Es ist neun Uhr morgens. Die Hamburger Schüler haben Ferien. Aber vom Schulhof der Max-Traeger-Schule im Stadtteil Eidelstedt sind lautes Geklatsche und Gekicher zu hören. Die Lehramtsstudentin Asja Wortmann steht vor einer Schülergruppe und klatscht den Takt von We Will Rock You auf ihre Schenkel. Langsam bilden die Kinder eine Traube um die 21-Jährige und fangen selbst an zu klatschen und zu trommeln. Asja blinzelt in die blendende Morgensonne. "Das machen wir jeden Morgen bei Climb", erklärt sie. "Rituale sind wichtig."

Climb ist ein freiwilliges zweiwöchiges Ferienlernprogramm für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren. Die Abkürzung steht für "Clever lernen, immer motiviert bleiben". Die private Initiative wurde 2012 gegründet und mit einem Preis für Sozialunternehmer ausgezeichnet. Die Teilnahme am Programm kostet 40 Euro, die teilweise durch Stipendien abgedeckt werden können.

Solche Programme gibt es mittlerweile viele, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, doch dieses Angebot verfolgt eine eigene Philosophie: Nicht nur die Schüler sollen davon profitieren, auch die Lehramtsstudenten, die die Kinder unterrichten. Auch Asja Wortmann wollte mehr praktische Erfahrung sammeln, deshalb hat sie sich beworben. In Potsdam studiert sie im dritten Semester Lehramt für Deutsch und Latein. Bisher kannte sie Pädagogik und Didaktik vor allem in der Theorie, aus Lehrbüchern und Vorlesungen, bei Climb steht sie nun mitten im Klassenzimmer.

Drei Lehrer kümmern sich hier um eine Gruppe von 13 Schülern. Ein Betreuungsschlüssel, von dem die Kinder im normalen Unterricht nur träumen können. Asja Wortmann ist heute verantwortlich für die Gestaltung des Deutschunterrichts. An der Tafel hat sie bereits das Thema der Stunde angekündigt: "Forscher lernen, was Quellen sind". Noch sind die 13 Nachwuchsforscher jedoch unruhig, der Geräuschpegel in der Klasse ist hoch. Der zwölfjährige Gabriel ist beleidigt und will nicht zu den anderen Kindern in den Sitzkreis. Hilfe suchend blickt Asja Wortmann über ihren Brillenrand zu den beiden jungen Lehramtskollegen. "Was tun?" Doch gegenüber den Schülern lässt sie sich ihre Unsicherheit nicht anmerken. Sie versucht den Kindern klarzumachen, warum sie in der Projektarbeit nicht aus ihren Sachbüchern über Haie und Seepferdchen abschreiben dürfen, sondern immer die Quelle angeben müssen.

Ganz zufrieden sei sie nicht, sagt Wortmann in der Mittagspause: "Irgendwie habe ich es nicht geschafft, einen Flow in die Stunde zu bringen." Dabei weiß sie ganz genau, was ihr als Lehrerin am wichtigsten ist: "Konsequenz und klare Regeln". Während die 21-Jährige auf dem Schulhof ein Auge auf die Kinder am Klettergerüst wirft, erzählt sie, was ihr im Lehramtsstudium in Potsdam fehlt. "Es ist traurig, dass ich in eineinhalb Jahren erst so wenige Praxiserfahrungen sammeln konnte."

Diese Kritik teilt sie mit vielen Lehramtsstudenten. Laut einer Allensbach-Studie aus dem Jahr 2012 hält jeder zweite Lehrer das Studium für unzureichend. Hauptkritikpunkt ist die Trennung von Theorie und Praxis. An der Universität studieren angehende Lehrer ihre jeweiligen Fächer als Wissenschaft, gemeinsam mit anderen Germanisten und Biologen. Die Praxisausbildung findet erst nach dem Studium im Referendariat statt. Climb will angehenden Lehrern schon vor dem Referendariat eine Möglichkeit bieten, sich auf die Herausforderungen des Berufs vorzubereiten. Sie unterrichten in einem klaren Rahmen, können so auch eigene Methoden ausprobieren.

Die noch unerfahrenen Studenten werden in Workshops auf ihre Aufgaben vorbereitet und während des Lerncamps unterstützt, etwa bei der Stärkenorientierung. Die Psychologin Hannah Schmidt-Friderichs, eine der drei Gründerinnen von Climb, will dabei wissen: "Welche deiner persönlichen Stärken kannst du im Unterricht einsetzen?" Asja Wortmann überlegt nicht lange. "Entspannter Umgang mit Kindern" und "Schreiben". Auch die Schüler, die meist aus sozial benachteiligten Familien kommen, müssen sich vorbereiten. Bevor sie an den Lernferien teilnehmen können, füllen sie einen Analysebogen aus, damit die Climb-Lehrer gezielt auf ihre Stärken und Schwächen eingehen können.

Nach der Mittagspause beginnt der Projektnachmittag. Einige Schüler bauen aus Getränkekartons und Taschenspiegeln ein Spionagerohr zum Um-die-Ecke-Gucken. Andere experimentieren mit einem Laserstrahler. Um 16 Uhr gehen die Kinder nach Hause, auf Asja Wortmann aber wartet noch ein Feedbackgespräch mit Hannah Schmidt-Friderichs. "Halber Daumen. Geht besser, war schon besser", sagt Wortmann etwas kleinlaut. Doch die Psychologin hält sich nicht mit Fehlern auf und redet über Wortmanns Stärken. "Ich finde es cool, wie gelassen du mit Störungen umgegangen bist", sagt sie und lobt auch Wortmanns Flexibilität. Das freut die Studentin ganz besonders. Schließlich hat sie sich vor Beginn der Lernferien auch ein persönliches Lernziel gesetzt: spontan sein, nicht alles bis ins Detail vorausplanen. Weil Kinder nicht so geduldig seien wie die Pädagogikbücher an der Universität.