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Unter dem großen zentralafrikanischen Regenzeithimmel mit seinen sonnenumfluteten Wolkentürmen treten alle Farben schärfer hervor: das Rotbraun des Bodens, das Grün der jungen Baumwollpflanzen, das Königsblau des Chitenge-Tuchs, das Sidonia Sakara um ihre Hüften trägt. Auf kühler Erde im Schatten des größten Mangobaums macht ihr Landfrauenverein Pause vom Unkrautjäten. "Wer nicht mithilft, zahlt zehn Kwacha in die Klubkasse", sagt Sakara, die Schatzmeisterin, energisch. Die Bäuerinnen des Dorfes Veni in Sambia meinen es offenbar ernst mit ihrem neuen Gemeinschaftsprojekt.

Kein Wunder: "Mit unserem Baumwollfeld können wir eigenes Geld verdienen", sagt Sidonia Sakara. Zusätzliches Geld, über das mal nicht die Männer entscheiden, während die Frauen die Arbeit machen. Ob sich der Traum der Bäuerinnen von etwas mehr Wohlstand erfüllt?

Hamburg, ein lichter Bürokomplex in der City Nord, Achim Lohrie rennt. Der Tchibo-Manager, das graue Haar schnurgerade gescheitelt, der dunkle Dreiteiler perfekt im Sitz, scheint durchs Foyer der Unternehmenszentrale zu fliegen, so dynamisch steuert er die Hausfiliale an. In ihrem typischen Konsum-Sammelsurium aus Kaffee, Haushaltswaren und Textilien will Lohrie demonstrieren, dass grün und gerecht zu wirtschaften für den Kaffeekonzern bald so selbstverständlich werden solle "wie die Elastizität eines Ärmel-Bündchens".

Hier preist der Manager fürs Grüne Espressokapseln aus Recyclingmaterial an, dort zieht er schwungvoll einen Herrenpyjama aus Biobaumwolle aus dem Regal. Schließlich pflückt er ein korallenrotes T-Shirt vom Bügel: "Cotton made in Africa". Das Etikett bezeichne, sagt Lohrie, "eines der ehrgeizigsten Nachhaltigkeitsprojekte, das wir mit aufgelegt haben".

Der Leiter der Abteilung Unternehmensverantwortung – einer der profiliertesten in Deutschland – und die sambische Bäuerin: Ihre scheinbar so weit voneinander entfernt liegenden Welten verbinden sich in dieser Initiative. Und das nicht nur, weil Cotton made in Africa (CmiA) die Gründung des Frauenklubs angestoßen hat, Schulen baut oder Kampagnen zur Gesundheitsaufklärung unterstützt. CmiA ist zugleich ein entwicklungspolitisches Großvorhaben. Schon seit 2005 versucht es, benachteiligte afrikanische Kleinbauern in die Wertschöpfungsketten großer Unternehmen einzubinden, um ihnen bessere Zukunftsperspektiven zu eröffnen; ein Ziel, das heute von der Weltbank über die G-8-Staaten bis zur indischen Regierung so gut wie alle Mächtigen propagieren.

Ein Blick auf den Pionier CmiA ist auch deshalb spannend, weil Achim Lohrie recht hat. Ehrgeizig sind schon die Dimensionen dieser Cotton-Connection: 435 000 Bauernfamilien in sechs Ländern sind daran beteiligt, von Mosambik bis nach Ghana und zur Elfenbeinküste. In zwei Jahren sollen es womöglich eine Million Farmer in zehn, vielleicht zwölf Ländern sein.

Ehrgeizig breit aufgestellt ist zudem die öffentlich-private Koalition, die den Wandel vorantreiben will. Ihren Kern bilden die Aid by Trade Foundation des Hamburger Versandhändlers, Nachhaltigkeitsvorreiters und Philantropen Michael Otto und diverse Agenturen der deutschen Entwicklungskooperation. Sie knüpften ein Fördernetz aus Stiftungen und großen Nichtregierungsorganisationen – und eine "Nachfrage-Allianz" aus 26 teils globalen Textil- und Einzelhandelsunternehmen, darunter als eines der ersten und größten auch Tchibo (siehe Seite 30: Das Baumwollnetzwerk).

