während all der Jahre überwiesen. Einmal hat Kim sie dafür auf den Mund geküsst, das war alles. Die übrige Zeit hoffte sie auf eine Zukunft, die nie kommen sollte.

Warten auf Kim heißt das Buch, und manchmal fragt sich Birgit, ob nicht alle afrikanischen Männer so sind wie Kim. Seit Neuestem bedrängt Sam sie mit der Idee, in ein Ferienhaus zu investieren. Er sagt, dass er das Haus für sie vermieten könnte, während sie in München ist.

Was geht Sam durch den Kopf? Was bedeutet ihm ihre Beziehung? Wie redet er mit Eva über sie?

Birgit ist sich sicher, dass Sams Zärtlichkeit nicht gespielt sein kann. Aber wenn sie ihm sagt: "Ich könnte deine Mutter sein", lächelt er darüber hinweg. "Liebe kennt kein Alter", sagt er oft, doch das sagen sie alle hier, auch Kim. Letzten Sommer, erzählt Birgit, haben sie zu viert auf DVD Paradies Liebe angeschaut, einen Spielfilm, der die Kenia-Abenteuer einer dicken Österreicherin zeigt. Als die Heldin in einer Szene einen jungen Stripper betatscht, tuschelten die Jungs auf Swahili. Birgit fragte Sam, ob sie genauso seien wie die Frau im Film. Er schüttelte nur den Kopf.

"Das ist alles so schwer zu deuten", sagt Birgit. Vor einiger Zeit hat sie versucht, einen Swahili-Kurs zu machen, und manchmal, wenn ihr Chef nicht im Büro ist, tippt sie die Wörter "Kenia" und "Rolle der Frau" bei Google ein. Sie druckt sich Texte aus, in denen steht, dass Afrikaner anders lieben. Dass sie nicht so romantisch fühlen wie die Weißen. Dass Europäerinnen für sie so etwas wie Geldautomaten sind.

Frauen wie sie, las Birgit, litten unter dem Amiga-Syndrom. Amiga bedeutet: "Aber meiner ist ganz anders".

Birgit lächelt. "Ich bin ja nicht naiv", sagt sie. "Ich sehe das hier auch als Entwicklungshilfe."

Jahrelang hat sie ein Patenkind in Uganda unterstützt, sie spendet für die Kindernothilfe in Nairobi. Die Armut ist ihr bewusst. "Die sterben wie die Fliegen", sagt Birgit. An Malaria, Typhus, Aids. Einmal war sie zu Besuch bei Sams Mutter, einer hageren Kenianerin, die kein Englisch spricht. Sie aßen schweigend, und zum Abschied steckte Birgit der Mutter 2000 kenianische Schilling zu, etwa 20 Euro.

Birgit sagt: "Da weiß ich wenigstens, wo mein Geld hingeht."

Es ist ein Geben und Nehmen, glaubt sie, so wie alle Frauen, die hier in Diani Beach ihre Portemonnaies öffnen. Prostitution? Das sei etwas ganz anderes, sagen sie.

Überall sind sie hier zu sehen, die ungleichen Paare, zusammengeführt durch günstige Flüge und die globale Wohlstandskluft: in der Strandbar Forty Thieves, wo die Frauen mit Besitzerstolz die Schenkel schwarzer Männer tätscheln, während die auf ihre Smartphones blicken. In den Diskotheken, wo junge Kerle mit abwesender Miene eng umschlungen mit 70-Jährigen tanzen.

Nicht wenige der Frauen suchen dauerhaft ihr Glück im Paradies. Da ist die ausgewanderte Schweizerin, die sich von ihrer Pension zwei Massai gleichzeitig hält. Da ist die deutsche Rentnerin, die zu Hause alles aufgab und ihre Ersparnisse in einem kenianischen Haus versenkte, nur um kurz darauf von ihrem Liebsten und seiner einheimischen Frau daraus vertrieben zu werden. Heute trifft man sie manchmal beim Betteln auf der Straße.

