DIE ZEIT: Was hat sich für Sie verändert, Frau Knoll?

Rebekka Knoll: Eigentlich eine ganze Lebenseinstellung. Ich habe das Gefühl, im vergangenen Jahr zur Schriftstellerin geworden zu sein.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Knoll: Wenn man mich früher, als ich noch in Berlin lebte, gefragt hat, was ich so mache, antwortete ich: Ich studiere Theaterwissenschaften und schreibe nebenbei Jugendbücher. Das hat sich erst verändert, nachdem ich nach Gotha umgezogen war.

ZEIT: Wie kam das?

Knoll: Ich durfte in Gotha ein halbes Jahr als Stadtschreiberin verbringen, bekam eine kostenlose Wohnung und zusätzlich ein Stipendium über 800 Euro. Eine großartige Sache: Ich musste dort nichts anderes tun, als zu schreiben – und nebenbei noch die Menschen zu beobachten, die in Gotha leben. Ich durfte in ein wunderschönes Dachgeschoss direkt am Markt einziehen, schräg gegenüber vom Rathaus, und in aller Ruhe an meinen Büchern arbeiten! Das ist ein ziemlicher Luxus für eine Schriftstellerin.

ZEIT: Wie wird man Stadtschreiberin?

Knoll: Man bewirbt sich. Die Stelle wird einmal jährlich neu vergeben. Ich habe ein Manuskript meines neuesten Buches eingeschickt, eine Jury hat es sich angesehen – das war schon alles. Es gibt eigentlich nur zwei Bedingungen: Man muss in Gotha einen neuen Roman schreiben, die Stadt sollte darin vorkommen. Und das Manuskript muss innerhalb dieser sechs Monate fertig werden. Ich habe mir sowieso immer schon gewünscht, nach dem Studium für ein paar Monate in eine ganz neue Welt verschwinden zu können.

ZEIT: Und Gotha war eine ganz neue Welt?

Knoll: Ja, ich kannte da niemanden, war auch nie zuvor dort gewesen. Ich stamme aus einem Dorf in Hessen, habe lange in Berlin gelebt. Ich wusste nur: Gotha liegt in der Nähe von Erfurt. Von Erfurt wusste ich, es liegt in Thüringen. So viel zu meinem Vorwissen. Im Grunde bin ich in diese Aufgabe hineingestolpert. Das ist von der Stadtverwaltung aber auch so gewollt. Stadtschreiber sollen Fremde sein, mit einem frischen Blick in den Ort kommen.

ZEIT: Wie fühlte sich der Schritt von Berlin nach Gotha denn an?

Knoll: Jetzt stellen Sie mir diese Frage auch noch.

ZEIT: Sie liegt doch nahe.

Knoll: Es ist komischerweise die Frage, die mir in Gotha mit Abstand am häufigsten begegnete. Gotha ist eine unheimlich romantische, malerische Stadt. Und so langweilig, wie manche vielleicht glauben, ist es da gar nicht. Der Ort hat 45 000 Einwohner. Trotzdem fragten mich immerzu alle, ob es für mich nicht ein bisschen dröge sei. Auch die Gothaer selbst. Das hat mich schon gewundert.

ZEIT: Sie sind 25 Jahre alt. Besonders viele Gleichaltrige werden Sie dort nicht getroffen haben.

Knoll: Das stimmt. Das Problem ist, dass der Stadt im Grunde eine Generation fehlt – nämlich meine. Es gibt viele ältere Leute, jede Menge Senioren, es gibt Mittvierziger und junge Familien, außerdem viele Schüler. Lediglich Leute Mitte, Ende 20 gibt es kaum. Trotzdem muss man nicht gleich pessimistisch werden.

ZEIT: Was gibt Ihnen denn Hoffnung?

Knoll: Viele Dinge in der Welt ändern sich so schnell! Vor ein paar Jahrzehnten waren Großstädte doch auch noch nicht so angesagt wie jetzt. Meine Eltern sind wie selbstverständlich in ihrer Heimat geblieben. Es kann sein, dass die nächste Generation schon gar keine Lust mehr darauf hat, sich in Berlin um kleine WG-Zimmer zu prügeln. Vielleicht wollen in ein paar Jahrzehnten die Erfurter Studenten in Gotha leben und zur Uni pendeln. Wer weiß das schon?

ZEIT: Welche Geheimnisse haben die Bürger ihrer Stadtschreiberin eigentlich so anvertraut?

Knoll: Ehrlich gesagt: So viel haben sie mir gar nicht erzählt. Die Leute wollen eher nicht über sich sprechen. Mein Eindruck war: Denen geht es im Großen und Ganzen recht gut. Ich kann mich überhaupt nur an eine einzige Frau erinnern, die mal wirklich geschimpft hat. Sie hat sich beschwert, dass viel zu viele Leute die DDR verklären würden. Ansonsten kam mir der Ort immer gemütlich vor, wahnsinnig heimelig. Es gab nur wenige Debatten.

ZEIT: Man sagt, die Ostdeutschen würden nicht so gerne streiten.

Knoll: Ich kenne es aus meiner Heimat jedenfalls anders: Im Dorf meiner Eltern, in Hessen, wird oft diskutiert. Da ist es ein riesiges Thema, wenn jemand aus dem Karnevalsverein austritt oder einer seine Frau verlässt. Vielleicht streiten die Thüringer mehr im Verborgenen, aber ich hatte nicht den Eindruck, als würden sie um irgendetwas wirklich ringen. Sie leben in diesem Städtchen mit seinem toll sanierten Schloss und fühlen sich rundum wohl.

ZEIT: Auf ihr Schloss sind die Gothaer stolz.

Knoll: Ja, das ist ihnen unendlich wichtig. Es gibt auch einige verfallene Häuser, in Berlin würde man sagen: mit morbidem Charme. Aber während man sich in Berlin diese verfallenden Häuser erobert, beachtet man sie in Gotha einfach nicht mehr. Das finde ich schade. Manchmal fehlt es noch an Ideen. Ich habe einmal selbst ein altes Haus für ein paar Wochen neu belebt.

ZEIT: Wie kam das?

Knoll: Das Gebäude beherbergte früher ein Internat und steht seit Jahren leer. Ich habe darin mit Schülern aus der Region einen Schreib-Workshop veranstaltet. Jeder Teilnehmer sollte eine eigene Geschichte erfinden, die Texte haben wir auf Tapeten geschrieben und an die Wände gekleistert. Später durften noch Graffiti an die Außenwände gesprüht werden. Lustig eigentlich – ich musste erst von Berlin nach Gotha ziehen, um das erste Mal Graffiti-Sprayer bei der Arbeit zu sehen.

ZEIT: Worum geht es eigentlich in dem Roman, den Sie in Gotha geschrieben haben?

Knoll: Es geht um ein junges Paar, eigentlich eine tragische Geschichte: Der Junge stirbt, das Mädchen erhält nach seinem Tod aber immer wieder Botschaften und Nachrichten von ihm … Teile der Geschichte werden in Gotha spielen, es soll im kommenden Frühjahr erscheinen. Und es ist nicht das einzige Buch, das in dem halben Jahr entstanden ist. Ich habe noch einen weiteren Roman fertig bekommen. So effektiv war ich noch nie. Morgens nach dem Frühstück habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, abends um 18 Uhr habe ich Feierabend gemacht. Dazwischen habe ich gearbeitet, und zwar unheimlich diszipliniert. Man kann sagen: Das war eine richtige Schreiblust, die mich in Gotha gepackt hat.