DIE ZEIT: Herr Ansari, Sie waren mehr als 30 Jahre lang Lehrer an der Odenwaldschule und gelten heute als einer ihrer schärfsten Kritiker. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass man aktuell gegen einen dortigen Pädagogen ermittelt, dem der Besitz von kinderpornografischem Material vorgeworfen wird?

Salman Ansari: Ich habe gedacht, was ich schon lange denke: Die Schule hat wenig aus dem Missbrauchsskandal gelernt. Stattdessen hat sie die letzten Jahre mit kosmetischen Korrekturen verbracht und vor allem verwaltungstechnische Maßnahmen ergriffen. Lehrer müssen jetzt Selbstverpflichtungserklärungen unterschreiben und polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen. Die Keimzelle der pädophilen Kriminalität aber war die familienähnliche Struktur des Zusammenlebens von Lehrern und Schülern, die sogenannte OSO-Familie. Daran hat bisher niemand gerührt. Dieses Familienprinzip muss abgeschafft werden.

ZEIT: Der nun verdächtigte Lehrer soll bei der Schulleitung bereits unter besonderer Beobachtung gestanden haben – Schüler hatten sich über sein Verhalten beschwert. Trotzdem hat er eine Wohngruppe in der Odenwaldschule betreut. Erst als die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte, hat die Schule dem Lehrer gekündigt. Was halten Sie von dieser Art Krisenmanagement?

Ansari: Ich kenne diese Strukturen und Muster. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Immer geht es darum, zu vertuschen und zu verharmlosen, zu zeigen, dass es doch nicht so schlimm ist. Bloß nichts an die große Glocke hängen. Wenn Schüler das Verhalten eines Lehrers merkwürdig finden, dann redet zunächst der Schulleiter mit diesem Lehrer. Der wiederum versichert, dass alles in Ordnung sei. Die Schule behauptet, sie wäre die sicherste in Deutschland. Ich frage mich: Wie kommen die dazu, so etwas auch nur zu denken?

ZEIT: Noch heute arbeiten viele Lehrer an der Odenwaldschule, die sowohl die Ära Gerold Becker, in der der Missbrauch stattgefunden hat, erlebt haben als auch die Phase Ende der neunziger Jahre, als versucht wurde, die Aufklärung des Skandals zu verhindern. Was hält diese Menschen an einem solchen Ort?

Ansari: Die Schule ist für viele dieser Lehrer der Lebensmittelpunkt, ihr Zuhause. Sie leben noch immer in dem Glauben, die Odenwaldschule sei die beste Schule der Welt. Sie besitzen noch immer diesen Dünkel, an einem ganz besonderen Ort zu arbeiten. Nun scheint ihnen dieser Ort durch eine Art Missgeschick in eine dunkle Ecke geraten zu sein. Dass ein Schulleiter Kinder sexuell missbraucht hat, das empfinden sie eher als eine Art Schicksalsschlag. Ich lebe noch immer in Oberhambach in der Nähe der Schule, aber von den Lehrern grüßt mich niemand mehr, seitdem ich für eine schonungslose Aufklärung des Missbrauchsskandals eintrete und Veränderungen an der Schule fordere. Ich bin für sie der Verräter.

ZEIT: Woher kommt diese Haltung?

Ansari: Die Lehrer kämpfen verzweifelt um den alten Ruf ihrer Schule. Aber dieser Ruf war erschwindelt. Der war zu keiner Zeit begründet oder erkämpft. Die Odenwaldschule hatte, zumindest während meiner Tätigkeit dort, kein durchdachtes Konzept. Immer wurde von Reformpädagogik geredet, aber wenn man fragte: "Was ist das denn eigentlich?", kam herzlich wenig.

ZEIT: Der nun verdächtigte Lehrer kam erst 2011 an die Schule. Muss man davon ausgehen, dass die Odenwaldschule Menschen mit pädophilen Neigungen anzieht?

Ansari: Ja, natürlich. Weil die Nähe zu den Kindern hier besonders groß ist. Wo gibt es sonst eine Schule in solcher Abgeschiedenheit, mit all diesen vereinzelt stehenden Häusern? In den Familien können die Lehrer schalten und walten, wie sie wollen, da kann es unmöglich eine endgültige Kontrolle geben, wie sollte das auch funktionieren? Und nicht jeder Lehrer ist automatisch ein guter Erzieher. Ein polizeiliches Führungszeugnis sagt nichts darüber aus, ob jemand geeignet ist, 24 Stunden am Tag mit Kindern und Jugendlichen zusammenzuleben. Ich frage mich, wer sorgt da eigentlich für eine regelmäßige Supervision? Warum werden neue Lehrer nicht von einem Psychologen überprüft? Wer einer Person so viel Verantwortung gibt, muss doch wissen, was hinter ihrer Fassade steckt.

ZEIT: Sie selbst waren fast zehn Jahre lang ein Familienhaupt an der Odenwaldschule ...

Ansari: ... und ich wäre fast gescheitert. Über Nacht war ich quasi nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher. Ich hatte neun Kinder, die sehr schwierig waren, die haben Hasch geraucht, waren Schulversager, kamen aus völlig zerrütteten Familien. Wir waren als Lehrer für solche Fälle nicht ausgebildet. Irgendwann habe ich zum damaligen Schulleiter Wolfgang Harder gesagt: Wir sind eine therapeutische Einrichtung ohne Therapeuten. Ich fand das anmaßend und verantwortungslos.

ZEIT: Fragt man die heutigen Schüler der Odenwaldschule, sagen viele, sie seien hauptsächlich wegen des Familienmodells gekommen.

Ansari: Die Kinder sind sehr indoktriniert. Sobald man sie trifft, erzählen sie, wie toll und großartig ihre Schule ist. Das ist aber auch kein Wunder. Viele von ihnen fühlen sich sofort wohl an der Schule, weil sie aus ganz desolaten Verhältnissen stammen oder an anderen Schulen nicht klarkamen. Ich erinnere mich noch gut, wie einige ehemalige Schüler nach dem Aufdecken des Missbrauchsskandals sagten: Ich hab zwar gewusst, was da passiert, aber die Odenwaldschule war die bessere Hölle, verglichen mit dem, was wir zu Hause erlebten.

ZEIT: Was ist an der Odenwaldschule überhaupt noch erhaltenswert?

Ansari: Es gibt in Deutschland sehr viele Kinder, die einen Ort wie die Odenwaldschule brauchen. Weil sie auf eine gewisse Weise heimatlos sind, weil sie an einem solchen Ort ein neues Leben beginnen können. Wer solche Kinder betreut, übernimmt eine hohe Verantwortung. Aber im Moment kann die Odenwaldschule dieser Aufgabe nicht gerecht werden.

ZEIT: Was müsste geschehen?

Ansari: Die Schule muss von Grund auf reformiert werden. Sie muss sich endlich zu einem klaren pädagogischen Konzept bekennen. Wofür steht sie eigentlich? Das Familienprinzip ist nicht mehr haltbar. Lehrer dürfen nicht außerhalb des Unterrichts die Betreuung der Kinder übernehmen. Die Nähe zwischen Lehrern und Kindern in den Wohnbereichen muss aufgehoben werden. Die alte Odenwaldschule ist gescheitert. Wer daran festhält, versucht, die Missbrauchskatastrophe als Unfall der Geschichte zu verharmlosen. Und wer so denkt, dem kann es nicht um das Wohl der Kinder gehen.