Ehrgeizig ist vor allem der Anspruch, viele Ziele parallel zu verfolgen. Die Firmen kaufen Blusen, Bettzeug oder Hemden, die aus der afrikanischen Baumwolle gefertigt wurden, erklärt Achim Lohrie, und bahnen benachteiligten Bauern wie Sidonia Sakara so den Weg zu sicheren Absatzmärkten und höheren Einkommen. Zugleich finanzieren sie mit einer kleinen Lizenzgebühr für jedes Textilprodukt den Zusatzaufwand, dessen es bedarf, wirtschaftliche, soziale und ökologische Standards zu erreichen. Und bei all dem sollen Rohstoffe und Textilien auf keinen Fall teurer werden. Man wolle, sagt Lohrie, "raus aus der Angebotsnische, in der bio und Fair Trade leider noch immer stagnieren".

Aber geht das wirklich zusammen: Nachhaltigkeit und Massenmarkt, "genießen und Gutes tun", wie es bei Tchibo heißt? Und geht es den Kleinbauern dadurch wirklich besser? Solche Entwicklungen fordern viel Zeit und Ausdauer. In Sambia, wo CmiA als Erstes gestartet ist, müssten Erfolge erkennbar sein.

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Der Weg in die wichtigste Baumwollregion im Osten führt über die Hauptstadt Lusaka. Dort sprießen riesige südafrikanische und chinesische Shoppingmalls aus dem Boden. Baustellen überall. Die Wirtschaft wächst, weil Kupfer und Kobalt aus Sambias Minen in den vergangenen Jahren weltweit gefragt waren. Doch wo die Asphaltstraßen in holprige Staubpisten übergehen und sich Felder und Bananenhaine, Viehweiden und Buschland endlos auszudehnen beginnen, da hängt die Existenz der Bauern am baumwollenen Faden.

Der Baumwollanbau bringt das Geld für die Schulgebühr ein

"Wir arbeiten hart, und was kommt dabei heraus?" Sidonia Sakara deutet auf ihren Rücken, wobei sie halb ironisch, halb ernst das Gesicht verzieht. "Nshima morgens, nshima abends. Das ganze Leben ein einziger Maisbrei. Wie schön wäre es, wenn wir mal mit einem Sack Reis etwas Abwechslung in unseren Speiseplan bringen könnten!" So wie die Leute in Veni leben zwei Drittel der Bevölkerung ärmlich in runden, strohgedeckten Lehmhütten. Oft haben sie nur ein, zwei Hektar Land und verdienen höchstens zwei Dollar am Tag. Eine Dusche im Bastmatten-Rondell in der Mitte des Dorfes muss für alle reichen. Die Kinder laufen zehn Kilometer weit zu Fuß zur nächsten Grundschule und zehn Kilometer wieder zurück.

"Baumwolle pflanzen wir, um die Schulgebühren bezahlen zu können", sagt Nelly Pitori, die Temperamentvollste im Frauenklub. Viele Familien müssen von den Einnahmen aber auch Lebensmittel kaufen; in der hungry season, wenn der Silo neben ihrer Hütte leer ist und der neue Mais noch nicht reif. Und jetzt sollen darüber hinaus Grundsteine für eine bessere Zukunft gelegt werden. "Wir wollen uns Nähmaschinen besorgen", erzählen die Klubfrauen. "Dann können wir in der Stadt nicht nur Eier verkaufen, sondern auch Schuluniformen und Babysachen."

