Wir haben lange warten müssen, aber nun ist endlich eine Debatte über Google losgebrochen, über dessen ökonomische und politische Macht. Der erste Dank dafür gebührt Eric Schmidt, dem Aufsichtsratschef von Google, der in der FAZ ungehemmt davon schwärmte, wie viel Segen vom Wirken des Internetkonzerns ausgehe. Der zweite Dank, und der ist nicht kleiner, geht an Mathias Döpfner, den Chef des Axel Springer Verlags, der vehement dagegengehalten hat.

Es nervt bloß der depressive Beat: Google ist groß, Google ist zum Fürchten, Google ist eine digitale Supermacht, klagte Döpfner. Da kann die Antwort nur lauten: Klar ist Google eine Supermacht. Was sonst? Dann legte der Netzintellektuelle Jaron Lanier nach und schrieb, gegen die amerikanischen Datensammler sei der einzelne Mensch ohnmächtig, auch die Gesellschaft, in Wahrheit ganz Europa.

Bitte! Streitet über Google. Wehrt euch, wo es sein muss. Aber hört mit diesem Ohnmachtsgerede auf. Es führt in die Irre. Mehr noch, es birgt ein echtes Risiko. Denn wer sagt, er sei ohnmächtig, lässt sich bald wirklich hängen. Der Philosoph Jürgen Habermas hat es in seiner Theorie des kommunikativen Handelns erklärt: Wer etwas ausspricht, verändert damit die Realität.

Kein Unternehmen weiß mehr über die Menschen, ihr Verhalten, ihre Pläne

Dass Angela Merkel, die Abgehörte, diese Woche in die USA fliegt und sich ein weiteres Mal demütigen lässt, wird sie ertragen, und man wird gern vergessen, dass sie auf ein No-Spy-Abkommen verzichtet und stattdessen einen Arbeitskreis gründet, in dem sich Amerikaner und Deutsche aussprechen können.

Die eigentliche Netzpolitik muss ohnehin woanders stattfinden. Hier. In Deutschland und Europa. Sie muss mit einer Debatte über das Mögliche beginnen, eine Debatte über Ziele und Strategien sein, und ihr müssen Taten folgen.

Angesichts des Gegners ist das keine leichte Aufgabe, sie könnte größer kaum sein. Google hockt auf einem Datenschatz, auf den auch der US-amerikanische Geheimdienst NSA neidisch war. Kein Unternehmen weiß mehr über die Menschen, ihr Verhalten und ihre Pläne, und dieses Wissen hat Google so über die Erde verteilt, dass es schwer ist, Regeln für den Umgang mit diesen Daten zu finden – und sie durchzusetzen. Aber den Versuch zu unterlassen, so wie die Bundesregierung, ist skandalös.

Vielleicht wartet man in Berlin darauf, dass mit Google das Gleiche passiert wie mit dem amerikanischen Ölmonopolisten Standard Oil vor hundert Jahren. Als der Konzern zu mächtig geworden war, hat die US-Regierung ihn zerschlagen. Doch Google ist anders, sein Erfolg stützt die geopolitische Bedeutung der USA und festigt ihre ökonomische Vormachtstellung. Eine Zerschlagung ist also unwahrscheinlich.

Aber was dann? Leider ist aus Berlin, das so oft die europäische Politik bestimmt, kein Impuls für eine Google-Regulierung zu erwarten. Man würde ja gerne mal über eine solche Initiative streiten. Aber es gibt sie nicht.

Schlägt wenigstens die Stunde der digitalpolitischen Apo? Sie könnte die Regierung mit Ideen zu Google vor sich hertreiben. Aber auf der re:publica, dem wichtigsten Kongress der digitalen Avantgarde in der kommenden Woche in Berlin, ist Google auch kein großes Thema.

So bleibt im ersten Schritt nur die digitale Selbstverteidigung. Denn man kann Google den Stoff entziehen, nach dem das Unternehmen giert: Daten. Wenn der Konzern etwa, wie gerade geschehen, seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen ändert und betont, auch E-Mails würden ausgewertet, dann ist es höchste Zeit, Googlemail zu meiden, zumal Deutsche Telekom und United Internet neue verschlüsselte E-Mail-Dienste anbieten. Es gibt auch Alternativen zu Googles Landkarten (OpenStreetMap), und man kann mithilfe der Internetseite startpage.com die Google-Suche nutzen, ohne persönliche Daten zu hinterlassen. Jeder hat das in der Hand.