Elisabeth Holuscha könnte viel erzählen über Fachhochschulen. Sie hat dazu promoviert und mit über 150 Hochschulpräsidenten und Professoren Interviews geführt. Sie weiß, wodurch Fachhochschulen erfolgreich sind – und woran sie scheitern. Nur, darüber reden will die Soziologin im Moment nicht.

Holuscha ist Angestellte der Fachhochschule Köln. Und dort ist man seit der Veröffentlichung ihrer Dissertation nicht gut auf sie zu sprechen. Denn Elisabeth Holuscha hat aus ihren Studien Schlüsse gezogen, die den Fachhochschulen gerade jetzt überhaupt nicht passen. Sie findet, dass das Promotionsrecht, das die Fachhochschulen gern hätten, ihnen mehr schaden als nutzen würde. Denn was würden FH-Professoren machen, wenn sie auch Doktoranden betreuen würden? Das, was viele Uni-Kollegen auch tun: sich aus der Lehre zurückziehen. Daher sollten sich die Fachhochschulen lieber auf die Lehre konzentrieren, statt so sein zu wollen wie die Unis. Ansonsten, davon ist Elisabeth Holuscha überzeugt, würden sie ihr Erfolgsmodell aufgeben.

Es herrscht eine Art Statuspanik unter den deutschen Hochschulen

Die harsche Reaktion auf Holuschas Dissertation belegt, wie angespannt die Stimmung bei den Fachhochschulen derzeit ist. Zum vielleicht ersten Mal in ihrer rund vierzigjährigen Geschichte wittern sie die Chance, endlich zu den Universitäten aufschließen zu können. In einigen Bundesländern sollen FH-Professoren demnächst Doktoranden ausbilden dürfen; bislang ist das Promotionsrecht ein Privileg der Unis. Schleswig-Holsteins parteilose Wissenschaftsministerin Waltraud Wende will das ändern und dazu ein neues Hochschulgesetz auf den Weg bringen. In Baden-Württemberg gibt es neuerdings eine Experimentierklausel, nach der ein Verbund von Fachhochschulen zeitlich und inhaltlich befristet das Promotionsrecht bekommen kann. Ähnliches plant die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen. Zudem drängen die Fachhochschulen verstärkt auf eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die bislang fast nur Grundlagenforschung finanziert und nicht anwendungsorientierte Forschung.

Schon in den vergangenen Jahren haben sich die Fachhochschulen den Unis immer weiter angenähert. Durch die Bologna-Reform sind die Studienabschlüsse gleichgestellt, der Bachelor oder Master wird ohne den früheren Zusatz "FH" verliehen. Und auch in der Forschung haben die Hochschulen aufgeholt. Es gibt sogenannte Forschungsprofessuren mit geringerer Lehrverpflichtung. Der Bund hat ein Forschungsprogramm für Fachhochschulen aufgelegt. Auch gibt es mittlerweile einige FHs mit eigenen Graduiertenkollegs, in denen Doktoranden betreut werden. Die Prüfung allerdings nehmen Uni-Professoren ab.

Mit jedem Schritt in Richtung Uni mögen die Fachhochschulen Renommee gewinnen, doch sie verlieren ein Stück ihrer besonderen Identität. Je geringer die Unterschiede zwischen den Hochschultypen werden, desto weniger sind die Vorteile der FH erkennbar: die innovative Lehre, die Praxisnähe, der schnelle Jobeinstieg, das gute Betreuungsverhältnis – an einer FH kommen auf einen Professor 45 Studenten, an der Uni sind es 64.

Doch statt sich genau damit hervorzuheben, begeben sich die Fachhochschulen in ein Rennen mit den Unis, das sie nicht gewinnen können. In direkter Konkurrenz um Fördergeld würden sie den Kürzeren ziehen, davon ist Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft überzeugt. Unis sind viel besser ausgestattet mit Geräten und Personal. Ein Professor an der Uni muss höchstens neun Stunden in der Woche lehren, sein FH-Kollege doppelt so viel. Ein Blick auf die aktuellen Drittmittel zeigt, wie groß der Abstand ist: Ein Uni-Professor wirbt im Schnitt 232.300 Euro im Jahr ein, ein FH-Professor 25.500 Euro. Insgesamt nahmen alle deutschen Unis im Jahr 2011 rund 5,7 Milliarden Euro Drittmittel ein, die FHs 382 Millionen Euro. Die Rollen sind eigentlich klar verteilt, doch die FHs wollen sich damit nicht abfinden. "Gute Lehre ohne gute Forschung ist auch an einer Fachhochschule nicht denkbar", beteuert Micha Teuscher, Rektor der Fachhochschule Neubrandenburg.

Es gibt ein Streben nach Höherem auf allen Ebenen des Wissenschaftssystems. Und mittendrin: die Fachhochschulen. Sie versuchen sich abzugrenzen zu den sehr praxisnahen dualen Hochschulen, den neuen Darlings der Wirtschaft, an denen ausschließlich Studiengänge in Kombination mit einer Berufsausbildung angeboten werden und kaum geforscht wird. Aufschließen wollen sie dafür zu den Universitäten. Nach unten wird getreten, nach oben gebuckelt. Die Unis wiederum betonen ihre Forschungsstärke und verteidigen mit scharfen Worten ihr Promotionsrecht. Es herrscht eine Art Statuspanik unter den deutschen Hochschulen, "ein Trend zum Upgrading", sagt Meyer-Guckel, "und am Ende wird keiner gewinnen".