Es ist alles eine Frage der Perspektive: In den Weltmarktstatistiken mag der afrikanische Anteil von zehn Prozent am Baumwollhandel marginal erscheinen neben den Abermillionen Tonnen, die in den USA, China, Indien, Pakistan oder der Türkei mit Bewässerungsanlagen, chemischen Entlaubungsmitteln, Hightech-Harvestern und hohen staatlichen Subventionen produziert werden. Doch für etwa 20 Millionen Menschen, für viele Familien in Sambia oder Benin, hängt oft mehr als die Hälfte ihres Einkommens davon ab, ob der Anbau der Cash Crop genug bringt.

"Deshalb müssen wir die Produktivität steigern." Emmanuel Mbewe wiederholt immer wieder das zentrale Credo von CmiA. Der Agrarexperte aus der nahe gelegenen Provinzstadt Chipata hat uns nach Veni gefahren. Im Auftritt hyperkorrekt, den Bauern gegenüber ein wenig paternalistisch, vereint er das Bürokratenhafte der früher staatlichen Baumwollbranche mit seiner heutigen Rolle als Projektmanager bei Cargill.

Diesem Agrarhandelsriesen aus den USA gehört eine der drei größten Baumwollgesellschaften in Sambia. Noch stehen die Entkernungsanlagen in den hohen, offenen Werkshallen still. "Doch wenn die Farmer im Herbst ihre Ernte bringen, ist dort alles in Bewegung", sagt Emmanuel Mbewe. Unter Rattern trennen dann scharfe Sägen die Baumwollfasern aus den Samenkapseln. Arbeiter im Blaumann verpacken das weiße Gold in Säcke, die per Lkw zu den Häfen in Tansania oder Mosambik und von dort über den Indischen Ozean in die Spinnereien und Nähereien nach Asien reisen, zum Beispiel nach Bangladesch.

Am Anfang der Produktionskette sind Cargill und die beiden anderen großen Baumwollaufkäufer Dunavant/NHK und Alliance nun gemeinsam mit den deutschen Entwicklungsagenturen DEG und GIZ dafür verantwortlich, dass die Nachhaltigkeitsstandards von CmiA praktisch umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem: keine Kinderarbeit, keine Gentechnik, keine verschwenderische künstliche Bewässerung. Vor allem sollen die Farmer die Probleme beim Anbau der anspruchsvollen Baumwolle mit neuen Methoden besser bewältigen können. "450 oder 500 Kilo ernten die Leute hier durchschnittlich pro Hektar", sagt Mbewe, "in den Hochertragsregionen kommen sie auf 2000 Kilo. Da wäre schon eine Verdoppelung ein Erfolg."

Leicht ist das nicht zu erreichen. "Bauern lassen sich nicht so schnell auf Neues ein", sagt Venasio Miti. Doch der Dorfvorsteher von Veni hat einschließlich der Klubfrauen 54 Kollegen für die Baumwollschule von CmiA gewonnen. Eine von über 2000 Cotton-Schools.

Der hagere Bauer im roten T-Shirt führt uns zu ihrem Demonstrationsacker am Rand des Dorfes. Darauf stehen propere, junge Pflanzen inmitten eines Teppichs aus verrottendem Stroh. "Wir haben gelernt, die Erntereste liegen zu lassen, um die Erosion aufzuhalten und das Bodenleben zu verbessern", erklärt Venasio Miti. "Deshalb pflügen wir jetzt weniger und lockern die Erde nur mit dem Grubber auf." Ein Kollege geht in die Knie und deutet auf kleine Mulden, aus denen die Pflanzen sprießen: "Die graben wir, damit der Regen besser in Erdreich und Wurzeln eindringen kann." Auch Düngemittel kommen zielstrebig in diese Kuhle. "Dann sind sie gleich an der Wurzel, und man braucht weniger davon." Fruchtfolgen mit Soja, Mais und Erdnüssen sollen den Boden lockern und mit Stickstoff anreichern. Einige CmiA-Bauern nutzen jetzt Kompost.

