Die 1948 in Schwyz geborene Gertrud Leutenegger, die in jungen Jahren als Kindergärtnerin, als Regieassistentin von Jürgen Flimm, als Kustodin im Nietzsche-Haus in Sils Maria arbeitete, in Tokio, Florenz, Berlin, in Dörfern der italienischen Schweiz lebte und mittlerweile in Zürich wohnt, diese literarisch Anerkannte, beim Lesepublikum wohl eher Unbekannte, zählt zu den Schriftstellern, denen das Attribut still anhaftet.

Was ist damit gemeint? Für die Beschreibung der Tätigkeit, die Gertrud Leutenegger seit ihrem Debütroman Vorabend aus dem Jahr 1975 ausübt, ist das Wort ja eher überflüssig. Schreiben vollzieht sich nun mal still. Selbst die Autoren, die sich durch ihr Talent zum temperamentvollen oder tumultuösen Auftritt in der Öffentlichkeit das Gegenattribut verdient haben und als laut bezeichnet werden, kommen nicht umhin, sich beim Verfassen von Texten in Stille zu üben.

Gemeint ist also: Gertrud Leutenegger erzeugt über ihre Bücher hinaus, die sie in großen, skrupulösen Abständen veröffentlicht, keinerlei Lärm. Sie tritt bei Lesungen auf, gibt gelegentlich Interviews, aber das war’s. Sie schreibt keine Meinungsartikel für Zeitungen, mischt sich nicht ins Debattengeschäft. Warum auch? Warum soll es im Berufsstand der Schriftsteller nicht einträchtig nebeneinander die Stillen, die Lauten und die Poltergeister geben? Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn der Geräuschpegel, der die Persönlichkeit eines Autors umgibt, dient mittlerweile als Maßeinheit, nach der sich auch das Bedeutungsprestige seiner Werke bemisst. Unwillkürlich wirken die Bücher der Stillen auch irgendwie still. Als hätten sie nichts zu sagen, nichts Neues, Aufregendes, Energisches. Und es könnte sein, dass Gertrud Leutenegger zu jenen Schriftstellern gehört, deren Stille die Rezeption ihrer Literatur ein wenig beeinträchtigt.

Nun ist es so, dass der Schweizerin außerdem noch das Attribut schwierig anhaftet. Damit wiederum ist gemeint: Sie schreibt keine fortlaufenden Geschichten, keine Storys nach dem Prinzip des Linearen. Ihre Prosa geht aus Strudeln hervor. Sie entsteht in einer Werkstatt der Momentaufnahmen und Bilder, der assoziativen, leicht deliranten Verknüpfung von Orten, Zeiten, Erinnerungen und Episoden, die der Werkstatt von Lyrikern ähnlich ist. Tatsächlich bewegt sich Leuteneggers Prosa gelegentlich auch in Sichtweite zum Poem, und es wäre eine Lüge, zu behaupten, sie habe in der Vergangenheit nicht ein paar Bücher verfasst, die schon arg mühsam zu lesen, die überspannt, als Parabeln überanstrengt und übermäßig mythologisiert waren.

Tempi passati! Gertrud Leuteneggers neuer Roman Panischer Frühling packt den Leser, zieht ihn in sein Spannungsfeld, lässt ihn nicht mehr los. Der Schauplatz dieses Spannungsfeldes ist allerdings, in zeitlicher wie in topografischer Hinsicht, auch bestens gewählt: Frühjahr 2010. Auf Island bricht der Vulkan mit dem unaussprechbaren Namen Eyjafjallajökull aus. Kilometerhohe Aschewolken donnern in die Luft. Ein Naturschauspiel, das die Ökologen nicht beunruhigen muss, aber ganz Europa in einen Ausnahmezustand versetzt, denn der Luftverkehr liegt über Tage hin lahm. Kein Flugzeug am Himmel, keines über London. Ebendort hält sich die Icherzählerin auf. Eine Frau jenseits der Lebensmitte und mit der Autorin wohl identisch. Sie hat sich eine Auszeit genommen, verbringt ein halbes Jahr in London, wohnt im East End, plaudert mit den bengalischen Nachbarn, geht durch Straßen und Parkanlagen, besucht Kirchen und Museen, lässt sich treiben, macht sonst nichts.