"Die beiden Ladys sind nicht unanstrengend"

Das sind die Geschichten, die sich die ausgewanderten Deutschen in Diani Beach erzählen. Jeden Nachmittag treffen sie sich im Café vor dem Supermarkt. Dann reden sie über ihre kenianischen Männer, deren Fortschritte in Pünktlichkeit und Ordnung.

"Er putzt jeden Tag meine Schuhe – so sauber waren die noch nie!"

"Der Francis fährt inzwischen so vorausschauend wie ein Europäer."

"Meiner ist ein Muslim, aber das merkt man zum Glück kaum."

"Ich hab James jetzt erst mal das Gym gestrichen."

Sie klingen wie Kolonialherrinnen, wenn sie so über ihre Männer reden. Und doch ist bei genauerem Hinsehen schwer zu erkennen, wer hier der Herrscher ist und wer der Beherrschte.

Usicheza na simba, ukamtia mkono kinywani – Wenn du mit einem Löwen spielst, halte deine Hand nicht in sein Maul

Die Dunkelheit bricht schon herein, als Birgit, Sam, Ramona und Elton die Lodge am Rand des Tsavo-Parks erreichen. Eben noch haben sie Elefanten beobachtet, Zebras und Gazellen, jetzt bringen sie ihre Rucksäcke auf die Zimmer. Als Ramona wieder in die Lobby kommt, hat sie schlechte Laune. Elton und sie haben zwei getrennte Einzelbetten. Sie beschwert sich an der Rezeption, doch der Afrikaner hinter dem Tresen senkt den Daumen. Alles belegt.

"Das kann doch nicht wahr sein!", schimpft Ramona.

Elton nimmt ihre Hand.

"Komm runter, Buschmama", sagt er mit einem sanften Lächeln. "It’s only for one night."

Elton ist ein Profi. Er weiß, was eine Frau wie Ramona hören will. 13 Jahre lang hat er in Hotels in Diani Beach gearbeitet, zuletzt als Chefanimateur in einem Fünf-Sterne-Haus. Er kann Tennis, Billard und Pingpong spielen, er hat gelernt, zu lachen, auch wenn ihm nicht danach ist. Seine Komplimente macht er auf Englisch, Italienisch und Französisch. Seitdem er etwas mit einer Stewardess der Lufthansa hatte, spricht er fast fließend Deutsch.

"Ramona", sagt er, "ist ein unsicherer Mensch, den kleine Dinge aus der Fassung bringen. Aber sie hat ein gutes Herz."

Er weiß, dass sie seit ein paar Jahren wieder bei ihren Eltern wohnt. Manchmal spricht er am Telefon mit ihrem Vater. Ramona, die wie Birgit als Sekretärin in einer Münchner Behörde arbeitet, war 18, als sie ihre letzte glückliche Beziehung hatte. "Das hielt genau drei Jahre", sagt Elton, "dann schwängerte er eine andere."

Alles, was danach kam, war eine Abfolge von Enttäuschungen: der Marokkaner aus dem Cluburlaub, den sie nach Deutschland holte und der einen Monat nach der Hochzeit mitsamt ihrem Hausrat verschwand. Eddy, der ihr in ihrem ersten Kenia-Urlaub 70 Euro aus der Handtasche stahl, während sie duschte. Dann gab es Jim, der sie jeden Tag zum Bankautomaten schleifte und sich, während er mit ihr schlief, regelmäßig das Kondom abstreifte.

"Das hat Ramona nicht verdient", sagt Elton.

Nicht sie, sondern sein Bruder Sam hat ihm all diese Dinge erzählt. Birgit habe da eine Freundin, sagte er damals, die suche jemanden, dem sie vertrauen könne. Sie sei zwar ein wenig anders, aber vielleicht sogar großzügiger als Birgit. Elton wusste also, was ihn erwartete, als Sam ihm eines Abends in Diani Beach die beiden Frauen vorstellte. Sie aßen, nahmen ein paar Drinks, und noch in derselben Nacht begleitete Elton Ramona in ihren Bungalow.