Pestizide, auch starke, bleiben bei CmiA trotz der Ansprüche an die Umweltverträglichkeit erlaubt. Kaum eine andere Pflanze ist ähnlich anfällig für Schädlinge und Unkräuter wie das Malvengewächs. Immerhin sind all jene Spritzmittel verboten, die von der Weltgesundheitsorganisation als gefährlich eingestuft werden. "Und wir sprühen auch nicht mehr drauflos", sagt Venasio Miti.

Dabei hilft eine schmale Schablone, auf der die wichtigsten Angreifer abgebildet sind. Damit können die Bauern Milben, Läuse und Kapselbohrer auf dem Feld identifizieren und auszählen. Erst wenn der Befall eine vorgegebene Schwelle überschreite, werde gesprayt, sagt Emmanuel Mbewe. Dann deutet er auf kleine, weiße Folien, die wie Fähnchen auf einem Teil des Demonstrationsfeldes stehen. Melassefallen. Sie locken Insekten in einen süßen Tod, statt sie chemisch zu vergiften. Auch solche Methoden des biologischen Pflanzenschutzes werden neuerdings ausprobiert.

Zeit für die wichtigste Frage: Lohnt sich all die Mühe? "Auf jeden Fall", antwortet Venasio Miti, "die letzte Ernte war sehr gut." Sidonia Sakara behauptet sogar aus voller Brust: "Dieses Jahr sieht mein Acker noch besser aus als das Demonstrationsfeld!"

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Studien bestätigen, dass die Erträge vieler CmiA-Bauern sich erhöht haben. Um durchschnittlich ein Viertel legten sie demnach in Ost- und Westafrika zu. Als Plus halten die Gutachter zudem fest, dass sich die neuen Praktiken oft auf den Anbau von Nahrungsmitteln übertragen ließen. Die Einkommen seien je nach Land um ein Viertel bis ein Drittel gestiegen.

Die Trainings zeigen Wirkung, in Sambia und anderswo. Der Bedarf nach Fortbildung und Betriebsmitteln ist groß, doch wie überall in Afrika sind in Sambia seit den neunziger Jahren die staatlichen Agrarberater, Kreditbanken und Landhandelsunternehmen auf Druck der internationalen Geber abgeschafft worden. Nun springen neben der Regierung und Nichtregierungsorganisationen auch die privaten Unternehmen ein. Einige Bauern von CmiA gründen jetzt sogar eine eigene Genossenschaftsbank. Da entsteht etwas, das sind gute Nachrichten. Doch es gibt auch schlechte. "In den letzten beiden Jahren waren wir nicht zufrieden", sagen viele Bauern in Veni. Auch die Klubfrauen unter dem Mangobaum mussten ihre Schneiderei-Pläne aufschieben, sie sagen: "Das hat uns schon enttäuscht".

Die Ursache dafür ist der Baumwollpreis. Er sank 2012 von außergewöhnlich hohen 3200 sambischen Kwacha pro Kilo auf die Hälfte. Zugleich wurden Dünger, Saatgut und Pestizide teurer. Die Baumwollgesellschaft finanziert diese Betriebsmittel vor und zieht die Kosten vom Erlös für die Ernte wieder ab – dabei machten viele Vertragsbauern 2012 und 2013 einen schlechten Schnitt. In Ostafrika federt, anders als in westafrikanischen Baumwollländern, kein staatlicher Mechanismus die Preisschwankungen ab. Viele Farmer gingen wutentbrannt auf die Straße.

Aus Kleinbauern sollen kommerziell denkende Landwirte werden

Dass auch Bauern, die bei CmiA mitmachen, im Auf und Ab der Baumwollbörsen gefangen bleiben, ist bedingt durch das System. Die Nachfrage-Allianz der Konzerne finanziert ihnen keine verlässliche Prämie, so wie es Fair-Trade-Initiativen tun. Das Einkommen soll allein durch die größere Produktivität steigen. Doch der Mengenzuwachs kann die Anfangsinvestitionen und die harte Arbeit oft nicht ausgleichen, wenn die Preise in den Keller gehen. Da umgekehrt die Rohstoffe auch nicht zu teuer werden sollen, bleiben die Perspektiven für die Bauern ungewiss.

