ZEIT: Nächstes Jahr ist Bürgerschaftswahl – und Sie regen die Abschaffung einer Hamburgensie an?

Kerstan: Wir sollten darüber zumindest diskutieren – und das wagt keiner. Man macht sich damit weder in der eigenen Partei noch in der Öffentlichkeit beliebt. In Deutschland herrscht ja nicht nur Politikverdrossenheit, sondern in Teilen sogar Politikverachtung. Um unser Ansehen zu verbessern, sollten wir Politiker uns trauen, für mehr Effizienz zu streiten.

ZEIT: Alle 121 Bürgerschaftsabgeordneten in Vollzeit anzustellen wäre teuer. Wer soll das bezahlen?

Kerstan: Das Ganze wäre wohl nicht finanzierbar, ohne die Bürgerschaft zu verkleinern. In Hamburg kommt ein Abgeordneter auf 15.000 Einwohner, in Schleswig-Holstein kommt einer auf 46.600 Einwohner.

ZEIT: Eine interessante Idee: Sie wollen die Politikverdrossenheit bekämpfen, indem Sie die Kluft zwischen Politik und Bürger vergrößern?

Kerstan: Die Gefahr sehe ich nicht. In Hamburg kann man auch mit weniger Abgeordneten Volksnähe und Präsenz im Wahlkreis wahren. In einem Stadtstaat mit kurzen Wegen ist das leichter als in Flächenländern.

ZEIT: Ist es nicht eher so, dass gerade das Feierabendparlament ein gutes Instrument gegen Politikverachtung ist? Wenn mein Kollege abends in der Bürgerschaft vor dem Hintergrund seiner Berufserfahrungen Gesetze diskutiert, verachte ich den vielleicht weniger.

Kerstan: So gesehen müsste der Parlamentarismus in Hamburg in besserem Licht dastehen als in anderen Bundesländern. Das tut er aber nicht.

ZEIT: Sie sind seit mittlerweile zwölf Jahren Berufspolitiker. Wissen Sie überhaupt noch, was die Hamburger bewegt?

Kerstan: Ich verzichte auf den Dienstwagen für Fraktionschefs und fahre mit der S-Bahn ins Büro. Samstags kaufe ich auf dem Wochenmarkt ein. Es ist wichtig, mitzukriegen, was die Aufregerthemen in Kantinengesprächen oder am Gartenzaun sind. Aber klar: Ich arbeite oft 70 Stunden oder mehr die Woche. Da ist es eine Herausforderung, das Ohr an den Problemen der Leute zu haben.

ZEIT: Genau das dürfte Ihren Kollegen im Teilzeitparlament leichter fallen. Lehrer zum Beispiel bekommen in der Schule aktuell direkt mit, wie die Stimmung in Sachen G 8 oder G 9 ist.

Kerstan: Sicher. Wer beruflich nicht ausschließlich als Politiker tätig ist, bekommt andere Impulse. Gleichzeitig muss man feststellen, dass gerade in einem Teilzeitparlament nur bestimmte Berufsgruppen stark vertreten sind.

ZEIT: Rechtsanwälte und Beamte?

Kerstan: Ja, die können den Abgeordnetenjob besser organisieren als ein Unternehmer oder Handwerker. In Wirklichkeit ist Bürgerschaftsabgeordneter ja ein Vollzeitjob, der Teilzeit bezahlt wird. Die Arbeit ist die gleiche wie in anderen Bundesländern, man soll sie nur neben seinem Beruf und mit einem Drittel des Gehalts erledigen. Wer nicht mindestens 40 Stunden in der Woche investiert, hat keine Chance.

ZEIT: Aber spricht nicht Einiges dafür, auch Vertreter aus Berufen im Parlament zu haben, die sagen können: Was hat diese Verordnung jetzt konkret für Konsequenzen?

Kerstan: Ich würde es begrüßen, wenn Menschen nicht gleich vom Studium in die Politik gehen und dann bis zur Rente dort bleiben. Praktische Berufserfahrung ist hilfreich.