Drei Jahre ist das her, und für Ramona sah es wie ein Zufall aus. Wie Liebe auf den ersten Blick.

"Vor allem zu Beginn", sagt Elton, "war es ungewohnt. Ramona ist nicht unbedingt schön."

Wie alle weißen Frauen, die er hatte, will sie, dass er sie mit seiner Hand am ganzen Körper streichelt, dass er sie überall küsst, und wenn sie ihn berührt, muss er ihr versichern, dass er es genau so mag. "Afrikanische Frauen", sagt Elton, "brauchen keine Worte, die halten einfach hin." Manchmal kifft er vorher, oder er trinkt oder denkt an Anna, seine Frau, und Maxwell, ihren einjährigen Sohn, an den Generator, den er noch braucht für seinen neuen Pub, und dann sagt er sich: "Halt durch!"

In seinem kleinen Haus hängt an der Wand ein Poster, darauf stehen die Worte: "God can lift you from nowhere to somewhere." Ein Tennisschläger erinnert noch an seinen alten Job, doch seit er Ramona hat, braucht er ihn nicht mehr.

Als er an einem dieser Tage die Pforte zu seinem Haus aufschließt, kommt Anna ihm schon entgegen. Elton steckt ihr die Geldscheine zu, die Ramona ihm mit auf den Weg gegeben hat, und sie lässt sie in ihrem bunten Wickelrock verschwinden. Maxwell liegt auf einem Kissen auf dem Boden.

Elton hebt ihn auf seinen Arm und küsst ihn. "Der Vater Animateur, die Mutter Tänzerin, das kann nur ein Künstler werden", sagt er.

"Er wird auf eine gute Schule gehen", sagt Anna.

Neben ihr auf dem Sofa sitzt eine Nachbarin, auf ihrem Schoß liegt ihr weißhäutiges Baby. Der Vater des Kleinen ist ein verheirateter Italiener, der letztes Jahr in Diani Beach Urlaub machte. Jeden Monat überweist er 300 Euro, etwa so viel, wie auch Ramona regelmäßig schickt. 300 Euro, das verdienen in Kenia nicht einmal Professoren.

Seit einem Jahr denkt Elton in größeren Kategorien. Er hat seinen Job im Hotel aufgegeben und in seiner Heimatstadt Malindi vor ein paar Wochen einen Pub eröffnet. 4.000 Euro, sagt Elton, habe er investiert, in zwei Theken, 40 Stühle und ein ordentliches Soundsystem.

Nach dem Besuch bei seiner Familie dreht Elton noch eine Runde über den Markt und kehrt in eine Bar ein, bevor er wieder zu Ramona ins Cottage geht. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, taucht Elton ab. Er schläft, solange es geht, und wenn die Frauen an den Strand wollen, verschwinden er und Sam im Supermarkt, das Frühstück für den nächsten Morgen kaufen.

"Die beiden Ladys sind nicht unanstrengend", sagt er.

Kila ndege huruka kwa bawa lake – Jeder Vogel fliegt mit seinen eigenen Flügeln

"Ich bin so glücklich mit ihm", sagt Ramona immer wieder in diesen Tagen.

Am Abend nach dem Essen in der Safari-Lodge treffen sich die vier in einem der Zimmer. Sie liegen auf den Betten, rauchen und trinken Rum mit Cola, aus dem Laptop singt Udo Lindenberg Hinterm Horizont geht’s weiter, das Lied, über das Ramona sagt, kein anderes fasse ihre Sehnsucht so treffend in Worte. Während die anderen albern kichern, wirkt sie, als arbeite etwas in ihrem Kopf.