Eine Lösung sehen die Initiatoren von CmiA in sogenannten Farmer Business Schools. Noch mehr Training soll Interessenten Möglichkeiten nahe bringen, wie sie schlechte Baumwolljahre besser überstehen. Unter dem Mangobaum in Veni oder im Schulhaus ihrer Kinder im Dorf Lundazi lernen die Farmer, wie man Konten und Bücher führt, aktuelle Preisentwicklungen vorwegnimmt und seine Feldfrüchte diversifiziert, um von der Baumwolle unabhängiger zu werden. Mais und Soja etwa sind nicht nur gut für die Fruchtfolge, sie bringen zurzeit auch gutes Geld. Die Hühnerfarmen, die die wachsende urbane Mittelschicht in Lusaka oder Chipata mit Eiern und Fleisch versorgen, brauchen Futtermittel. "Aus Subsistenzbauern sollen kommerziell denkende Landwirte werden", sagt Emmanuel Mbewe.

John Lungo zum Beispiel hat das geschafft. Die Bauernschläue ist ihm ins Gesicht geschrieben. Im Blaumann lenkt der zierliche, aber zähe Bauer einen knallroten Traktor durch die Feldflur. Solche Zugmaschinen finanziert das CmiA-Projekt erfolgreichen Vertragspartnern vor. Sie dienen nicht nur als mechanische Hilfe, sondern auch als Einnahmequelle, weil man sie an die Nachbarn vermieten kann. Die Geschäfte liefen so gut, sagt John Lungo, dass er schon den zweiten Trecker leasen wolle und nach einem weiteren Stück Land Ausschau halte. Zehn Hektar bewirtschafte er bereits zusammen mit seinen Söhnen, "und meine Arbeit ist jetzt viel interessanter".

Die Förderer haben durchaus auch eigene Interessen

All das läuft auf größere Betriebe hinaus, auf einen allmählichen Strukturwandel. Wachse oder weiche, ähnlich wie in Europa. Einige Nichtregierungsorganisationen kritisieren deshalb, dass CmiA weniger den armen Familienbetrieben nütze als vielmehr den Cleveren, die ohnehin bessere Startchancen hätten. Außerdem würden die Bauern zu sehr auf die Produktion für den Export eingeschworen statt darauf, Nahrung für lokale Märkte in neuer Vielfalt zu erzeugen. Baumwollgesellschaften und Textilindustrie spannten freie Bauern für ihre eigenen Interessen ein.

Dass Cotton made in Africa uneigennützig helfe, behaupten allerdings auch die Initiatoren nicht. Ihr Schlagwort lautet Win-win. Cargill und Co. wollen bewusst Vertragsbauern an ihre Unternehmen binden. Denn wenn der Preis zu niedrig ist, dann pflanzen viele sambische Bauern auch mal ein Jahr lang gar keine Baumwolle an. Oder sie lassen sich erst das Saatgut vorfinanzieren und gehen dann fremd bei anderen Aufkäufern. "Piraten" nennt Emmanuel Mbewe solche Konkurrenten.

Die großen Textilfirmen in Europa und den USA wollen mit ihrer Entwicklungsarbeit in Afrika auch ihre Ressourcenbasis erweitern. Weltweit steigt die Nachfrage nach der wichtigsten Faser, erst recht nach solcher, die umweltverträglich produziert wurde. Aber die Ernten sind wegen des Klimawandels fast überall unberechenbar geworden. Da ergibt es Sinn für die Unternehmen, sich breiter abzustützen und sich Bezugsquellen in Afrika zu erschließen.

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Kritik gibt es auch an dem Öko-Kompromiss, selbst wenn die Welthungerhilfe und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ihn mittragen. Warum Cotton made in Africa nicht gleich konsequent Biobaumwolle fördere, fragt zum Beispiel die Konsumentenplattform utopia.de. "Das lässt sich ausweiten", antwortet der Tchibo-Mann Achim Lohrie. In Afrika habe man die Schwerpunkte zunächst auf Anbaupraktiken, Einkommen und soziale Projekte gelegt. "Die Umstellung auf Bioproduktion braucht Zeit und reduziert den Ernteertrag." Das heißt: Die Produktion würde teurer. Da ist er wieder, der Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und Massenmarkt.

Immerhin betont Lohrie, in dessen Hamburger Büro Besuchern Biocracker und frische Gemüsestäbchen statt Süßkram offeriert werden: "Bei der Gentechnik sind wir kompromisslos." Gerade dieses Thema hat allerdings heftige interne Debatten ausgelöst. Anfangs drängte vor allem die Gates-Stiftung auf "Technologie-Offenheit". Man beschloss, gentechnisch veränderte Organismen (GVO) außen vor zu halten. Dafür nahm die Initiative einen erheblichen Rückschlag in Kauf: Als die Regierung des Partnerlandes Burkina Faso vor fünf Jahren GVO-Saatgut zuließ, konnte die dort erzeugte Baumwolle nicht mehr als CmiA-Produkt in Europa vertrieben werden; das Risiko einer Vermischung war zu groß.

Damit am Ende die Einnahmen reichen, müssen 100 Millionen CmiA-Textilien pro Jahr vertrieben werden. Doch bislang sind erst 45 Millionen lizenziert. Davon entfallen zehn Millionen auf die Otto Group, gefolgt von Tchibo mit 3,5 Millionen.

Dass die Menge nicht schneller zunimmt, erklärt Achim Lohrie mit Erwartungen an die Verarbeitungsqualität. Die handgepflückte Baumwolle aus Afrika sei hochwertig. Doch Spinnereien, Webereien, Wirkereien, Konfektionäre: Alle müssten sich auf neue Bezugsquellen und Eigenschaften bei der Verarbeitung einstellen. Das koste anfangs Zeit und Mühe. Bei Tchibo, wo man sich hundertprozentige Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt hat, wurden einige Social-Responsibility-Manager in die Einkaufsabteilung versetzt, um ihr Wissen dort einzubringen. Einkäufer bekommen einen Bonus, wenn sie integre Quellen erschließen und den Anteil nachhaltig produzierter Rohstoffe steigern.

Vielen anderen Unternehmen jedoch ist das alles noch zu viel Aufwand. Oder zu teuer. Denn der Rohstoffanteil am Endpreis eines Kleidungsstücks mag zwar gering sein. Aber wo die Konkurrenz so groß ist wie auf dem Markt für Textilien, da werde, sagen Branchenkenner, um jeden Cent gefeilscht. Die sogenannte "Fast Fashion" mit ihren rasch wechselnden Zwischenkollektionen funktioniere nur bei niedrigen Preisen.

Und mal ehrlich: Wie verbreitet ist "Otto Moralverbraucher" (so lautet der Titel eines neuen Buches über Siegel und Label)? Bei aller Begeisterung für bio, Fair Trade und die vielen anderen Nachhaltigkeitslabels: Bewusster Einkauf sei noch immer die Ausnahme, sagt Achim Lohrie. "Der Kunde ist preissensibel, und dazu haben wir Händler unseren Beitrag geleistet. Jetzt müssen wir ihn daran gewöhnen, dass eine nachhaltige Qualität ihren Preis wert ist."

Das meinen auch die Bauern in Sambia. "Am besten wäre es, wir könnten die Baumwolle auch noch hier im Land weben und nähen", sagen sie. "Wenn ihr in Deutschland mehr zahlt, dann macht ihr uns Mut."