Elton hatte ihr nicht erzählt, dass er den Pub eröffnet hat. Während eines Ausflugs nach Malindi hat er ihn den Frauen auf einmal präsentiert. Ramona war perplex. Es war ihr unangenehm. "Hauptsache, du gehst nicht an deine Ersparnisse", warnt Birgit sie immer, aber es fällt Ramona schwer. Jede Überweisung mit Western Union ist eine Investition in Eltons Treue. Ein Köder, der ihn an sie bindet, weil er noch mehr Geld verspricht.

Nach ein paar Liedern taucht Ramona aus ihren Gedanken auf und wendet sich ihm zu.

"Darling", sagt sie, "willst du nicht zu mir nach Deutschland kommen?"

Alle Blicke sind plötzlich auf ihn gerichtet, und Elton, den selten etwas aus der Ruhe bringt, wirkt überrascht. Er stammelt: "Mal sehen, Baby. Ich weiß noch nicht."

Ramona sinkt in sich zusammen. Minutenlang schaut sie auf den Boden. Über ihr verfängt sich der Rauch in den Moskitonetzen. Als ihre Augen sich mit Tränen füllen, baut sich Elton vor ihr auf und beginnt zu tanzen. "Hey, Buschmama, du weißt doch, ich will nur dich", flüstert er ihr zu, dann zieht er Ramona zu sich hoch, legt seinen Arm um ihre Hüfte, lässt seine Hand im Rhythmus der Musik auf ihrem schweren Hintern kreisen, "dreams are my reality", singt Richard Sanderson, und langsam löst sich die Verspannung in Ramonas Körper.

"I love you so much", murmelt sie.

"Hakuna matata, baby", sagt Elton. "Kein Problem."

Mag sein, dass Elton nicht Ramona begehrt, sondern ihr Geld; mag sein, dass Sam sich weniger für Birgits Körper interessiert als für die Farbe ihrer Haut – und doch geben sich die Frauen immer wieder bereitwillig der Illusion des Augenblicks hin. Es ist ein zutiefst kapitalistischer Deal, den Ramona, Birgit und all die anderen Frauen in Diani Beach eingehen: Zärtlichkeit gegen sozialen Aufstieg.

Die deutschen Frauen und die afrikanischen Männer, sie beuten sich gegenseitig aus, aber durch all die kleineren und größeren Lügen wahren sie ihre Würde. Niemand wird gezwungen, beide Seiten könnten es sofort beenden. Und vielleicht ist diese scheinbar komplizierte Angelegenheit in Wahrheit ganz einfach: Birgit und Ramona genießen die besten Wochen ihres Jahres, Sam und Elton machen das Geschäft ihres Lebens.

Seit einer Woche ist Birgit wieder in Deutschland, aber ihre Wangen haben noch den Schimmer von Kenia, ihre Augen leuchten. Seit sie wieder da ist, sagt sie, machten die Männer auf der Straße ihr Komplimente.

Sie fragt sich, wo Sam wohl gerade ist. An einem ihrer letzten Abende wollte er wissen, ob er nicht zu ihr nach München kommen könne. Birgit hat zurückgefragt, wie er sich das vorstelle, und er sagte, er könne irgendwo Musik auflegen oder ihre Wohnung hüten. "Der Kindskopf", sagt Birgit. "Da ist ja noch meine Tochter, mein Geld reicht nicht für drei." Manchmal, wenn die Sehnsucht sie überkommt, träumt sie ihn hierher, aber sie weiß, was ihre Nachbarn denken würden. "Und ich werde ja nicht jünger", sagt sie.

Bei ihr zu Hause läuft jetzt wieder der Fernseher, damit sie die Stille nicht hört. Alle zwei Wochen telefonieren sie. Manchmal leuchtet eine Nachricht auf dem Display ihres Handys auf. "Can’t wait to see you again", war die letzte, die er schrieb. Aber das wird dauern, sagt Birgit. In ihrem Schlafzimmer-Tresor liegen erst 50 Euro.

* Die Namen der Hauptfiguren wurden von der Redaktion geändert.